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NACHRUF: Grenzgänger zwischen Ökonomie und Literatur: Zum Tod von Hans Christoph Binswanger

Er war einer der vielseitigsten Ökonomen, der vor allem im ­Bereich der Umweltökonomie zu den Pionieren zählte und dessen Offenheit für alternative Denkansätze und Lösungsstrategien ihn zu einem der bekanntesten und profiliertesten Kritiker der Hauptströmungen der Volkswirtschaft werden liessen. Nun ist Hans Christoph Binswanger, eme­ritierter HSG-Professor und Vater des Volkswirtschafters Mathias Binswanger, am 18. Januar im 89. Altersjahr in St. Gallen verstorben.
H. Christoph Binswanger (1929–2018. (Bild: Martin Ruetschi/Keystone)

H. Christoph Binswanger (1929–2018. (Bild: Martin Ruetschi/Keystone)

Er war einer der vielseitigsten Ökonomen, der vor allem im ­Bereich der Umweltökonomie zu den Pionieren zählte und dessen Offenheit für alternative Denkansätze und Lösungsstrategien ihn zu einem der bekanntesten und profiliertesten Kritiker der Hauptströmungen der Volkswirtschaft werden liessen. Nun ist Hans Christoph Binswanger, eme­ritierter HSG-Professor und Vater des Volkswirtschafters Mathias Binswanger, am 18. Januar im 89. Altersjahr in St.Gallen verstorben.

Binswanger, am 19. Juni 1929 in Zürich geboren, studierte Volkswirtschaftslehre in Zürich und Kiel, promovierte 1956 und habilitierte 1967 an der heutigen Universität St.Gallen, die damals noch Handelshochschule St.Gallen hiess. Von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte er als Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an dieser Universität und wirkte zugleich als Direktor des von ihm 1992 gegründeten Instituts für Wirtschaft und Ökologie. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählten unter anderem Umwelt- und Ressourcenökonomie, wobei sein Haupt­interesse dem Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie galt. Die Frage, ob das Wirtschaftswachstum und der Verschleiss von Ressourcen begrenzt werden können, zog sich wie ein roter ­Faden durch Binswangers Lehr- und Forschungstätigkeit. Sie entsprang seiner Kritik an einer Wirtschaft, die dem Zwang zu einem unendlichen Wachstum verfallen ist, wie auch seine beiden Bücher «Die Wachstums­spirale» und «Vorwärts zur Mässigung» zeigen. Hans Christoph Binswanger galt zweifellos als profiliertester nichtmarxistischer Geld- und Wachstumskritiker.

In seiner Forschung und Publikationstätigkeit hat Binswanger die Grenzen der eigenen Disziplin immer wieder überschritten und wurde dadurch auch einem breiteren Publikum bekannt. So legte er 1985 mit seinem Werk «Geld und Magie» eine geldtheoretische Deutung von Goethes «Faust» vor, wobei er die These vertrat, dass Goethe die moderne Wirtschaft, in der die Papiergeldschöpfung eine zentrale Rolle spielt, als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln darstelle. «Den höchsten Augenblick» erreiche Faust, als er meine, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, unbegrenzte Wohlstandsmehrung verwirklicht zu haben. Das ist das ökonomische Pendant zur älteren literaturwissenschaftlichen Deutung von Faust als dem rastlos Strebenden, der in seinem titanischen Drang alles Menschliche erleben und umfassen will. Binswanger wusste Ökonomie und Literatur miteinander zu verbinden, was andere immer wieder fasziniert hat. Dass Goethe über zehn Jahre Wirtschafts- und Finanzminister am Weimarer Hof war und in engem Kontakt mit führenden deutschen Öko­nomen der Zeit stand, musste der Volkswirtschafter den Germanisten, die Goethe gerne rein geistesgeschichtlich würdigen, wieder einmal sagen.

Binswanger war auch Mitglied des Preisgerichtes für den Bodensee-Literaturpreis, wo ich ihn kennen lernte. Er war mit Überlingen stark verbunden, war er doch dort, zusammen mit seiner Schwester Rotraut, in einer «künstlerisch anregenden Um­gebung» aufgewachsen, wie Mit­juror Oswald Burger im «Süd­kurier» schreibt. Er sass in diesem Gremium bis 2013. Einer Literaturjury, die aus fast lauter Germanisten besteht, tat Binswanger gut, brachte er doch bei der Beurteilung preiswürdiger Werke immer wieder Aspekte ein, die andere zu wenig gesehen hatten. Wenn er ein Werk vor ­allem aus sprachlichen Gründen ablehnte, vertrat er dies derart überzeugend, dass das Werk kaum mehr weiter diskutiert ­wurde.

Hans Christoph Binswanger war ein Grenzgänger zwischen Ökonomie, Ökologie und Literatur. Nun hat er «die letzte Grenze überschritten», wenn ich Oswald Burger erneut zitieren darf. Wir gedenken des Verstorbenen in grosser Dankbarkeit und Ver­bundenheit.

Mario Andreotti

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