NACHRUF: Er hat die Modewelt und die Stadt St.Gallen geprägt

Max Kriemler machte aus einer kleinen Schürzenfabrik das weltbekannte Modeunternehmen Akris. Auch wollte er die Stadt St.Gallen vor Bausünden bewahren.

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Der Textilunternehmer Max Kriemler ist im Alter von 95 Jahren verstorben. (Bild: pd)

Der Textilunternehmer Max Kriemler ist im Alter von 95 Jahren verstorben. (Bild: pd)

Das Leben von Max Kriemler war von der ersten Minute an mit Akris verbunden. Seine Mutter Alice Kriemler-Schoch ist hochschwanger, als sie sich 1922 mit zwei Nähmaschinen und einer Lehrtochter selbstständig macht. Weil es ihr zu mühsam ist, auf jedes Stück den langen Namen zu sticken, kürzt sie ihn ab. Akris ist geboren. Kurz danach kommt Max Kriemler zur Welt.
Er, der fast 70 Jahre die Geschicke des St. Galler Modeunternehmens prägte, möchte zunächst nichts von Stoffen wissen. Seine Leidenschaft gilt dem Sport. Er wird kantonaler Meister im Kunstturnen. Der Ehrgeiz ist ihm zeitlebens geblieben: «Ohne Disziplin bringt man es im Leben zu nichts», sagte er. Sein Rezept für ein langes, gesundes Leben lautete: wenig Fleisch, wenig Alkohol, keinerlei Exzesse, Sport und jeden Morgen das legendäre Kriemler-Müesli mit geraffelten Äpfeln und Beeren. Es war ein Erfolgsrezept. Bis ins hohe Alter war Max Kriemler aktiv. Nach kurzer Krankheit ist er am Samstag 95-jährig gestorben, schreibt die Familie in der Todesanzeige.
Seine Familie, die Nähe waren Max Kriemler wichtig. Zwei seiner drei Kinder leiten heute das Unternehmen, das weltweit mehr als 1000 Beschäftigte zählt. Seinen ältesten Sohn Albert hatte Max Kriemler früh auf Geschäftsreisen nach Italien, Frankreich und New York mitgenommen. Er wollte ihm das Wissen mit auf den Weg geben, das ihm 1944 gefehlt hatte, als sein Vater unerwartet verstarb. Max Kriemler ist damals kaum 22 Jahre alt und absolviert gerade die Offiziersschule. An der Universität St. Gallen hat er sich bereits eingeschrieben. Er will Konsul werden. Doch die Mutter kann die Schürzenfabrik nicht alleine am Laufen halten. Sie fleht ihren Sohn unter Tränen an zurückzukommen. Er willigt ein: «Für ein Jahr und keinen Tag länger.» Es werden 68 Jahre.

«Wer keine Feinde hat, der hat auch keinen Erfolg.»

Aus der kleinen Schürzenfabrik entsteht unter Max Kriemlers Leitung bis Anfang der 1980er-Jahre ein international ausgerichtetes Modeunternehmen. Kriemler sieht schnell das Potenzial, das in Akris steckt. Zu den Schürzen kommen Blusen, Röcke, Mäntel – eine erste Kollektion entsteht. Kaum ist der Krieg in Europa zu Ende, reist Kriemler nach Amerika, Rom und Paris. Er schafft es, dass grosse Häuser die Schneiderkunst aus St. Gallen schätzen lernen. Bei der Qualität ist er nie Kompromisse eingegangen. Max Kriemler war für seinen Perfektionismus bekannt. Und sein Engagement ging über die Modebranche hinaus. Das St. Galler Kongresszentrum Einstein gehört zu seinem Vermächtnis. Den Bau hat er streng überwacht. Er wollte, dass wieder mehr Gefühl in die Architektur einfliesst. Der Charme und die Wohnlichkeit der Stadt St. Gallen lagen ihm am Herzen, die er vor Bausünden bewahren wollte. Dazu zählte seiner Meinung nach der geplante Neubau des Olma-Kongresshotels, gegen das er sich energisch wehrte. Dass er sich mit seiner Art nicht nur Freunde machte, störte ihn nicht: «Wer keine Feinde hat, der hat auch keinen Erfolg.» Max Kriemler hatte in seinem langen Leben ausserordentlichen Erfolg. Er prägte die Modewelt und die Stadt St. Gallen.

Katja Fischer De Santi