Nach dem Aus für das «Rex»: So überleben Ostschweizer Landkinos

Die Besucherzahlen in den Schweizer Kinos sind dramatisch eingebrochen, und soeben hat die Kitag ihr St.Galler Stadtkino Rex geschlossen. Die verbleibenden Ostschweizer Stadt- und Dorfkinos wehren sich aber standhaft gegen die Resignation.

Marcel Elsener
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Gut subventioniertes Aushängeschild der Ostschweizer Kinokultur: Das Kino in der St.Galler Lokremise. (Bild: Urs Bucher)

Gut subventioniertes Aushängeschild der Ostschweizer Kinokultur: Das Kino in der St.Galler Lokremise. (Bild: Urs Bucher)

Wann waren Sie das letzte Mal im Kino? Die Frage stellt sich für jede Ostschweizerin, jeden Ostschweizer, man stellt sie am besten wieder einmal im eigenen Bekanntenkreis. In so mancher Runde in der Stadt St.Gallen galt die Frage in diesen Tagen dem Kino Rex am Blumenbergplatz: Die Gerüchte, wonach es nach der langen Sommerpause nicht mehr öffnen würde, bestätigten sich ohne Wenn und Aber.

Wer das Kino, wo man diesen Winter etwa den Oscar-Preisträgerfilm «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» gesehen hatte, noch ein letztes Mal besichtigen wollte, erhielt die Chance nicht mehr. Die Kitag hat das Gebäude bereits an die HRS verkauft, die anstelle der drei Kinosäle einen Wohn- und Gewerbeneubau erstellen will.

Im Gegensatz zu anderswo bleibt im «Rex» keine Zeit zur Diskussion einer Kino-Alternative oder anderer kultureller Nutzung, wie zuletzt im «Storchen». Dort träumten manche von einem eigenen Kino, doch wer rechnete, hatte bald keine Illusionen mehr. Sogar das in der Lokremise gut aufgestellte und viel besuchte Kinok, das mit einem zweiten Saal liebäugelt, musste einsehen, dass ein zweiter Standort zu teuer wäre. «Zudem sind wir mitten im Prozess der Digitalisierung, wie die Entwicklung weitergeht, ist nicht abzusehen», sagt Kinok-Leiterin Sandra Meier. Das «Rex» hat man schon gar nicht mehr ins Auge gefasst:

«Da hätte man viel Geld in die Hand nehmen müssen, um die Säle umzubauen, ein Lokal einzubauen, einen gastfreundlichen Treffpunkt zu schaffen. Und das alles an einem nicht sonderlich attraktiven Ort.»

Düstere Aussichten in einem miserablen Kinojahr

Der einst stolzen Kinostadt bleibt damit als Traditionskino nur noch das «Scala» (ehemals «Hecht»). Das Wehklagen über die jüngste Kinoschliessung hält sich allerdings in Grenzen. Zumal sie in einem bislang miserablen Jahr für die Branche nicht überrascht: Die Eintritte in den Schweizer Kinos sind im ersten Halbjahr 2018 um fast 20 Prozent eingebrochen. Als Grund vermutet man beim Schweizer Kinoverband das bereits im Frühling zu schöne Wetter, die Fussball-WM sowie das Fehlen zugkräftiger Grossproduktionen wie eines neuen «Bond» (der 2019 kommt).

Bad News für eine Branche, die wegen veränderter Freizeitgewohnheiten, Streamingplattformen wie Netflix und einer immer dichteren Event- und Festivalagenda sowieso seit Jahren unter Druck ist. Die Ostschweiz ist da keine Ausnahme, wie beispielsweise der Uzwiler City-Kinobetreiber Pascal Nussbaumer Ende Juli sagte: «Der Sommer trocknet nicht nur die Flüsse aus, sondern auch das Kino, seit drei Monaten fehlt uns das Publikum.» Und über den temporären Notstand hinaus machte er eine düstere Prognose:

«Kinos wie unseres werden mittelfristig von der Bildfläche verschwinden.»

Wird es in der Ostschweiz in zehn Jahren nur noch halb so viele Kinos geben? Die Aussage mag kein Kinobetreiber unterschreiben – schon weil sich private Einzel- oder Kettenkinos und Vereinskinos schwer vergleichen lassen.

«Alle sind auf ihre Weise anders und sitzen doch im gleichen Boot», sagt etwa Peter Bötschi, Geschäftsführer des auf Arthouse-Filme spezialisierten 30-jährigen Wattwiler Kinos Passarelle. Ein Landkino, das sich zwar wie jenes in Uzwil früh digitalisiert hat, aber seit jeher auf Mainstream- und US-Actionfilme setze, hat es speziell schwer. Bessere Aussichten haben jene, die sich in einer Nische profilieren und auf ein älteres Stammpublikum bauen können.

Junge zu gewinnen ist für alle schwierig: Sofern Jugendliche das Medium Film überhaupt noch im Kino wahrnehmen, bevorzugen sie Multiplexe, Grosskinos mit fünf und mehr Sälen und mit Anbindung an Gastro- oder Shoppingangebote.

Kino-Infrastruktur wird zu einer kulturpolitischen Frage

Während sich der kommerzielle Kinomarkt in Richtung Grosskinos entwickle, genügten kleinere Häuser den gestiegenen Erwartungen nicht mehr, meint Constans Schmölder, Teilhaber des Schlosskinos Frauenfeld und des Liberty Cinema Weinfelden. «Der klassische Kinobetreiber muss sich vom reinen Leiter einer Filmabspielstätte zu einem modernen Gastgeber von Events wandeln.»

Was auch immer unter «Event» verstanden werden kann, gilt die Aussage für alle Landkinos von Heerbrugg bis Romanshorn. Mit Talks, Interviews, Reihen, Spezialvorführungen (etwa für Teenies oder AHV-Senioren) und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen locke man neues Publikum ins Kino, sagt stellvertretend Astrid Mucha vom «Rosental» in Heiden.

Wer fernab von hochkarätig kurarierten städtischen Arthouse-Kinos oder andernfalls günstig zu bewirtschaftenden Multiplexen überleben will, muss seine Nische finden. Ein Sonderfall in dieser Hinsicht ist der Cinétreff in Herisau, wo nach der Betriebsaufgabe 2011 ein Verein übernahm und heute konsequent auf Heimatfilme setzt. Mit Erfolg: Dank den Rekordzahlen von «S’Bloch» hat man dieses Jahr bereits die Vorjahresbilanz übertroffen, sagt Geschäftsführer Michael Hefti. Mit seiner Spezialisierung – zugespitzt auf «Appenzeller Brauchstumskino» – nimmt Herisau schweizweit den Spitzenplatz unter den Heimatfilm-Abspielstätten ein.

Treues Publikum und ehrenamtliches Vereinsengagement in Ehren, können Arthouse-Kinos auf dem Land langfristig nur mit Staatsgeldern existieren. Die Frage, welche Kino-Standorte überleben, ist letztlich eine kulturpolitische Frage, wie das Beispiel Toggenburg zeigt. «Passerelle»-Gründer Bötschi sagt dazu:

«Mit der Filmkunst auf dem Land ist es ähnlich wie mit Gletschern. Wenn sie nicht wegschmelzen sollen, muss man etwas unternehmen.»

Das Kino mit zwei Sälen und anspruchsvoller Programmation hat nun erstmals einen Vorstoss um Betriebskostenzuschüsse bei den Gemeinden gemacht. Bisher gab’s keinen Franken – von Standortgemeinden-Subventionen von jeweils 120000 Franken wie in St.Gallen (Kinok) und Winterthur (Cameo) können sie in Wattwil nur träumen. Immerhin leistet der Kanton 25000 Franken – das Kinok erhält mit kantonalen 180000 allerdings über sechsmal mehr. Während früher neue Werke von Altmeistern wie Ken Loach ohne Werbung den Saal füllten, verlange heute jeder noch so prominent gefeierte Film besondere Werbeanstrenungen, heisst es nicht nur im Toggenburg.

Mutmachende Aufrufe zum Gemeinsschaftserlebnis

Die Kinobetreiber mögen die Hiobsbotschaften nicht mehr hören. Wahlweise erleben sie immer wieder Lichtblicke: So hat Heiden «das zweitbeste Kinojahr seiner Geschichte» hinter sich und lief der Januar in Wattwil grundlos «so gut wie keiner seit sieben Jahren».

Mut machen grossartige Filmabende mit dankbarem Publikum, wie alle Kinovertreter sagen, und Hoffnung gibt die Tradition, wie im «Rosental»: «Unser Kino wird es sicherlich auch in zehn Jahren noch geben, wir sind bereits über 80 Jahre in Heiden verankert.» Auch im Thurgau herrscht trotz allem Zuversicht, meint Schmölder:

«Das Kino hat das Fernsehen und die DVD überlebt und ist dank der Digitalisierung so flexibel wie nie zuvor. Kino bleibt das Grösste!»

Momentan habe das Kino «ein Imageproblem, es macht es nur negative Schlagzeilen», sagt Sandra Meier. Auch sie verweist auf das «überwältigende Gemeinschaftserlebnis an einem schönen Ort» – empfiehlt mit einem Zitat des Zürcher Riff-Raffs, das sein Zwanzigjährigen feiert, «das kollektive Abdriften im Zwielicht». Erst recht am morgigen Tag des Kinos, wenn schweizweit 500 Kinos Filme für einen Fünfliber zeigen. Und: Wann waren Sie das letzte Mal im Kino?