MUT: Die Badistürmerinnen

Im Sommer 1967 kletterte eine Gruppe Frauen über den Zaun der Badeanstalt Weierwise in Wil. Ihre Aktion war ein Protest gegen die strikte Geschlechtertrennung. Heute jährt sich der Badisturm zum 50. Mal.

Ursula Ammann
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Berty Sutter setzte als eine der "Badistürmerinnen" ein Zeichen für mehr Offenheit. (Bild: pd)

Berty Sutter setzte als eine der "Badistürmerinnen" ein Zeichen für mehr Offenheit. (Bild: pd)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Wenn Berty Sutter zurück denkt, muss sie noch immer den Kopf schütteln. "So unglaublich stur und konservativ war Wil damals", sagt die 84-Jährige. Die fünffache Mutter besuchte Sommer für Sommer nur mit ihren Mädchen das Freibad. Die Söhne durften nicht mit. In der Badeanstalt Obere Weierwiese in Wil galt nämlich strikte Geschlechtertrennung. Ein Badibesuch mit der ganzen Familie lag nicht drin. "Unvorstellbar", sagt Berty Sutter, "vor allem, wenn man bedenkt, dass es noch bis vor 50 Jahren so war."

Die von weiten Kreisen der Bevölkerung als unsinnig wahrgenommene Badeordnung hätte es wohl noch länger gegeben, wären nicht ein paar Wiler Frauen am 23. Juli 1967 demonstrativ über den Hag geklettert. An vorderster Front dabei war Berty Sutter. Ihren damals dreijährigen jüngsten Sohn, mit dem sie eigentlich nicht zusammen in die Badi hätte dürfen, reichte sie über den Zaun. Es folgten weitere Frauen und Kinder. "Die Leute haben geklatscht, als wir drin waren", erzählt die Wilerin.

Der "Blick" richtete den Blick auf Wil

Doch von einigen Seiten blieb der Applaus aus. Nicht zuletzt, weil zuvor der "Blick" über die Aktion eingeweiht worden war. Unter dem Titel "Frauen stürmten das Männerbad!" war von "nach Abkühlung lechzenden" und "erbosten" Damen zu lesen, die "unter Schlachtrufen" ins Bad gedrungen seien. Die Behörden liess dieser Artikel nicht kalt. Die Schulgemeinde Wil und die Gemeinde Wil, an welche die Badi 1965 verkauft worden war und die bereits zu Beginn die Mehrheit der Aktien besassen, verurteilten die Ereignisse scharf. Es habe sich um eine "organisierte Demonstration" gehandelt, zu der in "verwerflicher Weise" zum Voraus ein Reporter des "Blick" herbeigerufen worden sei, heisst es in einem Gemeinderatsprotokoll vom 26. Juli 1967. "Der Rat bedauert die Vorfälle und die Veröffentlichung durch ein in der ganzen Schweiz verbreitetes Sensationsblatt." Er verzichte aber darauf, auf die Vorkommnisse näher einzutreten.

"Wir hätten nicht gedacht, dass unsere Aktion so viel auslösen würde", sagt Berty Sutter. Sie selber hat nur positive Reaktionen erhaltenn. Von Frauen und Männern. Ein Nachbar habe sich einmal mit einer Flasche Wein für ihren Mut bedankt.

Sicherheitswächter verteidigte die Badeordnung

Berty Sutter ist in Wil aufgewachsen und hat das geschlechtergetrennte Baden von klein auf miterlebt. "Wenn wir Mädchen jeweils länger drin waren als es der Plan erlaubte, wurden wir mit einem Pfiff zum Gehen aufgefordert", sagt sie.

Die Badi Weierwiese feierte 1931 Eröffnung. Schon damals stiess die strikte Geschlechtertrennung auf Unverständnis. Einige Eltern forderten noch im selben Sommer, "dass ihre Mädchen mit dem Vater und ihre Buben mit der Mutter, bis zum schulpflichtigen Alter, die Badeanstalt benützen dürfen". Einer der Unterzeichnenden war der Wiler Künstler Karl Peterli. Zwar hätte es – wäre es nach dem Verwaltungsrat gegangen – ein Familienbad geben sollen, doch dagegen erhob der Gemeinderat Einspruch. Der Verwaltungsrat wiederum reichte Rekurs beim Regierungsrat ein und bekam von diesem recht. Der Gemeinderat zog die Angelegenheit weiter ans Bundesgericht. Dieses befand, die Gemeinde sei berechtigt, ein Verbot des Gemeinschaftsbades auszusprechen, und so blieb es bei getrennten Badezeiten für männliche und weibliche Gäste.

Wie der ehemalige Sekundarlehrer Arnold Schawalder im Buch "Die Geschichte der Oberen Badi Wil" festhält, verwehrte anfangs eine Bretterwand rund ums Areal den Blick auf das andere Geschlecht. Der Bademeister, dem nachgesagt wurde, er könne gar nicht schwimmen, soll jeweils damit beschäftigt gewesen sein, die Astlöcher zuzukitten, "damit ja kein unberufenes Auges sich an den doch recht züchtigen Badekostümen der braven Wilerinnen ergötzen könne".

Jahrzehntelang wurde an der Geschlechtertrennung festgehalten. Der zunehmenden Unzufriedenheit der Bevölkerung begegnete man mit Sicherheitspersonal, das die strenge Ordnung durchzusetzen hatte. Am Tag des Badisturms aber "streckten Securitas-Wärter und Badmeister achselzuckend die Waffen und suchten das Weite", schreibt Schawalder. Die Protestaktion hat Wellen geworfen und vieles ins Rollen gebracht. Jedenfalls war es nach jenem Sommer mit dem getrennten Baden vorbei.