NACHRICHTENAGENTUR: SDA muss auch in der Ostschweiz sparen

Die angekündigte Massenentlassung bei der SDA hat auch Auswirkungen auf die Ostschweiz. Das Regionalbüro muss Stellenprozente und Korrespondenten einsparen.

Sina Bühler
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Protest gegen die drohenden Entlassungen bei der SDA Ende Januar auf dem Bundesplatz in Bern. (Bild: Christian Merz/KEY)

Protest gegen die drohenden Entlassungen bei der SDA Ende Januar auf dem Bundesplatz in Bern. (Bild: Christian Merz/KEY)

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

Ein Korrespondentennetz innerhalb der Schweiz leisten sich immer weniger Medien. Als vorerst letzte schloss die NZZ im Herbst 2016 ihre Regionalbüros, der Ostschweizer Korrespondent arbeitet seither in der Zürcher Redaktion. Zwei Jahre zuvor hatte der «Blick am Abend» die Regionalredaktionen von einem Tag auf den anderen geschlossen. Noch schneller war der «Tagesanzeiger»: 2010 erschien der letzte Artikel eines festangestellten Korrespondenten. Selbst der letzte freie Ostschweizer Journalist, der regelmässig Aufträge von Zeitungen im Mittelland und der Innerschweiz hatte, verlor diese 2011. Kurz: Was die Schweiz aus der Ostschweiz an Aktualität weiss, verdankt sie mithin dem Regionalstudio der SRG und der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Beides steht auf der Kippe: Am Sonntag wird über «No Billag» abgestimmt, und bei der SDA wird massiv gespart – 3,6 Millionen Franken sollen es sein.

1895 gegründet, berichtet die Nachrichtenagentur mittlerweile aus allen Ecken des Landes über Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und Gesellschaft – auf Deutsch, Italienisch und Französisch. Fast alle Schweizer Medien haben die Nachrichten abonniert und publizieren diese in Print, Online, Bild und Video. Den Dienst abonnieren aber auch Firmen und der Staat. Der dreisprachige Dienst sei nicht mehr rentabel, stellte die Geschäftsleitung im Dezember fest, es drohten nach dem defizitären 2017 weitere Millionenverluste. 40 von 150 Vollzeitstellen müssten gestrichen werden; es wäre eine Massenentlassung.

Dritte Sparrunde im St. Galler Regionalbüro

Die Mitarbeitenden reagierten zuerst mit einem Warnstreik, dann mit einem echten Streik. Sie fordern, dass Gewinne zurück in den Betrieb fliessen, den Verzicht auf Kündigungen und alternative Zukunftsszenarien. Mitgestreikt haben auch die Redaktorinnen und Redaktoren des St. Galler Regionalbüros der SDA. Auch sie sind betroffen: Von 280 Stellenprozent müssen sie 30 abbauen. Es ist die dritte Sparrunde in zehn Jahren: 2007 wurden in St. Gallen 20 Stellenprozente gestrichen, drei Jahre später schloss die SDA ihre Redaktion in Frauenfeld. Seither muss das St. Galler Büro mit vier Teilzeitmitarbeitenden vier Kantone, 850000 Einwohner und 3500 Quadratkilometer abdecken. «Wir müssen zum Teil vier kantonale Sessionen in der gleichen Woche abdecken», sagt Co-Leiterin Nathalie Grand. «Wie das bei unserem Personalbestand möglich sein soll, konnte uns die Geschäftsleitung nicht sagen.» Verschärfend komme hinzu, dass das Budget für Korrespondenten gestrichen werde. Einer von ihnen sass regelmässig im Ausserrhoder Parlament. Ist damit bald Schluss? Iso Rechsteiner, der kürzlich die Krisenkommunikation für die SDA übernommen hat, kann zur Neuorganisation nicht viel sagen: «Im Moment gibt es Arbeitsgruppen, die abklären, in welchem Umfang die SDA künftig aus den Schweizer Regionen berichten wird.» Georg Amstutz, Sprecher von Appenzell Ausserrhoden, hat Grund zur Sorge: «Wird die Berichterstattung aus dem Ausserrhoder Parlament gestrichen, berichten künftig nur noch ‹Regionaljournal› und ‹Appenzeller Zeitung›. Und selbst diese stützen sich dabei auf SDA-Meldungen.» Die Webseiten der Kantone seien kein Informationsersatz, meint Amstutz: «Die wichtigste Aufgabe im Journalismus, das Filtern und kritische Einordnen von Informationen, das Abbilden politischer Debatten, kann und darf eine kantonale Kommunikationsabteilung gar nicht übernehmen.»

Auch in St. Gallen zeigt man sich besorgt. «Die SDA-Journalistinnen und -Journalisten decken die politischen Geschäfte der St. Galler Regierung und des Kantonsrates ab – auch jene, die weniger populär sind», sagt Thomas Zuberbühler, Leiter Kommunikation des Kantons.

Wirtschaftsberichte aus der Region bleiben

Auch Wirtschaftsnachrichten fallen den Sparmassnahmen zum Opfer. Die Wirtschaftsredaktion in Bern und Zürich wurde geschlossen. Was passiert also mit Nachrichten aus Ostschweizer Unternehmen? Laut SDA-Krisensprecher Rechsteiner ändere sich nichts: «Die regionale Wirtschaftsberichterstattung wird weiterhin von den Regionalredaktionen wahrgenommen.» Die IHK, die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, ist heute schon nicht zufrieden: «So wie wir die Berichterstattung wahrnehmen, hat die SDA die Ostschweizer Wirtschaft schon in den letzten Jahren stiefmütterlich behandelt und kaum über sie berichtet. Das ist bedauerlich, weil die SDA als nationale Nachrichtenagentur ein Bild der Ostschweiz für die restliche Schweiz zeichnet», sagt der stellvertretende IHK-Direktor Robert Stadler.

Die SDA berichtet einerseits aktuell von Medienkonferenzen, aus Parlamenten und Gerichten. Anderseits beliefert sie die Redaktionen mit Hintergrundartikeln, Portraits und Reportagen, mit Bildern, Onlinetexten und Videos. «Wir sind praktisch die Einzigen, die über längere Zeit alle Dossiers verfolgen», sagt Nathalie Grand. Für Redaktionen ist dieses Archiv eine Goldgrube. Bisher wird es lückenlos geführt, ob die Kapazitäten künftig ausreichen, ist laut Grand fraglich.