Nach Gülle-Unfall: Letzte Steinkrebse im Appenzellerland gerettet – Experte spricht von «Riesenglück»

Bei einer massiven Gewässerverschmutzung der Schwarz in Gonten ist am Samstag am Krebs- und Fischbestand ein Totalschaden entstanden. Nur dank der Entnahme von Steinkrebsen besteht die Hoffnung, dass der letzte Krebsbestand im Appenzellerland gerettet werden kann.

Margrith Widmer 
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Die geretteten Krebse aus der Schwarz in Gonten.

Die geretteten Krebse aus der Schwarz in Gonten.

Bild: pd

Beim Umpumpen von Gülle in einem Kuhstall flossen rund 20'000 Liter Gülle zu einem grossen Teil in die Schwarz. Auf einer Strecke von rund 500 Metern entstand laut dem Innerrhoder Jagd- und Fischereiverwalter Ueli Nef ein Totalausfall. Im letzten Augenblick gelang es, noch 36 Steinkrebse, darunter viele eiertragende Weibchen, zu bergen. Nef sagt:

«Wir sind ganz knapp an einer noch grösseren Katastrophe vorbeigeschrammt.»
Eines der eiertragenden Weibchen.

Eines der eiertragenden Weibchen. 

Bild: PD

Nur dank mehrerer Sperren, die die Feuerwehr Gonten errichtete, habe noch grösserer Schaden verhindert werden können.

Ueli Nef, Jagd- und Fischereiverwalter Appenzell Innerrhoden.

Ueli Nef, Jagd- und Fischereiverwalter Appenzell Innerrhoden.

«Und wir hatten Riesenglück», so Nef. Denn: In den vergangenen zwei Jahren wurden auf Anregung von Jeannot Müller, der in der Mehlersweid zwischen Bühler und Schlatt-Haslen eine Flusskrebs-Station betreibt, Steinkrebse zur Nachzüchtung und Wiederansiedlung entnommen. «Wir haben das getan, damit genau solche Vorfälle nicht zum Aussterben der letzten Steinkrebse führen. Es handelt sich dabei um eine ‹Versicherung› für den vorhandenen Genpool.» So könnten die letzten ihrer Art vor dem endgültigen Aussterben gerettet worden sein. Die Schwarz ist auf der betroffenen Strecke wahrscheinlich tot. Auch alle Kleinlebewesen, die Nahrung der Krebse, sind verendet.

Wie es zu der Gewässerverschmutzung kam, wird vom Amt für Umweltschutz untersucht. In Innerrhoden heisst es, der betreffende Landwirt habe sich während des Pumpvorgangs eine Kaffeepause gegönnt.

Naturnahe Aufzucht

In vielen Gewässern könnten heute wieder einheimische Stein- und Edelkrebse leben. Aber oft verunmöglichen künstliche Hindernisse und stark dezimierte Restbestände eine natürliche Wiederansiedlung. Hier bietet die naturnahe Aufzucht von Jungkrebsen aus der Schwarz Unterstützung. Die Tiere werden im Alter von wenigsten Monaten in geeigneten Gewässern eingesetzt. So kann innert dreier Jahre eine neue Population entstehen. Jeannot Müller und Ueli Nef rechnen damit, dass Jungkrebse möglicherweise im Herbst wieder freigesetzt werden können. Wie lang es dauert, bis die Schwarz wieder ökologisch gesund ist, bleibt vorläufig unbekannt.

Die geretteten Krebse aus der Schwarz in Gonten inmitten toter Fische.

Die geretteten Krebse aus der Schwarz in Gonten inmitten toter Fische. 

Bild: PD

Als er festgestellt habe, dass sich Krebse in einer Fünf-vor-Zwölf-Situation befinden, habe er die Flusskrebsstation gegründet, so Jeannot Müller:

«Ein Unfall, Gülle oder Baustellen können die Situation der sensiblen Tiere zum Kippen bringen.»

Ein Kartierungsprojekt ergab praktisch keine Standorte von Krebsen mehr - ausser in der Schwarz und genau dort, wo die grösste Krebsdichte war, fand nun diese massive Verschmutzung durch Gülle statt. Die Tiere konnten auch nicht ausweichen: In einem Seitenbach war zu wenig Wasser.

So sieht ein gesunder Steinkrebs aus.

So sieht ein gesunder Steinkrebs aus. 

Bild: PD

Flusskrebse: Kulturgut und «Gewässerpolizisten»

Krebse, auch der einheimische Steinkrebs, leben im Verborgenen, unter Wurzeln und Steinen in Bächen. Über die Vorkommen der nachtaktiven Tiere im Appenzellerland ist nur wenig bekannt, wie Martin Zimmermann, Geschäftsführer des WWF AR/AI, sagt. Aus diesem Grund werden die Appenzeller Bäche in einem dreijährigen Kartierungsprojekt nach Flusskrebsen abgesucht. Der WWF Appenzell unterstützt das Krebsprojekt von Jeannot Müller, Thomas Kreienbühl und der Innerrhoder Fischereiverwaltung. In den vergangenen zwei Jahren nahmen Freiwillige des WWF an der Krebskartierung an Appenzeller Bachläufen teil. Die Kartierungen sind die Basis um weiterführende Schutzmassnahmen im Appenzellerland zu erarbeiten. «Flusskrebse sind nicht nur ein Kulturgut und Faszinosum für unsere Enkel. Flusskrebse spielen auch als ‚Gewässerpolizisten‘ eine wichtige Rolle im Ökosystem, indem sie beispielsweise organisches Material in Biomasse umwandeln oder tote Wasserlebewesen entfernen», sagt Martin Zimmermann. 

«Die 20'000 Liter Gülle, die in die Schwarz geflossen sind, haben fast die ganze Appenzeller Krebspopulation zerstört. Das kann nicht einfach hingenommen werden. Auch wenn der Verursacher belangt wird, bleibt der Schaden. Für den WWF ist unverständlich, dass landauf und landab immer wieder Gewässerverschmutzungen durch auslaufende Gülle verursacht werden. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass es wieder zu einem neuen Vorfall kommt. Die Landwirtschaft ist sich offenbar ihrer besonderen Verantwortung für das Oekosystem Gewässer immer noch nicht bewusst. Anders lässt sich die Häufung der Vorfälle nicht erklären», sagt Zimmermann. (red.)

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