NACHLASS: Thurgau erbt sechs Millionen

Der verstorbene Frauenfelder Unternehmer Walter Enggist hat die Kantonsbibliothek und das Amt für Archäologie als Alleinerben bestimmt. Wozu, das kann man nur erahnen.

Christian Kamm
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Frohe Botschaft: Hansjörg Brem, Monika Knill und Bernhard Bertelmann (von links). Rechts ein Porträt von Walter Enggist. (Bild: Andrea Stalder)

Frohe Botschaft: Hansjörg Brem, Monika Knill und Bernhard Bertelmann (von links). Rechts ein Porträt von Walter Enggist. (Bild: Andrea Stalder)

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

«Ich würdige damit den Beitrag des Kantons Thurgau an der Grundsteinlegung meiner Karriere.» Die Begründung ist nur ­einen Satz lang. Aber der Satz ist sechs Millionen Franken wert. Denn der im Juni dieses Jahres verstorbene Frauenfelder Unternehmer Walter Enggist hat dem Thurgau seinen gesamten Nachlass vermacht. Die exakte Summe ist noch nicht bekannt, aber es sei mit einem Gesamtbetrag von rund sechs Millionen Franken zu rechnen, sagte Regierungspräsidentin Monika Knill gestern an einer Medienorientierung. Laut Testament fällt die eine Hälfte der Kantonsbibliothek zu und die andere dem Amt für Archäologie.

Grabunterhalt als einzige Bedingung

Schon das allein kommt nicht alle Tage vor – besser: ist so im Thurgau noch nicht da gewesen. Genauso ungewöhnlich aber, dass der Erblasser sein Millionengeschenk lediglich an eine Bedingung geknüpft hat: Der Kanton muss den Unterhalt von Enggists Grab auf dem Friedhof Kurzdorf in Frauenfeld sicherstellen. Das ist alles. Der Unternehmer starb ohne direkte Nachkommen, lebte zurückgezogen und sehr bescheiden (Zweittext). Als «bemerkenswerten Akt» würdigte Knill gestern die noble Geste. Auch wenn es der Verstorbene selber nicht mehr hören könne, «möchte ich ihm meinen öffentlichen Dank aussprechen». Es sei bedauerlich, «dass wir ihn nicht kennen lernen durften».

Der unverhoffte Geldsegen freut die Begünstigten zwar, ist gleichzeitig aber auch Herausforderung. «Wir wissen nicht sehr viel über Walter Enggist», räumte Bernhard Bertelmann, Direktor der Kantonsbibliothek, ein. Was man unterdessen weiss, soll aber mithelfen, die Mittel in seinem Sinne einzusetzen. Enggists vielfältiges Interesse an Wissenschaft – von der Natur- bis zur Geisteswissenschaft – nimmt die Kantonsbibliothek zum Anlass, mit dem Geld die Arbeit angehender Wissenschafter zu unterstützen. Zum Beispiel ist vorgesehen, die Erschliessung und ­Digitalisierung des historischen Bestands der Bibliothek voranzutreiben. Gleiches gilt für den Bestand an Zeitungen im Kanton. Als drittes Beispiel nannte Bertelmann den Ausbau des Angebots an E-Medien. «Walter Enggist war Informatiker, das dürfte in seinem Sinn sein.»

Nicht weniger überrascht war das Amt für Archäologie über das unerwartete Geschenk. «Wahrscheinlich wird es jetzt heissen, wir hätten Gold gefunden», scherzte Amtschef Hansjörg Brem. Man begrüsse die offene Zweckbestimmung. In der Archäologie lasse sich kaum planen, «was wann wie gefunden wird». Deshalb sei situatives Handeln gefragt. Es gebe viele Ideen, aber noch kein konkretes Projekt. Die zusätzlichen Gelder sollen Kooperationen etwa in den Bereichen Naturwissenschaften, Restaurierung, Dokumentation oder im Ausstellungsbereich ermöglichen. Es liege nun in der Verantwortung der beiden Ämter, Ideen zu entwickeln, sagte Knill. Und fügte hinzu, was man selbst in Amtsstuben nicht mehr oft zu hören bekommt: «Dieses Geld, das darf man brauchen.»