Nach Pyroshow bei FCSG-Match: «Strengere Kontrollen würden zu mehr Gewalt und nicht zu weniger Pyrozündungen führen»

Nach der Pyroshow vom Samstag beim Spiel des FCSG droht dem FC St.Gallen eine happige Busse von der Liga. Diese lässt allerdings gleichzeitig verlauten, verschärfte Eingangskontrollen würden das Pyro-Problem nicht lösen.

Tim Naef
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Beim Heimspiel des FCSG gegen Servette wurde pyrotechnisches Material abgebrannt. (Bild: Urs Bucher)

Beim Heimspiel des FCSG gegen Servette wurde pyrotechnisches Material abgebrannt. (Bild: Urs Bucher)

Heimsieg gegen Servette und Tabellenrang 4: Der FC St.Gallen dürfte mit dem vergangenen Wochenende eigentlich zufrieden sein. Aber nur eigentlich. Die Partie gegen Servette wird für den FCSG ein Nachspiel haben. Anhänger der Espen zündeten während der 90 Minuten mehr oder weniger pausenlos pyrotechnisches Material. 

«Die Swiss Football League (SFL) verurteilt das Abbrennen der gesetzlich verbotenen Pyro-Artikel», sagt Philippe Guggisberg, SFL-Medienchef, auf Anfrage. Was aber genau auf den FCSG zukommen wird, kann er nicht sagen. Nur soviel: Verstösse gegen das Sicherheitsreglement würden vom Disziplinarrichter im Sicherheitswesen aufgrund der vorliegenden Rapporte beurteilt und bestraft. 

«Der Disziplinarrichter kann gegen Clubs Strafen bis 10'000 Franken aussprechen.»

Es kann aber auch noch schlimmer kommen für den FC St.Gallen. «Erachtet der Richter es für möglich, dass die Schwere der zu verhängenden Strafe seine Kompetenzen überschreitet, reicht er den Fall an die Disziplinarkommission weiter», so Guggisberg.

Philippe Guggisberg, Sprecher Swiss Football League. (Bild: Keystone)

Philippe Guggisberg, Sprecher Swiss Football League. (Bild: Keystone)

Pyros haben nichts mit «Good Hosting» zu tun

Kurz nach dem Spiel tauchte in Sozialen Medien die Forderung auf, die Eingangskontrollen wieder zu verschärfen, um so der Pyro-Problematik Herr zu werden. Das würde sich wiederum direkt auf das Konzept des «Good Hostings» auswirken, welches der FCSG seit mehreren Saisons praktiziert. 

Dem widerspricht Philippe Guggisberg vehement: «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.» Die Anzahl der Pyrozündungen sei unabhängig von der Einlassphase. Die Polizeiliche Koordinationsplattform Sport (PKPS) warne zudem davor, dass strengere Kontrollen zu mehr Gewalt und nicht zu weniger Pyrozündungen führen würden.

Was ist «Good Hosting»?

(tn) Das Konzept «Good Hosting» wurde in der Saison 2015/2016 erstmals flächendeckend in der Schweiz umgesetzt. Die Idee hinter dieser Strategie ist, die Fans der Gastmannschaft auch wie Gäste zu empfangen. An der Stelle von behelmten Ordnungsdiensten, die in der Vergangenheit oft als Provokation empfunden wurden, sollen sich eigens geschulte Stewards um die ankommenden Fans kümmern.

Die Clubs wurden entsprechend aufgefordert, die Einlassphase ins Stadion durch Stewards zu organisieren und auf sichtbare behelmte Ordnungsdienste im Eingangsbereich zu verzichten. Die Kontrollen sollen demnach ruhig, entspannt und gastfreundlich durchgeführt werden, ohne allerdings auf eine konsequente Täterverfolgung mittels hochstehender Videoüberwachung zu verzichten.

Konzept funktioniert

«Seit der Umsetzung des Konzepts wurden keine Ausschreitungen an den Gasteingängen mehr registriert», sagt Philippe Guggisberg, Medienchef der Swiss Football League. Auch die Statistiken der Polizeilichen Koordinationsplattform Sport würden ausweisen, dass seit der Einführung des «Good Hostings» die Probleme und die Gewalt an den Eingängen stark abgenommen hätten. 

Generell kann gesagt werden, dass sich mit dem Konzept die Situation bei den Stadien der Raiffeisen Super League deutlich beruhigt hat. Dieses Fazit wird weiter durch aktuelle Zahlen der PKPS gestützt.

Fanarbeiter: «Es kann zu Rückschlägen kommen»

Was sagt die Fanarbeit St.Gallen zu den Ereignissen vom vergangenen Samstag? Für die Fanarbeit gälten die gesetzlichen Grundlagen, dass der Einsatz von Pyrotechnik verboten sei und sanktioniert werde, antwortet Thomas Weber. Die Fanarbeiter bemühten sich aber auch um eine differenzierte Betrachtungsweise. Der Fanarbeiter weiter:

«Die Menge der pyrotechnischen Gegenstände vom Samstag kann durchaus als problematisch betrachtet werden.»

Wichtig ist es laut Weber nun, die Ereignisse sachlich aufzuarbeiten und tragfähige Strategien im Umgang mit dieser Situation zu entwickeln. «Hier sind alle beteiligten Akteure gefordert.»

Thomas Weber, Fanarbeiter FC St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Thomas Weber, Fanarbeiter FC St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Konkrete Anzeichen, dass so viel Pyrotechnik gezündet würde, habe es für die Fanarbeiter vor dem Heimspiel gegen Servette nicht gegeben, hält Thomas Weber weiter fest. Auf die Frage, ob man versucht habe, mit den Verantwortlichen zu reden, um so den massiven Pyroeinsatz zu verhindern, hält der Fanarbeiter fest: «Die Sensibilisierung der Fans für die möglichen Konsequenzen ihres Handelns gehört zu unserem Auftrag, auch bezüglich Pyrotechnik. Diese Gespräche finden laufend statt, und der Austausch funktioniert.» Weil Fanszenen hochkomplex seien, könne es trotzdem zu Rückschlägen kommen.

«Hier appellieren wir an alle Beteiligten, diese Grundsätze auch in Krisen hochzuhalten und am gemeinsamen Dialog festzuhalten.»

Des Weiteren sagt Thomas Weber, die Pyrodiskussion stecke seit vielen Jahren in einer Sackgasse, was zu klaren Fronten zwischen den Pro- und Kontralagern führe. «Dies erleben wir entsprechend auch im Stadion. Es kann also auch im Stadion nicht von einem Konsens in der Pyrofrage gesprochen werden», so der Fanarbeiter zur Frage, wie das Zünden am Samstag innerhalb des Espenblocks aufgenommen worden sei.

Untersuchungen laufen

Auch die Staatsanwaltschaft St.Gallen hat Kenntnis von den Vorfällen vom Samstag. «Wir wissen zwar davon, müssen aber noch abwarten», sagt Beatrice Giger, Mediensprecherin der St.Galler Staatsanwaltschaft. Zurzeit werden die Ereignisse noch von der Stadtpolizei St.Gallen untersucht. «Die Staatsanwaltschaft wurde noch nicht offiziell informiert.» 

Beamte der Stadtpolizei St.Gallen nach dem Spiel gegen Servette. (Bild: Johannes Wey)

Beamte der Stadtpolizei St.Gallen nach dem Spiel gegen Servette. (Bild: Johannes Wey)

Anders die Stadtpolizei St.Gallen: Diese war am Samstag nach der Partie zahlreich beim Ausgang des Espenblocks vertreten und fertigte Filmaufnahmen der FCSG-Anhänger an.

«Das ist ein ganz normales Vorgehen bei Fussballspielen», bestätigt Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen. Natürlich hätten die Einsatzkräfte aber aufgrund der Vorkommnisse ihre Präsenz beim Ausgang der St.Galler Fankurve verstärkt. Nun sei man daran, das gemachte Videomaterial zu sichten und allfällige Übeltäter zu identifizieren.

Dionys Widmer, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen. (Bild: pd)

Dionys Widmer, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen. (Bild: pd)

Pyro-Material flog mehrere hundert Meter weit

Doch nicht nur im Kybunpark brannte am Samstagabend pyrotechnisches Material. «Pyros oder ähnliche Gegenstände sind bis auf die Zürcher Strasse, die Autobahn und ein Gebäude beim Gründenmoos geflogen», teilte die Stadtpolizei am Sonntag mit. In der Folge sei es zu einer kurzzeitigen Temporeduktion auf der Autobahn gekommen.

«Auch hier laufen die Ermittlungen», so Widmer. Was man zurzeit sagen könne ist, dass wohl keine Sachschäden durch herumfliegendes pyrotechnisches Material entstanden seien. «Wir haben keine Schadensmeldungen dazu bekommen. Aber auch das kann sich im Verlauf der Woche noch ändern.»  

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Kommentar

Pyroexzess im Espenblock: Die Fans sitzen am kürzeren Hebel

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan: Mit Pyroaktionen wie am vergangenen Samstag im Kybunpark setzen einige wenige Anhänger des FC St.Gallen aufs Spiel, was ihnen am Wichtigsten ist: die Fankultur. Sollten sich Fussballclubs und Politik irgendwann entscheiden, konsequent durchzugreifen, droht der Fankultur in der Schweiz das Ende.
Patricia Loher