Nachgefragt
Forscherin Anina Havelka: «Pflegeroboter Lio ist einmalig in Europa»

In einem vom Bund geförderten Projekt unter Leitung von einem Team der Fachhochschule Graubünden wird ein Serviceroboter für Alters- und Pflegeheime im deutschsprachigen Raum entwickelt. «Lio» soll ab 2022 vermarktet werden. Projektleiterin Anina Havelka über Chancen und Grenzen des Projekts.

Christoph Zweili
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Assistenzroboter Lio wird im Testlabor im Altstätter Industriegebiet Baffles auf die Probe gestellt.

Assistenzroboter Lio wird im Testlabor im Altstätter Industriegebiet Baffles auf die Probe gestellt.

Bild: Ralph Ribi

Was müssen Pflegeroboter genau können?

Anina Havelka: «Lio» ist ein Assistenzroboter, um genau zu sein. Wir wollen ja nicht, dass er in der Pflege tätig ist. Er soll die Pflegenden bei repetitiven Aufgaben entlasten.

An solchen Robotern wird in vielen Länder geforscht: Was kann «Lio» besser als andere?

Es gibt Roboter, die bereits auf dem Markt sind. Aber sie decken nur einzelne isolierte Einsatzfelder ab. «Lio» ist aber einmalig in Europa, wenn es um mehrere Einsatzfelder geht: Getränke bringen, Fitness, Gedächtnistraining.

Anina Havelka, Forscherin und Projektleiterin.

Anina Havelka, Forscherin und Projektleiterin.

Bild: Ralph Ribi

Wie wurden diese Fähigkeiten entwickelt?

«Lio» beherrscht zurzeit etwa zehn Fertigkeiten. Für das aktuelle Forschungsprojekt brauchen wir nur deren fünf, um das Ziel zu erfüllen. Wir verwenden am Schluss also nur diejenigen, die im Alters- und Pflegeheim von den Bewohnenden auch akzeptiert werden und damit einen grossen Nutzen in der Pflege stiften.

Welche sind das?

Das evaluieren wir derzeit noch. Ein Teil werden die Einsatzfelder sein, die wir jetzt gerade testen.

Roboter geben der Künstlichen Intelligenz ein Gesicht: Sind ihre Möglichkeiten also unendlich?

Das weiss ich nicht. Künstliche Intelligenz, wie sie bei «Lio» vorhanden ist, ist aber limitiert. Man kann sie zwar immer wieder verbessern und adaptieren, indem man viel mit dem Roboter zusammen trainiert ...

... aber?

Die Sprache ist eine grosse Herausforderung. Wir verwenden Google-Speech: Wenn die Bewohnenden etwa nicht Hochdeutsch sprechen oder undeutlich antworten, ist das ein Problem für den Roboter. Da muss sich der Mensch ein bisschen der Technik anpassen.

Und «Lio» lernt tatsächlich dazu?

Ja, ein bisschen im Bereich von Sprach- und Gesichtserkennung. Mechatronische Abläufe lernt er durch unser Zutun.

Können Roboter eines Tages arbeiten wie wir?

Das wissen wir nicht. Dass aber ein Roboter oder eine Maschine die Empathie des Menschen übernehmen kann, halte ich für ausgeschlossen.

Sind andere Länder weiter als wir, was die Entwicklung von Pflegerobotern angeht?

Die Japaner sind da schon sehr viel weiter fortgeschritten und haben weniger Berührungsängste. Wir sind in der Schweiz noch nicht so weit, dass Pflegeroboter auf breite Akzeptanz stossen.

Warum hat «Lio» keine menschlichere Gestalt?

Das müssten die Entwickler bei F&P in Glattbrugg beantworten. Vielleicht könnte man aber auch fragen, wieso Rasenmähroboter keine menschliche Gestalt haben.

Fasziniert von Algorithmen

Bereits während ihres Masterstudiums 2018 arbeitete Anina Havelka als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schweizerischen Institut für Entrepreneurship an der Fachhochschule Graubünden an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis. Die 34-jährige Betriebsökonomin ist an Projekten im Bereich der Künstlichen Intelligenz, Robotik, datenbasierten Dienstleistungen und im Tourismus tätig. Sie leitet das Projekt «Servicerobotik in der Altenbetreuung». Die gebürtige Bernerin ist wenn immer möglich aktiv unterwegs, reist um die Welt, geht gerne tauchen oder verbringt Zeit mit Familie und Freunden. (cz)