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Der Favorit von Gölä, die Poetry-Slammerin, der Kämpfer für ein eigenständiges Leben: Das sind die Listenfüller und Exoten unter den St.Galler Nationalratskandidaten

Die meisten St.Galler Nationalratskandidaten sind unbekannt und haben kaum Wahlchancen. Doch ohne sie wäre die Demokratie nur halb so lebendig.
Texte: Michael Genova
255 Kandidierende auf 25 Listen: Im Kanton St.Gallen bewerben sich deutlich mehr Personen als vor vier Jahren für den Nationalrat.

255 Kandidierende auf 25 Listen: Im Kanton St.Gallen bewerben sich deutlich mehr Personen als vor vier Jahren für den Nationalrat.

Sogar Gölä würde ihn wählen

Dänu Wisler (SVP) (Bild: PD)

Dänu Wisler (SVP) (Bild: PD)

Wisler ist ein Sonderfall. Das stellt der Kandidat auf seiner Website gleich selber klar. Denn Dänu Wisler ist auf den ersten Blick alles andere als ein typischer SVP-Politiker. Der freischaffende Musiker und Buchautor kommt ursprünglich aus dem Emmental und ist auf verschlungenen Pfaden in Nieder­helfenschwil gelandet. Heute arbeitet Wisler Teilzeit als Kirchenmusiker im Neckertal, organisiert die Neckertaler Alphornmesse und hat kürzlich sein drittes Buch veröffentlicht. Titel: «Die Weiberbüchse.». Als ihn die SVP Toggenburg im März als Nationalratskandidat nominierte, sah Wisler mit seinem wallenden Künstlerhaar neben Parteisekretärin Esther Friedli tatsächlich aus wie ein Exot. Doch spätestens mit seinem selbst komponierten Wahlkampfsong «D’Schwiiz isch d’Schwiiz» macht er deutlich, dass er ganz auf Parteilinie liegt (Refrain: «Mir sii gärn frei u souverän»). Unterstützung erhielt er kürzlich via Youtube sogar von Gölä. Mit einer Krummen im Mund bat der Berner Musiker die St.Galler, Wisler zu wählen: «Ausnahmsweise mal einen Künstler, bodenständig und mit gesundem Menschenverstand».

Der Traum von einer Stadt im Wald

Andrea Büsser (Junge CVP) (Bild: PD)

Andrea Büsser (Junge CVP) (Bild: PD)

Andrea Büsser sehnt sich nach einem Leben im Einklang mit der Natur. «Als ich ein Kind war, hörte ich am Morgen die Vögel singen, die Grillen zirpen und die Kühe der Bauern», sagt die 31-Jährige in ihrem Wahlvideo. Diese Zeiten sind längst vorbei. Die Grillen sind verstummt, die Kuhglocken haben ausgeläutet. Und: «Die Grünflächen sind alle verbaut», sagt Büsser. Sie will sich deshalb für eine nachhaltige Raumplanung einsetzen und möglichst viel Grünfläche erhalten.

«Meine Vision ist eine Stadt im Wald.» Im smoggeplagten China entstehe gerade eine solche Waldstadt. Andrea Büsser arbeitet bei der Raiffeisenbank in Walenstadt –ihr Aufgabengebiet: der Kampf gegen Geldwäscherei – und präsidiert seit drei Jahren die CVP Sargans. Für den Nationalrat kandidiert sie auf der Liste der Jungen CVP. Büsser will sich auch für eine verantwortungsvolle Wirtschaft einsetzen. «Alles dreht sich nur um Geld und Macht», kritisiert sie. Sie lobt die Schweizer KMU und geisselt die multinationalen Konzerne. Es könne nicht sein, dass Grossunternehmen Steuergeschenke erhielten und mit dem Profit nur die Aktionäre beglückten, während die Reallöhne sänken.

Poetry-Slammerin und Klimaaktivistin

Ottilie Jacobi (Junge Grüne) (Bild: PD)

Ottilie Jacobi (Junge Grüne) (Bild: PD)

Verbot von Inlandflügen, Flugticketabgaben, CO2-Steuer und Atomausstieg: Die Forderungen von Ottilie Jacobi sind glasklar. «Ich bin mit der aktuellen Klimapolitik unzufrieden und will, dass sich endlich etwas verändert», sagt die 18-Jährige, die auf der Liste der Jungen Grünen kandidiert. Sie steht geradezu exemplarisch für die Schülerinnen und Studenten, die für einen besseren Klimaschutz auf die Strasse gehen. Ottilie Jacobi besucht das letzte Schuljahr an der Kantonsschule am Burggraben, spielt in ihrer Freizeit Theater und schreibt gerne Slam Poetry. «Deine Fantasie hat keine Grenzen, da können sich auch Piraten und Feen super ergänzen», schreibt sie in einem ihrer Gedichte, die sie auf Youtube vorträgt.

Ottilie Jacobi will nicht nur eine progressive Klimapolitik, sondern vertritt auch dezidiert gesellschafts­liberale Positionen. Sie fordert eine ­individuelle Elternzeit, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sowie Barrierefreiheit für Menschen mit Einschränkungen. Sie sagt: «Die Schweiz hat sich weiterentwickelt, nun muss sich auch die Politik weiterentwickeln.» Das sei nur möglich, wenn junge, kreative Menschen im Parlament sitzen.

Kämpfer für ein eigenständiges Leben

Cem Kirmizitoprak (Juso) (Bild: PD)

Cem Kirmizitoprak (Juso) (Bild: PD)

«In der Schweiz gibt es eine Zwei- oder sogar eine Dreiklassengesellschaft.» Sei es in der Bildung, bei der Arbeit oder sogar im Gesundheitsbereich. «Das muss gestoppt werden», fordert Cem Kirmizitoprak. Der 27-Jährige weiss, wovon er spricht. Wegen eines Geburtsgebrechens ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Der kurdischstämmige Kirmizitoprak kam als Siebenjähriger in die Schweiz. Er machte eine Lehre als Industriepraktiker und gründete später die Beratungsstelle Inklusion St.Gallen. Dort berät er unter anderen Privatpersonen in Sozialversicherungsfragen. Auf Facebook nennt er sich augenzwinkernd: «Cems Bond, der Inklusionsagent.» Kürzlich hat Cem Kirmizitoprak eine Petition lanciert. Darin fordert er vom St.Galler Stadtrat, dass dieser an allen öffentlichen Informationsanlässen Dolmetscher für Hörbehinderte einsetzt. «Nur wer Informationen versteht, kann wichtige Entscheidungen treffen», sagt er. So liegt es auf der Hand, wofür der Juso-Kandidat sich in Bern einsetzen würde: Er kämpfe dafür, dass Menschen mit einer Behinderung in allen Bereichen gleichgestellt werden.

Die Krux des Kapitalismus

Luzia Osterwalder (Parteifrei SG) (Bild: PD)

Luzia Osterwalder (Parteifrei SG) (Bild: PD)

Auf der Wahlliste der Gruppierung Parteifrei SG steht bei ihrer Berufsbezeichnung: Wachstumskritikerin und Pazifistin. Damit ist schon viel gesagt über die grossen Themen, die Luzia Osterwalder bewegen. Sie kritisiert, dass den Superreichen seit den 1970er-Jahren immer wieder Steuergeschenke gemacht wurden. Dies habe dazu geführt, dass inzwischen zu wenig Geld für die Sozialwerke vorhanden sei. Die 58-Jährige ist eine Befürworterin des bedingungslosen Grundeinkommens. «Geld ist eigentlich nichts», sagt sie. Es müsse fliessen wie Wasser oder Energie – und immer wieder neu verteilt werden. Luzia Osterwalder ist keine Newcomerin. Vor acht Jahren kandidierte sie als Grüne für das St.Galler Stadtparlament, und vor vier Jahren stand sie bereits einmal auf der Nationalratsliste von Parteifrei SG. «Meine Kandidatur ist Teil meines Beitrages zur Demokratie.» Sie hoffe, dass inzwischen genügend Menschen die Krux des Kapitalismus erkannt hätten. Und sie fordert, dass Unternehmen sich nicht nur an ihrer Finanzbilanz orientieren. Je grösser ein Unternehmen sei, desto transparenter müsse dessen Beitrag am Gemeinwohl gemessen werden.

«Reden ist Silber, Handeln ist Gold»

Anna Jäger (Junge GLP) (Bild: PD)

Anna Jäger (Junge GLP) (Bild: PD)

Sie ist zwar erst 18 Jahre alt, doch sie weiss, was sie will. «Mein bestimmtes Auftreten im politischen Kontext versetzt viele oft ins Staunen, und ich ernte nicht nur positive Reaktionen», sagt Anna Jäger, die auf der Liste der Jungen Grünliberalen St.Gallen für den Nationalrat kandidiert. Sie sei jedoch überzeugt, dass nicht nur Menschen mit Lebenserfahrung in der Politik etwas zu sagen hätten. «Die Politik wurde viel zu lange von konservativen Männern bestimmt.» Anna Jäger hat kürzlich an der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen ihre Matura abgeschlossen und arbeitet zurzeit in einer Eventagentur. In Bern würde sie sich für einen Bürgerdienst einsetzen, weil man in einer Gesellschaft den Gemeinsinn nicht vergessen dürfe. Und mit dem Stimmrechtsalter 16 will sie die Begeisterung der Jugend für die Politik wecken. Die angehende Studentin der Kommunikationswissenschaften weiss aber auch, dass nach den grossen Wahlkampfversprechen konkrete Taten folgen müssen. Wohl auch deshalb steht zuoberst auf ihrer Website eine Maxime, die selbst Altpolitiker bisweilen vergessen: «Reden ist Silber, Handeln ist Gold.»

Sie will Schweizer Werte verteidigen

Jessica Huldi (SVP) (Bild: PD)

Jessica Huldi (SVP) (Bild: PD)

Das Foto ist knapp zwei Jahre alt. Der ehemalige SP-Bundesrat Moritz Leuenberger spricht vor Jungpolitikerinnen und Jungpolitikern im St.Galler Kantonsratssaal. Gleich neben ihm steht Jessica Huldi mit einem Zettel in der Hand. Als damaliges Vorstandsmitglied des Jugendparlaments übernahm sie den Part der Interviewerin. Bei Leuenbergers Rücktritt war Huldi gerade einmal zehn Jahre alt. Sie musste sich also erst über den hohen Gast informieren. Heute kandidiert die 19-Jährige auf der Landliste der St.Galler SVP für den Nationalrat. Sie verspricht: «Ich setze mich ein für den Erhalt unserer Werte und für die Souveränität unseres Landes.» Jessica Huldi ist mit sechs jüngeren Geschwistern im Neckertal aufgewachsen. Zurzeit absolviert sie auf einem Bauernhof in Gähwil eine Lehre als Landwirtin. Vor vier Jahren trat sie der Jungen SVP und der SVP Neckertal bei. Sie beschreibt sich als «bodenständige Frau», die frischen Wind ins Parlament bringen wolle. Ein Blick auf Huldis Profil auf der Online-Wahlhilfe Smartvote zeigt: In der Migrations- und Sicherheitspolitik ist sie auf Parteilinie, in sozialen Fragen nimmt sie eine Mitteposition ein.

Mutig wie eine Räubertochter

Sarah Bünter (Junge CVP) (Bild: PD)

Sarah Bünter (Junge CVP) (Bild: PD)

Als Sarah Bünter ein Mädchen war, spielte sie in einem Musical Ronja, die Räubertochter. Seither hat sie diese Rolle nie mehr losgelassen. Das unbeugsame Mädchen ist ihr zum Vorbild geworden: jung, mutig, mit einem abenteuerlichen Herzen. Dass die Politik heute immer noch von den Männern dominiert werde, zeige ihr, dass es mehr junge Räubertöchter brauche, sagt die Jungpolitikerin. Die 26-jährige Sarah Bünter ist in Gerlikon bei Frauenfeld aufgewachsen, studiert an der Universität St.Gallen internationale Beziehungen und ist seit einigen Monaten Präsidentin der Jungen CVP Schweiz. In Bern möchte sie sich für einen höheren Frauenanteil in Politik und Wirtschaft einsetzen – ohne Quote. Damit Frauen Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können, fordert Sarah Bünter allerdings die Einführung einer Elternzeit. Nur so könne man alte Rollenbilder hinter sich lassen.

Auch für die Ostschweizer hat sie eine visionäre Idee parat: Kürzlich schlug Bünter in dieser Zeitung vor, man könnte die in der Textilblütezeit übliche Zugverbindung von St.Gallen nach Paris wiederbeleben – als neue Seidenstrasse Europas.

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