NACHWUCHSMANGEL: Gemeinde sucht Arzt

In vielen Gemeinden steht die hausärztliche Grundversorgung vor dem Kollaps. Immer häufiger versuchen Genossenschaften, junge Ärztinnen und Ärzte aufs Land zu locken.

Michael Genova
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Im Thurgau sucht eine kantonale Arbeitsgruppe nach Lösungen für den drohenden Hausärztemangel. (Bild: Keystone)

Im Thurgau sucht eine kantonale Arbeitsgruppe nach Lösungen für den drohenden Hausärztemangel. (Bild: Keystone)

Als in Ermatingen 2012 die letzte Hausarztpraxis schloss, war es für Max Dössegger fast schon eine Frage der Ehre, nicht einfach kampflos aufzugeben. Über 20 Jahre war er selber Hausarzt in der Gemeinde, bevor er Thurgauer Kantonsarzt wurde. «Ich musste zusehen, wie viele Arztpraxen schlossen», erinnert er sich. Deshalb war für ihn klar, dass er etwas für die ärztliche Grundversorgung in seiner Wohngemeinde tun wollte. Fünf Jahre später führt Dössegger durch die Räume der Gemeinschaftspraxis im Spatzenhof, die sich in einem Wohnblock mit Alterswohnungen befindet. Heute arbeiten hier eine Hausärztin, ein Hausarzt und eine Kinderärztin. Max Dössegger wandte sich damals an die Genossenschaft Spatzenhof, der in Ermatingen zwei Mehrfamilienhäuser mit Alterswohnungen gehören. Er überzeugte die Genossenschafter, in einem der beiden Gebäude eine Gemeinschaftspraxis einzurichten. Über eine Erhöhung der Hypotheken und des Eigenkapitals wurden die nötigen 600000 Franken für den Umbau beschafft. Die Gemeinden Ermatingen und Salenstein riefen eine Arbeitsgruppe ins Leben und beteiligten sich mit rund 25000 Franken an den Vorarbeiten. Eine lohnende Investition, findet Max Dössegger: «Eine Arztpraxis ist ein Standortvorteil für eine Gemeinde.»

Eine Million für eine Einzelpraxis
Die Genossenschaft Spatzenhof vermietet die fertig eingerichtete Gemeinschaftspraxis an die Ärzte. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Sie brauchen kein Startkapital. Wegen der strengen Kreditpolitik der Banken sei es für viele junge Ärztinnen und Ärzte heute finanziell kaum mehr möglich, eine Praxis zu übernehmen, sagt Dössegger. Für den Kauf und die Einrichtung einer Einzelpraxis seien heute Investitionen von rund einer Million Franken notwendig, für eine Gemeinschaftspraxis sogar bis zu drei Millionen Franken. Das Modell der Gemeinschaftspraxis hat noch weitere Vorzüge. Die Ärzte müssen sich nicht mehr auf Jahre hinaus an eine Gemeinde binden, sie können sich im Team austauschen und in den Ferien gegenseitig vertreten. «Ärzte werden in Zukunft keine Einzelkämpfer mehr sein», prophezeit Dössegger. Als Vorbild für die Gemeinschaftspraxis in Ermatingen diente Max Dössegger die Gemeinde Ebnat-Kappel. Dort entstand bereits 2012 die erste Genossenschaftspraxis der Schweiz. Weil damals mehrere Ärzte kurz vor der Pensionierung standen, gründeten Bürger eine Genossenschaft, kauften eine Liegenschaft und bauten diese für 2,7 Millionen Franken um – ohne politische Unterstützung oder Subventionen. Das Genossenschaftsmodell aus Ebnat-Kappel wurde in der Folge sogar an Hausarztkongressen in Wien und München vorgestellt.

Max Dössegger glaubt, dass genossenschaftlich organisierte Arztpraxen auch in anderen Gemeinden eine Antwort auf den Hausarztmangel sein könnten. Er sieht die Behörden allerdings eher in einer unterstützenden Funktion, zum Beispiel im Bereich der Anschubfinanzierung. «Ich bin dagegen, dass eine Gemeinde eine Arztpraxis betreibt.» Er empfiehlt den Verantwortlichen, frühzeitig den Kontakt zu Hausärzten zu suchen, um über ihre Nachfolgeplanung zu sprechen. Es sei wichtig, eine nahtlose Übergabe sicherzustellen. «Ist eine Praxis erst einmal geschlossen, wird es schwierig, die Patientinnen und Patienten zurückzugewinnen.»
In der Zwischenzeit sind weitere Gemeinden auf das Genossenschaftsmodell aufmerksam geworden. So berät Dössegger eine Genossenschaft, die zurzeit in Siegershausen ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen und einer Gemeinschaftspraxis baut. Kürzlich veröffentlichte er in der Zeitschrift des Verbands Thurgauer Gemeinden (VTG) einen Artikel zum Thema. Daraufhin hätten sich zwei weitere Gemeinden und ein Immobilienentwickler gemeldet und ihr Interesse bekundet.

Der VTG hat kürzlich mit einer Projektidee den Anstoss gegeben, dass sich der Kanton Thurgau in seinem Programm «Brennpunkte Gesundheit» mit der hausärztlichen Grundversorgung beschäftigt. Zurzeit untersucht eine Arbeitsgruppe, was die Gemeinden gegen den Hausärztemangel tun können. Dabei ist auch Kurt Baumann, VTG-Präsident und Gemeindepräsident von Sirnach. Was hält er vom Modell der genossenschaftlich organisierten Gemeinschaftspraxis? Ein Vorteil der Genossenschaft sei, dass sie nicht renditeorientiert sei. Viel wichtiger als die Rechtsform sei jedoch die Form der Gemeinschaftspraxis, welche Ärzte heutzutage bevorzugten. Baumann glaubt, dass mit zunehmendem Hausärztemangel der Druck auf die Gemeinden steige, sich auch finanziell zu engagieren. Allerdings plädiert er dafür, keine A-fonds-perdu-Beiträge zu gewähren, sondern die Ansiedlung von Praxen mit Vorleistungen zu unterstützen. Laut Baumann reicht es jedoch nicht, mehr Gemeinschaftspraxen zu bauen. «Wegen des Nachwuchsmangels ist zurzeit das grösste Problem, überhaupt einen Hausarzt zu finden.»

Die Genossenschaftspraxis ist allerdings nicht das einzig mögliche Modell. Einen anderen Weg wählte die Ausserrhoder Gemeinde Speicher. Sie verkaufte die gemeindeeigene Liegenschaft Linde an eine Investorin, die sich vertraglich verpflichtete, eine Gemeinschaftspraxis samt Wohnungen zu bauen. Im Gegenzug verlangte die Gemeinde  einen Preis, der 100000 Franken unter dem ausgewiesenen Verkehrswert lag. Dagegen ergriff ein Bürger das Referendum, doch an der Urne sprach sich eine grosse Mehrheit für das Projekt aus.