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Nach Kündigungswelle in Gmünden: Ehemalige Mitarbeiter packen aus

Über die Hälfte der Gefängnisbelegschaft in Gmünden hat seit Herbst 2017 den Bettel hingeschmissen. Sie reden von Respektlosigkeit, Leistungsdruck und verdeckten Mitarbeiterkontrollen. Das Problem sehen sie im Gewinn, den die Anstalt politisch gewollt jedes Jahr erwirtschaften muss. Die Anstaltsleitung wehrt sich gegen die Vorwürfe.
Roman Hertler
Das Gefängnis Gmünden erwirtschaftet jährlich über eine Million Franken Gewinn. (Bild: Benjamin Manser)

Das Gefängnis Gmünden erwirtschaftet jährlich über eine Million Franken Gewinn. (Bild: Benjamin Manser)

Wolken ziehen auf im Gmündentobel. Dieser vergessene Ort, um den sich weder die Öffentlichkeit noch die Politik kümmern. Solange keine Gefangenen ausbüxen, aufmucken oder medizinische Zwischenfälle publik werden – wie zuletzt der Todesfall vom Sommer 2016 –, ist alles in bester Ordnung. Dann darf im Kantonsrat bei der Präsentation der Jahresrechnung getrost applaudiert werden ob der satten Gewinne, welche die Anstalt jährlich zu Gunsten der Staatsschatulle abwirft.

Durch den Globalkredit müssen jährlich 700'000 Franken erwirtschaftet werden. Dieses Geld fliesst in die Staatskasse. Damit steht Alexandra Horvath, seit Juli 2016 Anstaltsleiterin, unter enormem finanziellen Druck. Dem sie aber offenbar standhält. 2017 resultierte ein Gewinn von 1,2 Millionen Franken. Für ein schweizerisches Gefängnis wohl ein einzigartiges Ergebnis. Die Hälfte des zusätzlichen Gewinns fliesst in die Gefängniskasse. Rückstellungen für allfällig künftige Investitionen, die Alexandra Horvath befürworten würde:

«Es müssen gewisse bauliche Neuerungen erfolgen, um einen modernen Strafvollzug anbieten zu können. In diesem Sinne wird ein Neubau oder Umbau befürwortet.»

Der Strafvollzug sei Aufgabe des Staates und soll möglichst kostendeckend sein. «Aus der politischen Bewertung dieser Frage halte ich mich heraus und versuche das Globalbudget so zu gestalten, dass ich den Auftrag erfüllen kann.» Ein gutes Ergebnis sei die einzige Möglichkeit, die äusserst knappen personellen Ressourcen so auszubauen, dass die Aufgabe optimal erfüllt werden könne.

Überbelegung im einen, zu kleine Zellen im anderen Trakt

Die guten Ergebnisse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Gmünden einiges im Argen liegt. Hinlänglich bekannt sind die baulichen Mängel. 2012 hat die nationale Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF) auf das Problem aufmerksam gemacht, dem Gefängnis aber ansonsten und punkto Umgang mit Insassen und Personal gute Noten erteilt. Ob sie das heute noch täte? Seither hat sich auch die Ausserrhoder Staatswirtschaftliche Kommission (StwK) mit Gmünden befasst, geschehen ist bisher nichts.

Alexandra Horvath ist seit 2016 die Leiterin der Strafanstalt Gmünden 2016

Alexandra Horvath ist seit 2016 die Leiterin der Strafanstalt Gmünden 2016

Auch überbelegte Zellen waren vereinzelt ein Thema, aus wirtschaftlichen Überlegungen wird auch von einer «erfreulichen» Belegung gesprochen. Kaum Notiz genommen wurde bisher etwa vom Umstand, dass im Kantonalgefängnis (KG), wo Untersuchungs- und Ausschaffungshäftlinge untergebracht sind, mittlerweile 19 Betten fix montiert sind. Diese Abteilung wurde ursprünglich für zwölf Insassen konzipiert. Provisorisch ist in einer Frauenzelle auch schon eine Zusatzmatratze unter dem Esstisch platziert worden. Alexandra Horvath sagt dazu:

«Das KG war vorübergehend stark besetzt. Bei kurzen Ersatzfreiheitsstrafen kommen während des Vollzugs neue Ersatzfreiheitsstrafen dazu.»

Damit würden Plätze plötzlich länger beansprucht und es könne zu «starken Belegungen» kommen. Die KG-Zellen seien menschenrechtskonform. Hingegen seien die Zellen im Trakt des Normalvollzugs, ein Gebäude von 1968, zu klein, was seit Langem bekannt sei.

Ebenfalls nur eine Randnotiz war bisher die personelle Situation. Fakt ist: Gmünden hat in jüngster Vergangenheit eine «sehr hohe Fluktuation» aufzuweisen, wie auch Regierungsrat Paul Signer richtig erkannt hat. In der Antwort vom 14. Dezember auf eine schriftliche Anfrage von Kantonsrat Peter Gut ist von 16 Abgängen in den Jahren 2016 bis 2018 die Rede. Gemäss unseren Recherchen sind es seit 2017 insgesamt 19, mitgerechnet jene Kündigungen, die in diesem Zeitraum noch während der Probezeit erfolgten. Mitgerechnet sind ebenso zwei Frühpensionierungen respektive eine Freistellung vier Tage vor der Frühpensionierung. «Aus arbeitsrechtlichen Gründen und Gründen des Persönlichkeitsschutzes ist es uns untersagt, über Einzelfälle zu kommunizieren», sagt Horvath dazu. Solche Fragen würden persönliches Erleben und individuelle Arbeitsverhältnisse betreffen.

Bedingungen im Strafvollzug haben sich nicht stark verändert

So oder so: 19 Abgänge seit 2017 sind eine stattliche Zahl, wenn man bedenkt, dass in Gmünden 29 Personen arbeiten. Signer begründet die Kündigungswelle mit den «gestiegenen Anforderungen» im Strafvollzug: «Wir haben heute schwierige Fälle als Häftlinge», sagte er jüngst in dieser Zeitung (Ausgabe vom 5. Dezember).

Diese Aussage des Departementsdirektors Inneres und Sicherheit, der aktuell auch als Landammann amtet, hat einige ehemalige und teils langjährige Mitarbeiter – gelinde gesagt – irritiert. Sie sprechen von einem «Tritt ins Gesicht». Die Bedingungen im Strafvollzug haben sich nicht derart stark verändert, wie Paul Signer dies suggeriere. Gmünden war schon lange, damals noch unter Direktor Kurt Ulmann, der im August 2016 pensioniert wurde, bekannt dafür, «schwierige Fälle» aufzunehmen. Im Jahresbericht zu Gmünden 2015 schreibt der ehemalige Anstaltsleiter:

«Auch in diesem Jahr war die Anzahl an Insassen, die in anderen offenen Strafanstalten nicht mehr tragbar waren und übernommen wurden, überdurchschnittlich hoch.»

Zu den aktuellen Ereignissen und der Kündigungswelle will er sich nicht öffentlich äussern. Immerhin bestätigt er, dass er sich immer auf sein Team habe verlassen können.

Der Frust bei ehemaligen Mitarbeitern ist gross. Die meisten wollen anonym bleiben, zwei stehen mit Namen hin: Dieter Duckert vom Betreuungs- und Sicherheitsdienst (BSD) sowie Pascal Trüssel, langjähriger stellvertretender Leiter des BSD. Auch der ehemalige Leiter des BSD weiss einiges zu berichten, möchte seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Die Kündigungswelle, die in Gmünden vor etwas über einem Jahr begann und offenbar bis jetzt andauert, betraf aber sämtliche Bereiche: Direktion, Administration, Gesundheitsdienst, Werkstatt-Team. Die Vorwürfe an die neue Leiterin Alexandra Horvath lauten einhellig: schlechtes Arbeitsklima, unterschiedliche Auffassung über Sinn und Zweck des Strafvollzugs, rigider Führungsstil, respektloser Umgang mit dem Personal, stark erhöhter Leistungsdruck. Horvath dazu:

«Ich kommentiere meinen persönlichen Führungsstil nicht.»

Ein weiterer, brisanter Vorwurf kommt hinzu: Offenbar sind Teamleiter von der Direktion damit beauftragt worden, Mitarbeiter zu beobachten. Ein Vorfall ereignete sich bei der Urinabnahme eines Insassen in einer Arrestzelle. Zwei BSD-Mitarbeiter sind jeweils zugegen, einer, der kontrolliert, dass nur ins Becherlein gelangt, was hinein gehört, der andere zur Sicherung des Kollegen und des Zelleneingangs. Jener, der den Becher im Auge behalten sollte, war Pascal Trüssel. Während der Urinabnahme klingelte sein Telefon und er tauschte mit seinem Kollegen den Posten, um zu antworten. Eigentlich hätte er seinen Posten nicht verlassen dürfen. Am Telefon sei die Direktorin gewesen und habe ihn gefragt, wo er gerade sei und was er mache.

Die Zellen im Trakt des Normalvollzugs seien zu klein. (Bild: Benjamin Manser)

Die Zellen im Trakt des Normalvollzugs seien zu klein. (Bild: Benjamin Manser)

Später kam raus, dass die Aktion per Videoüberwachung aufgenommen wurde. Dies bestätigen sowohl der zweite Wachmann, der in der Zelle war, als auch der ehemalige BSD-Teamleiter. Letzterer gibt an, er sei von der Direktion aufgefordert worden, den Vorfall ab Überwachungsbildschirm auf sein privates Handy aufzunehmen, um dem fehlbaren Mitarbeiter, notabene seinem Stellvertreter Trüssel, dieses unter die Nase halten. Der BSD-Leiter tat, wie ihm geheissen, was er heute bereut.

«Aber was sollte ich tun? Es kommt nicht gut, wenn man sich der Direktorin widersetzt.»

Trüssel wollte die Direktorin auf das Video ansprechen, doch diese habe seine Frage einfach ignoriert. Es soll weitere Videos geben.

Gesprächskultur, Überstunden und fehlender Gesundheitsdienst

Dieter Duckert erzählt von einem anderen Vorfall im Halbgefangenen-Trakt (HG), der oberhalb der Werkstätten liegt. Der Aufgang zum oberen Stock ist mit einer Gittertüre gesichert. Einzeln habe er die «HGler» aus ihren Zellen zur Arbeit gebracht. Als er den letzten Insassen holte, hatte er besagte Gittertüre offen gelassen. Der Werkstattleiter muss die Türe gesehen haben, am nächsten Tag erhielt Duckert eine Standpauke vom BSD-Leiter. Dieser sei vom Werkstattleiter über die offene Türe informiert worden.

«Gegenüber dem Teamleiter habe ich mich dann gerechtfertigt, dass ich mir doch nicht meinen Fluchtweg versperre», sagt Duckert.

«Und ausserdem: Warum hat der Werkstattleiter die Türe nicht selber geschlossen, wenn er es für nötig befand?» Duckert fragt beim Werkstattleiter nach, warum er nicht direkt auf ihn zugekommen sei, wie das früher in Gmünden üblich war. Dieser habe geantwortet, die neue Leitung bevorzuge eine «hierarchische» Kommunikation, streng nach Dienstweg.

Alexandra Horvath bestreitet, Teamleiter dazu aufgefordert zu haben, ihre Mitarbeiter zu beobachten. Die Schilderung des Vorfalls mit dem Video stimme so nicht, sie höre zum ersten Mal «in dieser Form» davon. Auf Detailfragen einzugehen, sei ihr aber nicht gestattet, weil es sich wiederum auf Einzelpersonen beziehe. Zur Mitarbeiterbeobachtung sagt sie:

«Dort, wo wir Fehler festgestellt haben, haben wir in der Folge genauer hingeschaut und diese thematisiert.»

Verweise würden nur dann ausgesprochen, wenn jemand uneinsichtig sei und sich weigere, Fehler zu korrigieren.

Die ehemaligen Gmünden-Mitarbeiter räumen ein, dass zumindest drei der Kündigungen nicht gänzlich ohne Grund erfolgten. Diese Ehemaligen sind sich aber auch einig: Früher herrschte eine offenere Fehler- und Kommunikationskultur. Fehler seien reflektiert statt vorgehalten worden. Nun würden sie den Eindruck nicht los, dass unliebsame, langjährige und dadurch auch teure Mitarbeiter hinausspediert worden seien. Horvath entgegnet: «Mitarbeiter sind die wertvollste Ressource einer Unternehmung. Langjährige Mitarbeiter, die über ein einschlägiges Fachwissen und Erfahrung verfügen, und die gemäss den Vorgaben ihrer Vorgesetzten arbeiten und ein adäquates Verhalten zeigen, sind wichtige Stützen für einen Betrieb und entsprechend sehr geschätzt.»

Grossteil kündigte auf eigenen Wunsch

Offiziell hat der Grossteil der Abgänger in Gmünden selber oder «auf eigenen Wunsch» gekündigt. Doch vielen wurde nicht nur der tägliche Umgang zu viel, sondern auch die Arbeitsbelastung. Der BSD-Leiter etwa stand dermassen unter Druck, dass er zuletzt mehrere Monate ausfiel. Ein Psychologe bescheinigte ihm zwar kein Burn-out, aber Überbelastung. Viele Stellen seien über längere Zeit nicht mehr besetzt worden. Teilweise absolvierten Zivildienstleistende und RAV-Praktikanten komplette Diensttouren, für Gmünden sind das abgesehen von den Spesen Gratismitarbeiter. Die Überstunden bei den Festangestellten häuften sich. «2017 wurden 840 Überstunden ausbezahlt, im Jahr 2018 total 530», sagt Alexandra Horvath dazu. Zudem hätten im laufenden Jahr Ferienüberhänge abgebaut werden können.

19 Mitarbeiter entschlossen sich zur Kündigung. (Bild: Benjamin Manser)

19 Mitarbeiter entschlossen sich zur Kündigung. (Bild: Benjamin Manser)

Anfang Jahr war der Posten des Gesundheitsdienstes über längere Zeit nicht besetzt. Das Vorbereiten der Medikamente für die Insassen sollte von der Spitex überbrückt werden. Diese habe sich allerdings geweigert, auch Methadon vorzubereiten. Diese Aufgabe übernahmen in dieser Zeit der BSD-Leiter und dessen Stellvertreter Trüssel. Horvath sagt dazu, die beiden Mitarbeiter seien von einer Pflegefachperson entsprechend instruiert worden. Paul Signer sagt dazu:

«Die Mitarbeiter des Betreuungs- und Sicherheitsdienstes waren dazu absolut in der Lage und berechtigt.»

Das erste Jahr unter neuer Leitung sei zwar «okay» gewesen, sagen die Ehemaligen einmütig. Doch bald habe der rauere Umgangston, der damit Einzug hielt, seine Wirkung entfaltet. Hinzu kam die ungewisse Zukunft in Gmünden. Pascal Trüssel sagt: «Ich wünsche mir, dass der Strafvollzug in Gmünden weitergeführt werden kann und dass die Betreuung der Insassen wieder im Vordergrund steht, anstatt das Gewinndenken.»

Die Zukunft in Gmünden bleibt offen

Dass sich in Gmünden in den letzten zwei Jahren einiges verändert hat, bestätigen auch viele, die dem Gefängnis nahestehen. Darunter Kantonsrat und Anstaltsarzt Hans-Anton Vogel. «Es gab massive Umbrüche. Die neue Linie wird strikt durchgezogen», sagt er. «Viele gute Leute sind gegangen.» Unter dem alten Anstaltsdirektor sei es nicht nur um Betreuung gegangen. «Ulmann hatte einen anderen Impetus. Er wollte erziehen, verändern. Da war viel Menschlichkeit drin. Der Betreuungsdienst spielte dabei eine besonders wichtige Rolle.» Dieser Punkt stört auch die Ehemaligen.

«Wir hatten kaum noch Zeit zur Betreuung», so Trüssel.

Praktisch das gesamte BSD-Team verfügte über den Fachausweis Justizvollzug. Mittlerweile ist es nur noch einer. Viele der aktuellen BSD-Mitarbeiter sind ehemalige Securitas-Mitarbeiter mit wenig bis gar keiner Erfahrung im Strafvollzug. Sie verfügen über den Fachausweis Sicherheit und Bewachung. Einige verfügen über Ordnungsdienst- oder Führungsausbildungen. Einer ist zusätzlich in Brandschutz ausgebildet, ein anderer Selbstverteidigungsinstruktor.

Im Umfeld von Gmünden heisst es, da liefen nur noch Rambos herum in Gmünden. Das mag übertrieben sein. Aber auf die Frage nach den Qualifikationen des neuen BSD-Teams fallen die Begriffe «Betreuung» oder «Psychologie» nicht. Das neue Team befinde sich in der Aufbauphase und habe einen guten Zugang zu schwierigen Gefangenen gefunden, erklärt Horvath. «Die Reintegration ist ein sehr wichtiger Aspekt im Strafvollzug, genauso wie beispielsweise auch die berufliche Förderung, die Vermittlung von Allgemeinbildung und die Deliktbearbeitung, die der Minderung des Rückfallrisikos dient», sagt Horvath.

Die Frage bleibt, welche Pläne die Regierung mit Gmünden hat. Gemunkelt wird über eine Deponie oder eine neue Motorfahrzeugkontrolle anstelle der Strafanstalt. Man ist geneigt zu sagen: Egal was im abgeschiedenen Gmündentobel steht – Hauptsache für den Kanton lohnt es sich.

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