Närrisches im Gotteshaus

Mit der Narrenzeit feiern auch die Narrengottesdienste Urständ. Nicht zum Gefallen aller. Der Churer Bischof Vitus Huonder will jetzt über die Narrenmessen diskutieren. Ganz so eng sieht man es im Bistum St. Gallen nicht.

Markus Wehrli
Drucken
Teilen
In vielen Ostschweizer Gemeinden verbreitet: Narren-Gottesdienste. Hier die Eggerstander Guggenmusik Höxpe-Gugge 2009 in der katholischen Kirche Appenzell. (Bild: Fritz Heinze)

In vielen Ostschweizer Gemeinden verbreitet: Narren-Gottesdienste. Hier die Eggerstander Guggenmusik Höxpe-Gugge 2009 in der katholischen Kirche Appenzell. (Bild: Fritz Heinze)

Narren in der katholischen Kirche? Schräge Guggentöne unter dem Kreuz Jesu? Grelle Clowns in der heiligen Eucharistie? Auch wenn sie sich vielerorts längst etabliert hat, einigen ist sie ein Dorn im Auge: die Narrenmesse. Etwa dem Churer Bischof Vitus Huonder. Er hat unlängst Aufsehen damit erregt, dass er den Schwyzer Pfarrer Reto Müller anwies, inskünftig auf seine Narrenmesse zu verzichten.

Und das, obwohl die Schwyzer Kirchgänger dem Bischof samt und sonders versicherten, auch ein solcher Gottesdienst finde in würdigem Rahmen statt, wie die Sonntagsausgabe der «Luzerner Zeitung» berichtete.

Kirche als «Räuberhöhle»?

Wohl verstanden: Die Schwyzer Narrenmesse zog im vergangenen Jahr 700 Personen in die Pfarrkirche; das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz besetzt.

«Ich erachte das närrische Treiben als Profanierung des Kirchenraumes», wird Bischof Huonder aber in der «Luzerner Zeitung» zitiert. Angehörige der – nicht eben als progressiv bekannten – Vereinigung Pro Ecclesia sollen Huonder darüber informiert haben, dass hier aus der Kirche eine «Räuberhöhle» gemacht, dass Christus aus der Kirche vertrieben werde.

Der Tradition Platz geben

Andernorts wird das Zusammengehen von christlicher Spiritualität und fasnächtlichem Treiben freilich anders erlebt. Narrengottesdienste sind denn auch nicht ausschliessliches Markenzeichen der urtümlichen Innerschweiz. Auch im Thurgau, in St. Gallen oder im Appenzellischen finden diese grossen Zulauf.

«Lebensfreude ist Teil der christlichen Frohbotschaft», sagt dazu Sabine Rüthemann, Kommunikationsbeauftragte des Bistums St. Gallen. Ein Verbot der Narrengottesdienste kommt für die St.

Galler nicht in Frage. «Es muss möglich sein, dass die christliche Botschaft auch in anderem Zusammenhang gezeigt und gelebt werden kann», argumentiert Sabine Rüthemann. Wichtig sei, dass die katholische Kirche die örtliche Tradition respektiere – dass sie sich offen zeige, gerade in Gemeinden, wo die Fasnacht fester Bestandteil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens sei.

Kaum negative Erfahrungen

Leitplanken für das närrische Treiben im Gottesdienst gibt es dennoch. «Die fasnächtlichen Elemente dürfen die Würde der Eucharistie nicht beeinträchtigen», sagt Sabine Rüthemann. Im Grundsatz setzt das Bistum St. Gallen ganz auf die Vernunft der Seelsorger. Denn diese können letztlich selbst entscheiden, ob sie Narrengottesdienste in ihren Gemeinden durchführen wollen oder nicht. Rüthemann appelliert aber ans Feingefühl.

«Natürlich darf es nicht sein, dass ein Seelsorger mit seiner eigenen Freude an der Fasnacht die Kirchgemeinde überfährt.»

Ein Vorreiter in Pfäfers

Einer, der sich in Narrengottesdiensten bestens auskennt, ist Martin Blaser, katholischer Pfarrer von Pfäfers. Bereits Mitte der 90er-Jahre hatte er – als einer der ersten im Bistum – in Kaltbrunn, später an seiner Pfarrstelle in Kirchberg Narrengottesdienste initiiert.

Vergangenes Wochenende nun belebte eine rund 50 Mann starke Guggenmusik die Eucharistiefeier an seinem neuen Wirkungsort. «Abgesehen von einigen wenigen Kritikern habe ich in all den Jahren nur gute Erfahrungen gemacht», sagt der Pfarrer. Nicht nur die Guggenmusik verlieh dem Narrengottesdienst von Pfäfers ungewohnte Farbtupfer. Auch die Gottesdienstbesucher kamen – zum Teil – kostümiert und geschminkt.

Platz für Fröhlichkeit

«Wir erleben das ganze Jahr über Schweres. Die Fasnacht gibt Gelegenheit, für einmal fröhlich zu sein», erläutert Blaser sein Motiv, der Narrenzeit auch in der Kirche Platz zu geben. Und staunt heute noch darüber, wie ansteckend die Fröhlichkeit in diesen Gottesdiensten ist. So überrascht nicht, dass er – fern von den Auslegungen, wie sie der Churer Bischof Vitus Huonder verlauten liess – zur christlichen Frohbotschaft einen ähnlichen Standpunkt vertritt wie Sabine Rüthemann: Fröhlichkeit. «Gott will, dass wir diese Freude leben.»

Bischof Huonder sei überzeugt, dass Narrenmessen polarisierten, teilte das bischöfliche Ordinariat in Chur indes gestern mit. Huonder hofft, dass eine Diskussion um fasnächtliche Anlässe in der Kirche in Gang komme.

Aktuelle Nachrichten