Nach Thundorf folgt Tägerschen: Mehrere tote Schafe im Thurgau deuten auf einen Wolf hin

In Tägerschen ist ein Schaf gerissen worden. Die Zeichen deuten auf einen Wolf hin. Schafzüchter sind alarmiert.

Sabrina Bächi und Janine Bollhalder
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Nach Thundorf Tägerschen – ein Raubtier ist im Thurgau unterwegs.

Nach Thundorf Tägerschen – ein Raubtier ist im Thurgau unterwegs.

Benjamin Manser, Wildpark Bruderhaus bei Winterthur (Februar 2016)

«Diese Woche haben wir wieder Hinweise darauf erhalten, dass ein Wolf im Thurgau unterwegs ist», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. In Tägerschen ist ein Schaf gerissen worden.

«Vermutlich wurde es durch das Eisengitter des Laufstalls gepackt und dann ans Gitter gezerrt»

Kistler sagt: «Die Rissbilder deuten auf einen Wolf hin.»

Bereits vor zwei Wochen traf es in Thundorf Schafe. Mutmasslicher Täter: ein Wolf. Der Landwirt habe ihn noch auf der Weide stehen sehen, bevor er das Tier anschliessend mit dem Auto verfolgte.

Schafzüchter zeigt sich genervt

Das Raubtier in Thundorf habe sich durch ein Fenster Zugang zum Stall verschafft, zwei Lämmer getötet, zwei weitere verletzt und eines verschleppt. «Wölfe kommen in einen Blutrausch», sagt Schafzüchter Werner Mazenauer aus Altnau. Er ist Präsident der Schafzuchtgenossenschaft Oberthurgau und zeigt sich genervt angesichts des Raubtiers. Er ist sicher, dass es ein Wolf war, der in Tägerschen zugeschlagen hat, denn:

«Ein Wolf ist in die Fotofalle eines mir bekannten Bauern in der Nähe von Frauenfeld getappt.»

Von den Fotofallen hat auch Roman Kistler gewusst. Neben den Rissbildern deuten diese Aufnahmen auf einen Wolf als Täter hin – ebenso die Stärke der Verletzungen am getöteten Schaf: «Diese Verletzungen sind mit grosser Kraft verursacht worden.» Kein anderes Tier könne so stark zubeissen.

Um den Wolfsverdacht zu bestätigen, sind DNA-Proben nach Lausanne geschickt worden, erklärt Roman Kistler. Er gibt allerdings zu bedenken: «Wir wissen nicht einmal, ob wir überhaupt DNA-Spuren, also Speichel des Tieres, erwischt haben.» Ob es wirklich ein Wolf war, weiss der Amtsleiter gesichert erst in etwa drei bis vier Wochen. Weitere Untersuchung, die belegt, ob das Tier männlich oder weiblich ist oder woher es stammt, nehme längere Zeit in Anspruch.

Schafzüchter müssen Schutzmassnahmen für ihre Tiere treffen.

Schafzüchter müssen Schutzmassnahmen für ihre Tiere treffen.

Benjamin Manser, Wildpark Bruderhaus bei Winterthur (Februar 2016)

Für Schafzüchter Werner Mazenauer dauert das zu lange. «Man weiss ja auch immer noch nicht, ob die Schafe vom 14. Januar in Thundorf mit Sicherheit von einem Wolf getötet wurden», sagt er. Für ihn ist das problematisch. «Wir Bauern haben am Tag nach dem Schafsriss eine Textnachricht mit der Information bekommen. Dazu die Empfehlungen zu Schutzmassnahmen.» Für Mazenauer ändere das aber nicht viel:

«Was soll ich mehr machen, als meine Schafe mit einem Stromnetz einzuhagen?»

Ausserdem könne sowohl ein Wolf als auch ein gut ausgebildeter Hund über diese Netze springen. Einer seiner Kollegen sei sogar so weit gegangen, dass er als Schutz vor dem Wolf den ganzen Stall mit Netzen umstellt hat. Was Mazenauer besonders stört: «Der Wolf verfällt in einen Blutrausch. Und er lässt seine Beute einfach liegen. Wenn ein Fuchs ein Tier erlegt, frisst er es auf.» Für ihn gehöre der Wolf einfach nicht in unser Gebiet.

«Hier schadet er nur. Und es wird nichts gemacht, bis er zwanzig oder dreissig Schafe getötet hat.»

Besonders hart treffe es Bauern, die Herdenbuchtiere halten. Das sind Schafe, deren Abstammung nachgewiesen werden könne. «Dann ist ein Schaf mehr wert», sagt Mazenauer. «Die Differenz macht schnell mal 500 Franken aus.»

Schutzmassnahmen unter Strom

Dass ein Wolf im Thurgau ist, bringt für Schafzüchter Konsequenzen. Roman Kistler sagt: «Die Landwirte müssen sich bewusst sein, dass ein Raubtier unterwegs ist und sie ihre Tiere schützen müssen.» Als Schutzmassnahme nennt Roman Kistler ebenfalls den Zaun mit Strom.

«Zäune mit Stom sind ein effektiver Schutz. Sowohl der Wolf als auch andere Wildtiere realisieren sehr schnell, dass dort Strom fliesst.»
Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau

Reto Martin

Dass Wölfe über die Zäune springen, bestätigt er nicht direkt: «Das kommt nicht so oft vor. Vielmehr gehen sie unter dem Zaun durch. Deshalb ist es entscheidend, dass es keine Lücken am Boden hat, die dieses Durchschlüpfen erlauben.»

In Tägerschen wurde nur ein Schaf getötet. «Dass Wölfe in einen Blutrausch kommen, ist relativ. Man muss sich in die Biologie reindenken:

Ein Wolf hat nicht immer Jagderfolg. Deshalb schlägt er zu, wenn er mal Erfolg hat.

Und er würde auch zurückkommen, um die Kadaver aufzufressen.» Die toten Tiere aber für das Raubtier in den Wald zu legen, wäre kontraproduktiv: «Wir möchten den Wolf nicht darauf trimmen, Nutztiere zu töten. Die Schafe müssen in die Kadaverstelle.»

Kistler muss nun auf den Bericht des Labors warten. «Und wir stehen mit den geschädigten Bauern in Kontakt. Sie werden natürlich entschädigt für die getöteten Schafe.»

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