Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Nasa-Astronautin» im Sinkflug

Seit einem Jahr gibt sich die Wattwiler Physiklehrerin Barbara Burtscher schweizweit als zukünftige Nasa-Astronautin. Doch: Burtscher gab nur Kurse in einem Raumfahrt-Museum, angebliche Astronauten-Trainings bezahlte ihr ein Sponsor.
Urs-Peter Zwingli
«In zehn Jahren zum Mars»: Barbara Burtscher an einem öffentlichen Vortrag an der Kanti Wattwil im Januar 2010. (Bild: Hansruedi Kugler)

«In zehn Jahren zum Mars»: Barbara Burtscher an einem öffentlichen Vortrag an der Kanti Wattwil im Januar 2010. (Bild: Hansruedi Kugler)

wattwil. Kaum ein Schweizer Medium, in dem die 25jährige Barbara Burtscher, Physiklehrerin an der Kanti Wattwil, im vergangenen Jahr nicht ihre Geschichte von der zukünftigen Nasa-Astronautin erzählt hat – eine Geschichte, die jetzt als mindestens fragwürdig gelten muss. Der «Tages-Anzeiger» erhob gestern schwere Vorwürfe gegen die «Hochstaplerin» Burtscher, die noch im Juni diesen Jahres bei SF-Talker Aeschbacher davon gesprochen hatte, «in ein paar Jahren» auf dem Mond zu stehen.

Verschwörung und Chaos

Vorgestern Montagabend, wenige Stunden vor der Veröffentlichung des «Tagi»-Berichts, erreichte die Medien eine wirre Mitteilung von Burtscher: Darin schrieb sie, sie ziehe sich «aus der Medienwelt zurück». Zu oft seien ihre Worte «verdreht» worden. Sie werde deshalb «in der nächsten Zeit» für keine Interviews mehr zur Verfügung stehen.

Wie Burtscher gestern aber in einer schriftlichen Stellungnahme (siehe Kasten) erklärte, soll diese Medienmitteilung nicht von ihr stammen. Jemand habe ihren Mail-Account gehackt und eine gefälschte Mitteilung verschickt. Wer das war, entziehe sich aber ihrem Wissen, so Burtscher.

Das riecht nach Verschwörung, Chaos und einer Situation, die der Hauptdarstellerin Burtscher entglitten ist: Statt der aufstrebenden Physiklehrerin aus dem Toggenburg soll sie eine Betrügerin sein. Wie konnte es dazu kommen?

Vorgeschichte: Aufstieg

Burtschers sprichwörtlich raketenhafter Aufstieg begann vor gut einem Jahr: Im Juli 2009 reiste sie mit einer Schülerin, die einen Wissenschaftswettbewerb des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBF) gewonnen hatte, in die USA – zum «Astronautentraining» nach Huntsville, Alabama. Zurück in der Schweiz war dann nur noch von Lehrerin Burtscher die Rede: Unter dem Titel «Auf dem Weg zum Mond» schrieb die Schweizer Illustrierte bereits im August

2009, die Nasa habe Burtscher ermuntert, sich als Astronautin zu bewerben – weil sie bei den Astronautentests so gut abgeschnitten habe. Und künftig dürfe sie jedes Jahr im Sommer als Nasa-Instruktorin andere Lehrer aus aller Welt im «Nasa Education Center» unterrichten, das Teil des «U.S. Space & Rocket Center» sei. Im Bericht der Illustrierten holt Burtscher dann «ihren blauen Nasa-Overall hervor und deutet andächtig auf das <Space&Rocket-Emblem>».

Zweifel werden laut

Im Internet findet sich in Huntsville, Alabama, nur ein «Educator Resource Center» der Nasa, das dem «U.S. Space & Rocket Center» («Spacecenter») angegliedert ist. Der Raumfahrt-Experte Men J. Schmidt, der seit 30 Jahren beim Schweizer Fernsehen und in Fachzeitschriften publiziert, vergleicht das «Spacecenter» auf Anfrage unserer Zeitung mit dem Technorama in Winterthur: «Die Nasa hat damit nur insofern zu tun, als sie altes Material, wie Raketen und Raumanzüge, für die Ausstellung zur Verfügung stellt.

» Und: «Den angeblichen Astronauten-Overall, in dem Burtscher sich fotografieren lässt, kann jeder tragen, der das Spacecenter besucht», sagt Schmidt. Tatsächlich finden sich auf Burtschers Website Bildergalerien mit dem Titel «Nasa Training», in denen sie mit dem blauen Overall zu sehen ist – die Bilder sind aber identisch mit jenen, mit denen das Spacecenter für sein Programm wirbt.

Richtig ist laut dem «TA»-Bericht, dass Burtscher 2009 und 2010 in Huntsville eine Volunteer Instructor, also eine (unbezahlte) freiwillige Instruktorin, gewesen ist. Laut Schmidt sei das, überspitzt gesagt, nicht mehr als eine «Basteltante», die Schüler im Sommercamp für die Raumfahrt begeistern soll. Zudem sagte ein Spacecenter-Sprecher gegenüber dem «TA», dass es keine Nasa-Instruktoren beim Spacecenter gebe. Und: Barbara Burtscher sei weder von der Nasa noch vom Spacecenter als Instruktorin angestellt.

Dem widerspricht Burtscher in ihrer Stellungnahme.

Der Sponsor bezahlte Abenteuer

Ebenfalls wahr ist, dass Burtscher im vergangenen April einen «Halo Jump», einen Fallschirmsprung aus 10 000 Metern Höhe absolviert hat – bezahlt und organisiert von ihrem Sponsor «Space Travellers». Diese in Bremen ansässige Firma bietet unter anderem Flüge in den Orbit oder Kampfjet-Flüge an – für jeden, der es sich leisten kann. Mit der Nasa hat das nichts zu tun.

Auf ihrer Website verlinkt Burtscher zudem ungeniert auf Space Travellers.

Bereits im November und Dezember 2009 nahm Burtscher an einem Programm teil, das das Leben auf dem Mars in einer Wüste simulieren sollte – wiederum getragen von der privaten Organisation «The Mars Society». An einem öffentlichen Vortrag in der Kanti Wattwil, wie sie die selbst betitelte Astro-Physikerin (sie besitzt «nur» einen Physik-Bachelor der Uni Zürich) regelmässig hält, sagte Burtscher im Januar 2010 dazu: «In zehn Jahren will ich mit zum Mars fliegen.»

«Es war wohl zu viel für sie»

Mag sein, dass diese Enthüllungen die Öffentlichkeit überraschen – Burtschers Umfeld jedoch hatte seine Ahnungen. «Wir haben auch in der Schulleitung Zweifel an ihrer Geschichte gehabt», sagt Martin Gauer, Rektor der Kanti Wattwil. «Wir wussten nicht, was Frau Burtscher tatsächlich in der Nasa oder in angegliederten Organisationen macht.» Über allfällige Konsequenzen für Burtscher wollte Gauer nichts sagen, da «ich nicht abschätzen kann, wie viel sie erfunden hat und wie viel nur Medienhype war».

Er werde aber sicher das Gespräch mit Burtscher suchen, die im Übrigen eine «gute und beliebte» Lehrerin sei.

Dass sich Burtscher von dem über sie hereinbrechenden Interesse verleiten liess, glaubt auch Martin Signer. Er war bis vor wenigen Monaten während sieben Jahren Burtschers Freund. «Barbara ist ein ehrlicher Mensch. Sie hatte nie die Absicht, zu lügen. Doch sie ist durch die grosse mediale Aufmerksamkeit wohl in Versuchung geraten», sagt Signer. Sie habe anfangs gegenüber den Medien betont, dass sie keine wirkliche Astronautin sei.

«Doch es ist ihr entglitten. Es war wohl alles etwas zu viel für sie», sagt Signer, der «nur noch wenig» Kontakt zu Burtscher hat.

Barbara Burtscher selbst war gestern telefonisch nicht zu erreichen, weshalb ihre Sicht der Dinge bis jetzt nur schriftlich vorliegt.

Nasa-Signet als Täuschung: Barbara Burtscher im November 2009. (Bild: Urs Bucher)

Nasa-Signet als Täuschung: Barbara Burtscher im November 2009. (Bild: Urs Bucher)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.