Narzissen und Goldmäuler

Alle Jahre wieder treffen sich die grossen Namen des Hip-Hop in Frauenfeld. Ms. Lauryn Hill setzte dem Publikum am Frauenfelder Open Air schwierige Kost vor. Der New Yorker Nas liess jedoch allfällige Enttäuschung vergessen.

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Drake inmitten seiner Lichtshow. (Bilder: Reto Martin)

Drake inmitten seiner Lichtshow. (Bilder: Reto Martin)

FRAUENFELD. Der DJ hätte die Menge wohl aufwärmen müssen, um Ms. Lauryn Hill einen reissenden Empfang zu bereiten. Allerdings war das Publikum eher verunsichert, als sie dann nach 20 Minuten endlich auf der Bühne erschien. Dort sprach sie weniger mit dem Publikum als mit Technikern und Band. Die Sängerin schien noch nicht ganz bei der Sache zu sein.

Bitte nicht mitsingen

Lauryn Hill war in den 90er-Jahren Sängerin der Fugees, und als die sich auflösten, gab sie 1998 ein einziges Soloalbum heraus, das die meisten Hip-Hop-Fans immer noch auswendig können. Nostalgie zum Mitgrölen wollte sie aber am Samstagabend in Frauenfeld nicht bieten. Ihre Band baute die alten Hits zu Funk-Symphonien um, so dass sie kaum noch wiederzuerkennen waren. An Mitsingen war kaum zu denken. Nach dem fahrigen Beginn spielten sich Lauryn Hill und ihre Band schliesslich doch noch in Fahrt. Als das Publikum bei «Fu-Gee-La» aber begriffen hatte, was gespielt wird, war das Konzert schon mehr als zur Hälfte um. Und als sie das Publikum mit «Doo Wop (That Thing)» entliess, hatte sie rund eine halbe Stunde überzogen.

Es war aber nicht das letzte, was das Publikum an diesem Abend von ihr hören sollte. Nach ihr spielte der New Yorker Rapper Nas auf der Hauptbühne, mit dem sie 1996 den Hit «If I Ruled The World» sang. Für dieses Lied kam sie samt Backgroundsängerinnen nochmals auf die Bretter. So konnte das Publikum doch noch mit Lauryn Hill mitsingen. Denn Nas hatte keine Angst vor mitsingendem Publikum, im Gegenteil. Routiniert und scheinbar gut gelaunt spielte er mit seiner Band das, was das Publikum aus seiner bald 20jährigen Karriere hören wollte. Unzufriedene Gesichter waren nach diesem Konzert kaum zu sehen.

Geburtstagskind 50 Cent

Nach einem etwas verhaltenen Start fand am Vorabend auch 50 Cent zu diesem Rezept. In der zweiten Hälfte seines Konzerts spielte er die Hits, die ihn zu einem der wichtigsten Rapper der letzten zehn Jahre machen. Es war sein 37. Geburtstag, und er kam langsam in Feierlaune: Der New Yorker scherzte, stieg in den Graben vor der Bühne und schüttelte die Hände der Fans.

Dabei markierte 50 Cent wie immer den starken Mann – so wie es das traditionelle Männerbild des Hip-Hop verlangt. Dem huldigt auch Rick Ross, der am Samstagabend den harten, unangreifbaren «Teflon Don» markierte. Besonders standhaft zeigte er sich aber nicht: Schon nach 40 Minuten war der Spass vorbei. Dafür wusste das Publikum nachher, wie das neue Album des Superstars aus Miami heisst: «Gott vergibt, ich nicht.»

Tränen statt Pistolen

An diesem harten Gangster-Image fangen aber einige an zu kratzen. J. Cole weint manchmal, wie er auf «Lost Ones» zugibt. Manchmal setzt er sich auch hin und hört verträumt dem Solo seines Keyboarders zu. Der Senkrechtstarter aus North Carolina setzte am Freitagabend auf Rap-Balladen statt auf Räubergeschichten und Protzerei.

Ein anderer Senkrechtstarter gibt sich auch gerne verletzlich. Sein erstes Album brachte den Rapper und Sänger Drake 2010 schon an die Spitze der US-Charts. In der Freitagnacht gab sich der Kanadier aber selbstverliebt. Wie fast alle Künstler am Open Air hatte auch er eine Band dabei, doch versteckt am Rand der Bühne war kaum zu erkennen, woher die futuristischen Soul-Entwürfe kamen, die seine Lieder untermalen. Allein tänzelte Drake vorne im Scheinwerferlicht und nutzte dafür fast die ganze Bühne. Trotz der Lichtshow samt Feuerwerk wollte der Funke aber nicht so recht überspringen – zu abgehoben wirkte Drake.

Schulstunde am Sonntag

Vielleicht muss Drake noch etwas lernen von den alten Meistern. Vom 47jährigen KRS One zum Beispiel. Der war am Sonntagabend kurzfristig eingesprungen, weil der Brite Tinie Tempah abgesagt hatte. KRS One deklinierte am Sonntagabend lustvoll die Geschichte des Hip-Hop durch, an der er massgeblich beteiligt war. Er zitierte seine Weggefährten von damals und reimte aus dem Stegreif. Immer wieder prüfte er das Publikum, ob es die alten Liedzeilen noch kennt. Seinem Spitznamen «The Teacher» – der Lehrer, wird er immer noch gerecht. Kaspar Enz

Ms. Lauryn Hill erfand ihre Hits neu. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Ms. Lauryn Hill erfand ihre Hits neu. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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