Nach Missbrauchsverdacht in Kita sagt ein St.Galler Betreuer: «Kinder brauchen auch männliche Vorbilder»

Der mutmassliche Missbrauchsfall in einer Ostschweizer Kindertagesstätte schürt Vorbehalte gegen Männer in der Kinderbetreuung. François Atangana arbeitet als Kita-Mitarbeiter in St.Gallen und erzählt, warum er den Beruf gewählt hat.

Laura Widmer
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François Atangana hat die Ausbildung in Frankreich gemacht und arbeitet heute in einer St. Galler Kindertagesstätte. (Bild: Urs Bucher)

François Atangana hat die Ausbildung in Frankreich gemacht und arbeitet heute in einer St. Galler Kindertagesstätte. (Bild: Urs Bucher)

François Atangana sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und liest seinen Schützlingen aus einem Bilderbuch vor. Er spricht Hochdeutsch mit französischem Akzent. Inmitten der kleinen Kinder wirkt der 35-Jährige wie ein Riese. Atangana arbeitet seit August in der Kinderkrippe Trip Trap in St.Gallen. Im alten Haus mit Garten werden Kleinkinder ab drei Monaten bis sieben Jahren betreut.

Die meisten jungen Männer denken bei der Berufswahl nicht daran, in die Kinderbetreuung zu gehen. «Viele meinen wahrscheinlich, das sei nur etwas für Frauen», sagt Atangana. Für ihn war es naheliegend, beruflich mit Kindern zu arbeiten. Der 35-Jährige hat früh Verantwortung übernommen und seine Schwester, Nichten und Neffen gehütet.

Diplom aus Frankreich ist noch nicht voll anerkannt

Atanganas Frau wuchs in St.Gallen auf. Das Paar lernte sich in Frankreich kennen und entschied vor fünf Jahren, in die Schweiz zu ziehen. Mit über dreissig galt es für ihn, Deutsch zu lernen. Anfangs war die Sprachbarriere nicht einfach, erzählt Atangana. Es ist ein Unterschied, ob ein Kind etwas tun darf oder tun muss. «Solche Feinheiten in der Sprache konnten zu Missverständnissen führen.»

Atangana schloss die Ausbildung zum Kleinkindererzieher in Frankreich ab, in der Schweiz ist sein Diplom noch nicht voll anerkannt. Für diese Anerkennung durch die Schweizer Behörden braucht er weitere Praxiserfahrung. Deshalb ist er in der Kita Trip Trap noch als Praktikant angestellt – keine einfache Situation. «Ich war darüber sehr enttäuscht», sagt Atangana. Danach habe er versucht, die Vorteile zu sehen. Die Situation ist nur temporär, «ausserdem habe ich in den vergangenen Monaten viel gelernt.»

In zehn Jahren nur eine Bewerbung von einem Mann

Corinne Anderegg, Leiterin der Kindertagesstätte Trip Trap.

Corinne Anderegg, Leiterin der Kindertagesstätte Trip Trap. 

Die Zahl der männlichen Bewerber bei der Kita Trip Trap ist gering. Corinne Anderegg ist seit zehn Jahren Leiterin der Kita und sagt: «Auf eine Festanstellung gab es in den vergangenen Jahren erst eine einzige Bewerbung von einem Mann. Das ist schade, denn wir sind nach wie vor der Meinung, dass es männliche Bezugspersonen in Kitas braucht.» Auch auf offene Lehrstellen melden sich fast nur Mädchen – obwohl die Kita Trip Trap sich am Zukunftstag explizit auch an Jungen richtet und Begeisterung für den Beruf wecken will. Diese Einschätzung wird durch Zahlen gestützt: In der Ostschweiz sind nur rund vier Prozent der Kinderbetreuer männlich, wie Nadine Hoch vom Verband Kinderbetreuung Schweiz Kibesuisse, sagt.

Skandale wie der mutmassliche Missbrauchsfall in der Kinderkrippe Fiorino schüren Ängste. Die Kita will sich nicht von diesen Vorurteilen einschüchtern lassen, «darum haben wir uns auch zu diesem Gespräch bereit erklärt», sagt Corinne Anderegg. Thomas Link, Präsident der Kindertagesstätte Trip Trap sagt:

«Das Misstrauen gegenüber Männern in diesem Beruf ist eine diskriminierende Vorverurteilung und begünstigt nicht die Berufschancen für Fachmänner in der Betreuung.»

Dagegen müsse man sich entschieden wehren. Corinne Anderegg sagt: «Es wird auch Frauen geben, die egoistisch motiviert handeln.» Umso wichtiger sei, dass verbindliche Regelungen zum Umgang mit den Schützlingen aufgestellt würden – für alle. Ein Kodex, der gemeinsam mit den Betreuerinnen und Betreuern erarbeitet wurde, hält Verhaltensregeln fest, um den betreuten Kindern ein sicheres Umfeld zu bieten.

Betreuer haben eine andere Rolle als die Eltern

François Atangana, Kinderbetreuer.

François Atangana, Kinderbetreuer.

Auch Atangana ist überzeugt, dass Kinder von männlichen Vorbildern profitierten. Es brauche ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern, sagt er. «Vielleicht spielt ein Mann eher Fussball oder ist etwas wilder mit den Kindern.» Nachdenklich reagiert er auf den mutmasslichen Missbrauchsfall: «Für so etwas gibt es keine Erklärung.»

In diesem Beruf müsse man Grenzen setzen können, sagt Atangana dann bestimmt. Einem Kind helfen oder es trösten, wenn es weint ist selbstverständlich, von sich aus küssen oder umarmen nicht. Das Verhältnis von Nähe und Distanz müsse stimmen. «Als Betreuer habe ich eine andere Rolle als die Mutter oder der Vater. Das muss jedem bewusst sein.»

Zur zweiten Familie werden

François Atangana ist Vater von zwei Mädchen im Alter von zwei und fünf Jahren. Zurzeit arbeitet er 40 Prozent in der Kita und kümmert sich in der restlichen Zeit um seine Kinder. Es dauert noch bis im Herbst, dann kann er die nötigen Unterlagen einreichen, um in der Schweiz als Fachmann Betreuung anerkannt zu werden.

Was ist für ihn das Wichtigste an seinem Beruf? «Dass man mit Herz, Freude und Interesse auf die Kinder eingeht», sagt er. Sie zu erziehen, zu beschützen und zu einer zweiten Familie zu werden – «allerdings mit dem nötigen Abstand».

Das Kinderschutzzentrum ist überlastet

Der mutmassliche Missbrauchsfall in einer Kinderkrippe ist nur einer von zahlreichen Fällen, um die sich das St. Galler Kinderschutzzentrum kümmert. Es verzeichnet momentan doppelt so viele Fälle wie noch vor einem Jahr. Für die Mitarbeitenden wird der Arbeitsdruck zur Belastung.
Noemi Heule
Kommentar

Es braucht mehr Männer in der Kinderbetreuung

In einer St.Galler Kita hat ein männlicher Betreuer mutmasslich Kinder missbraucht. So tragisch dieser Einzelfall ist: Es wäre höchst bedauerlich, würden sich jetzt noch mehr Männer aus Berufen mit Kindern verabschieden.
Stefan Schmid