Abschied von einer grossen Anwältin und mutigen Vorkämpferin für Frauen- und Flüchtlingsrechte in der Ostschweiz

Sie war die Frau, die für die Innerrhoderinnen 1990 das Stimmrecht erstritt und vielen verzweifelten Migrantinnen und Kindern zu ihrem Recht verhalf: Im Gedenken an die Rorschacher Rechtsanwältin Hannelore Fuchs-Stärkle, die am 24. Februar im Alter von 83 Jahren verstarb.

Marcel Elsener
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Hannelore Fuchs-Stärkle (1936 - 2020).

Hannelore Fuchs-Stärkle (1936 - 2020).

Bild: PD

Sie kämpfte bis zuletzt für die Schwächsten, ans Aufgeben dachte sie nie. Noch am Vorabend ihres Todestags hatte Hannelore Fuchs eine Rechtsschrift zugunsten eines elfjährigen Mädchens aus der Türkei abgeschickt, das mit seiner Familie seit bald drei Jahren im Durchgangszentrum Marienburg in Thal auf einen Asylbescheid wartet und - entgegen einem Bundesgerichtsurteil - noch nie eine öffentliche Schule mit gleichaltrigen Kindern besuchen konnte.

Ein exemplarischer Fall für das Engagement der Anwältin, die sich weit über das Pensionsalter hinaus für die Rechte jener einsetzte, die ihren Beistand am nötigsten hatten: Frauen, Kinder, Migrantinnen, Flüchtlinge. 2008 hatte sie, 72-jährig, das Präsidium der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht übernommen und unermüdlich für eine rechtmässige und würdige Betreuung der geflüchteten Menschen gekämpft – stets den für sie höchsten Wert, Gerechtigkeit, vor Augen.

«Hannelore Fuchs war das Herz, die Seele und der Motor der Beobachtungsstelle», sagte ihre Vorstandskollegin Silvia Maag vor der grossen Trauergemeinde. Sie wisse nicht, wie es ohne sie mit der Stelle weitergehen soll. Hartnäckig hatte die Präsidentin nicht nur Einzelfälle begleitet, sondern auch die privatisierten Asylstrukturen im Kanton St.Gallen kritisiert und Verbesserungen gefordert. «Der Betreuungsbereich muss von Grund auf erneuert werden», sagte sie in ihrem letzten Interview mit unserer Zeitung im Juli 2019. «Flüchtlinge sollten nicht nach dem Grundsatz behandelt werden, «für die tuet’s scho, suscht wird’s ne z’wohl». Es sind Menschen, die grösstenteils von Trennung, Krieg und der Flucht traumatisiert sind und Empathie und Verständnis bedürfen.»

Als linke Anwältin und unerbittliche Kämpferin für Frauenrechte war Hannelore Fuchs eine Pionierin für die ganze Ostschweiz. Sie war es, die den Innerrhoderinnen half, das Frauenstimmrecht auch im letzten Schweizer Kanton durchzusetzen – 1990 gab ihnen das Bundesgericht Recht. Dabei fand sie erst spät zu ihrer Berufung; ein Germanistikstudium hatte sie zugunsten ihrer Familie abgebrochen. Als nebenamtliche Richterin am Bezirksgericht Rorschach nahm sie auf dem zweiten Bildungsweg das Jusstudium auf und trat 1983 mit 47 Jahren als Praktikantin in das einzige linke Anwaltsbüro in St.Gallen ein – «Anwälte 44». Der Beginn einer neuen Geschichte, der das Wirken des Büros bis heute präge, wie Kollege Paul Rechsteiner seine langjährige Büropartnerin würdigte. Vor ihr habe es keine St.Galler Anwältin gegeben, die auch vor Gericht forensisch auftrat. «Und schon gar nicht Anwältinnen mit einem feministischen Ansatz.»

Hannelore Fuchs machte vielen Frauen Mut und gab ihnen eine Stimme, wo sie vorher keine hatten. Sie vertrat Frauen – und Kinder – in vielen Konstellationen von sexueller Gewalt, bis an die Grenze des Erträglichen, wie der SP-Ständerat ausführte. Mit ihrem beispiellos kompetenten und pragmatisch-kreativen Engagement habe sie sich nicht nur Freunde gemacht. «Anwälte mit Standesdünkel, aber auch manche Richter hatten mit ihrem bedingungslosen Auftritt ihre liebe Mühe. Sie war eine elegante Frau mit Stil und Würde. Was die Irritation gewisser Vertreter der Männerjustiz nicht verminderte.» So leidenschaftlich Hannelore Fuchs den gesellschaftlichen Fortschritt vorantrieb, so unbeirrbar wehrte sie sich gegen Kräfte, die ihrer Meinung nach demokratische Prozesse hintertrieben. Dies galt auch in ihrem Wohnort, wo sie scharfsinnig beschrieb, was mit der Abschaffung des Parlaments verlustig ging. Die Wirkungsmacht der einzigartigen Rorschacherin wird von der Dachterrasse ihres offenherzig belebten Dreifamilienhauses und der ebenso geschätzten Badhütte bis zu Flüchtlingsunterkünften in entlegenen Berggebieten lange und liebenswürdig nachhallen.