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Nachlässige Eltern – Kölliker fordert mehr Disziplin

Schulschwänzer Schüler, die schludrig angezogen sind und ohne Zähneputzen in die Schule kommen. Kindergärtler, die noch nicht aufs WC gehen oder mit ihrem Verhalten die ganze Gruppe stören und darum ein Jahr zurückgestellt werden müssen. Jugendliche, die regelmässig im Unterricht fehlen, obwohl es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt – und das nicht nur auf der Oberstufe, sondern zunehmend auch in der Primarschule: Nein, ein Zufall könne das nicht sein, sagt Stefan Kölliker. Lehrerinnen, Sonderpädagogen, Schulleiter oder ­Behörden konfrontierten ihn in den vergangenen Wochen – unabhängig von­einander – mit dem Thema, sagt er. Die ­Ladung war derart geballt, dass der St.Galler Bildungschef nun handeln will.

Vor zwei Wochen hat er dem Amt für Volksschulen den Auftrag erteilt, die ­Situation im Detail zu analysieren und Massnahmen vorzuschlagen. Wie diese genau aussehen, wird sich weisen. Sicher ist aber jetzt schon: Kölliker will die ­Eltern stärker in die Verantwortung nehmen. "Wir werden die gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen, die wir heute schon haben. Mit dem Ziel, dass die ­Eltern ihre Kinder wieder besser auf die Schule vorbereiten."

Bussen haben keine abschreckende Wirkung mehr

Es ist nicht das erste Mal, dass der Kanton St. Gallen einen Anlauf in diese Richtung unternimmt. Die Sorge, die Eltern würden ihre Erziehungspflichten vernachlässigen und ihre Kinder zu wenig integrieren, trieb die Regierung schon Anfang des Jahrtausends um – kurz nach dem Lehrermord an Paul Spirig. In der Folge erhielt der Kanton ein revidiertes Volksschulgesetz, das über St. Gallen hinaus Schlagzeilen machte, weil es auch einen relativ strengen Bussenkatalog für Eltern definierte, die ihren Erziehungspflichten nicht nachkommen.

Doch um jenen Anlauf ist es über die Jahre still geworden. Die Praxis zeigt: Bussen werden selten ausgesprochen. Die erhoffte Wirkung, dass präventiv jene Eltern zum Kontakt mit der Schule motiviert werden, die nur auf das Warnsignal Busse ansprechen, gibt es kaum noch. Vielen Schulgemeinden fehle zuweilen der Mut, die Richtlinien durchzusetzen, sagt Kölliker. "Wir wollen sie nun dazu animieren, es wenn nötig doch zu tun. Im Gesetz steht klar, dass Eltern zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie sich weigern, Anordnungen für die Beschulung ihres Kindes zu akzeptieren." Für den SVP-Regierungsrat kommt auch ein Ausbau staatlicher ­Angebote in Frage. Mehr Elternbildung sei, wenn sie eindeutig einem Bedürfnis ­entspreche, auch ohne zusätzliche finanzielle Mittel möglich, sagt er.

"Wir sind uns bewusst, dass wir uns hier in einen Graubereich zwischen Eigenverantwortung der Eltern und der Notwendigkeit nach einem reibungs­losen Schulbetrieb bewegen. Aber nichts tun ist keine Alternative.» Schule könne nur dann gut funktionieren, wenn eine gewisse Ordnung und Disziplin herrschten, sagt Kölliker, der ein abnehmendes Engagement der Eltern auch bei Sportverbänden beobachtet, wo ihre Kinder trainieren.

Über die Gründe dieser Entwicklung, die längst nicht alle Eltern betreffen, lassen sich damals wie heute nur Vermutungen anstellen: Die familiären Strukturen und Normen, die immer individueller werden oder sich gar auflösen. Eltern, die in einer komplexer werdenden Welt Mühe haben, ihren Kindern bleibende Werte zu vermitteln. Oder die sich zwischen dem Drang nach Selbstverwirklichung und zeitintensiven Elternpflichten aufreiben. Hinzu kommen neue Tendenzen in der Erziehung. So propagiert die beziehungsorientierte ­Pädagogik, auch destruktives Verhalten von Kindern als "wertvolles Signal" wahrzunehmen – was Lehrpersonen zunehmend vor Herausforderungen stellt. Lassen die Eltern zu viel durchgehen, weil sie nach einem Achtstundentag im Büro keine Energie mehr haben, Grenzen zu setzen? Kölliker mag darüber nicht spekulieren. "Klar ist, dass die Eltern die Erziehung nicht stillschweigend an die Schule delegieren können. Die Schule kann nicht alle Defizite ausgleichen, mit denen sie durch die Gesellschaft konfrontiert wird."

Jürg Ackermann

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