Nach Entscheid des Bildungsdepartements: Die Schüler streiken trotzdem

Trotz verschärfter Absenzenregeln setzten die Kantischüler den Klimastreik fort – gemeinsam mit 300 Mitstreitern bis hin zur Alt-Nationalrätin. Zuvor stellte sich Regierungsrat Marc Mächler den Fragen der Schüler.

Noemi Heule
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Rund 50 Kantischülerinnen und -schüler nahmen am Freitag eine unentschuldigte Absenz in Kauf. Rund 300 Teilnehmer schlossen sich dem Klimastreik an. (Bild: Benjamin Manser)

Rund 50 Kantischülerinnen und -schüler nahmen am Freitag eine unentschuldigte Absenz in Kauf. Rund 300 Teilnehmer schlossen sich dem Klimastreik an. (Bild: Benjamin Manser)

Dafür mussten sie keine Absenz begründen: Die Schülerinnen und Schüler der Kanti am Burggraben haben am Freitag Regierungsrat Marc Mächler in die Mangel genommen – in ihrer Mittagspause. Rund 300 von ihnen sassen auf der Treppe, standen im Eingang oder entlang der neongrünen Seitenwände der Aula. Während einige von ihnen später mit Transparenten durch die Strasse marschierten, Parolen skandierten und ihrem Motto alle Ehre machten («Wir sind laut»), gaben sie sich gegenüber dem St. Galler Baudirektor kleinlaut. Oder zumindest «anständig», wie es Mächler, zuständig auch für Raum und Umwelt, im Anschluss formulierte.

Regierungsrat Marc Mächler  stellt sich den Fragen der Kantischüler. (Bild: Benjamin Manser)

Regierungsrat Marc Mächler  stellt sich den Fragen der Kantischüler. (Bild: Benjamin Manser)

«Keine banalen Antworten oder leeren Versprechen»

Eine Stunde nahm sich Mächler Zeit, um Fragen zur Klimapolitik zu beantworten. Und doch redeten der Regierungsrat auf der Bühne und die Schüler auf der Tribühne aneinander vorbei. Er, dessen Hemdkragen akkurat über das Jackett ragte, sprach von Energiekonzepten, E-Mobilität und Minergiestandards. Oder dem «Commitment, alles zu versuchen». Sie in T-Shirt und ­Dr.-Martens-Stiefel von einer autofreien Stadt, dem Klimanotstand oder der Ignoranz der Politik. «Keine banalen Antworten oder leere Versprechen», forderte ein Sprecher zu Beginn – gefolgt von Applaus und Gejohle.

Die Schüler wollten von langfristigen Zielen nichts wissen: Bis 2030 sollen das CO2 auf null reduziert werden, so die Forderung. Marc Mächler dagegen sprach politisch abgeklärt von Gesetzgebungsprozessen und der Suche nach Mehrheiten. Dennoch: «Wir wollen dasselbe», nur das Tempo sei ein anderes, betonte er, bevor er die Schüler in den Unterricht entliess – «oder geht ihr heute noch zum Streik?»

«Nein!», nahm Rektor Marc König vorweg. Denn wer streikt, statt in der Schule zu sitzen, riskiert eine unentschuldigte Absenz. Dies hat das Bildungsdepartement Anfang Woche entschieden. Übersetzt heisst das: Ein Eintrag im Zeugnis. Zudem muss der verpasste Stoff nachgeholt werden, wie König sagt. Dennoch plädiert er für «eine gewisse Gelassenheit». «Jahrelang galt die Jugend als politisch uninteressiert, nun machen sie etwas». Da dürfe man nicht überreagieren, «auch wenn sie Fehler machen». Dass es den Schülern nicht ums Schwänzen gehe, zeige allein die rammelvolle Aula. «Sie investieren auch ihre Freizeit.» 

Stelldichein der Sozialdemokraten

Der Absenzenregelung zum Trotz zogen später rund 50 Kanti­schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit durch die Stadt. «Wir brauchen kein makelloses Zeugnis, wenn wir keine Zukunft haben», sagte Mitorganisator Dominic Truxius. Circa 300 Personen schlossen sich der Gruppe an. Schüler aus Wattwil oder Wil, Passanten und Politiker. Die SP St. Gallen stärkte ihnen mit Präsident Max Lemmenmeier, Co-Fraktionsräsidentin Bettina Surber, Nationalrätin Claudia Friedl und Kantonsrat Ruedi Blumer den Rücken. Lemmenmeier fragte rhetorisch.

«Verschlafen gilt als Absenzengrund, aber Streik nicht?»

«Was sind schon Absenzen?», doppelte Alt-Nationalrätin Pia Hollenstein nach, die auf dem Gallusplatz die Schlussrede hielt. Die Grüne-Politikerin sprach über ihr Engagement als Vorstandsmitglied der Klimaseniorinnen – und die Jugend klatschte Beifall.

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