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Muskeln statt Rollator: Terzstiftung aus Berlingen möchte Kanton für ein Pilotprojekt begeistern

Mit gezieltem Krafttraining sollen selbst Hochbetagte wieder fitter werden. Die Terzstiftung in Berlingen hat das Gesundheitsamt für ein gemeinsames Pilotprojekt angefragt. Der Kanton ist interessiert.
Ida Sandl
Im Therapiezentrum Kronenhof in Berlingen trainiert Physiotherapeut Manuel Kotzur mit Wolfgang Lichey. Auf dem Bild übt Lichey, wie man nach einem Sturz aus eigener Kraft wieder aufstehen kann. (Bild: Reto Martin)

Im Therapiezentrum Kronenhof in Berlingen trainiert Physiotherapeut Manuel Kotzur mit Wolfgang Lichey. Auf dem Bild übt Lichey, wie man nach einem Sturz aus eigener Kraft wieder aufstehen kann. (Bild: Reto Martin)

Die Frau, von der Manuel Kotzur schwärmt, ist über 80 Jahre alt und blind. Sie träumte davon, ohne fremde Hilfe im Bodensee zu schwimmen. Kotzur ist ein junger Physiotherapeut mit einem Wust von schwarzen Haaren und markanter Brille. Er arbeitet im Therapiezentrum Kronenhof in Berlingen. Für die Frau stellte er einen Trainingsplan auf: Muskelaufbau, Ausdauer, Gleichgewicht. Das Projekt war fordernd und dauerte ein ganzes Jahr. Doch sie blieben dran. Die Frau hatte ein Ziel vor Augen. Und sie hat es geschafft. Mit über 80 und blind kann sie heute wieder allein im Bodensee schwimmen.

Ein 94-jähriger Japaner zeigt, wie es geht

Solche Geschichten hört René Künzli, der Präsident der Terzstiftung in Berlingen, gerne. Sie bestätigen seine These: «Es gibt keine Altersgrenze, um die körperliche Verfassung zu verbessern.» Als Beweis dient Künzli ein Video, das einen 94-jährigen Japaner vor und nach gezieltem Training zeigt. Im ersten Teil legt der Mann mit zögerlichen Trippelschritten ein paar Meter zwischen zwei Stühlen zurück. Nach drei Monaten Training ist der Schritt des Mannes sicherer, kraftvoller und schneller.

Physiotherapeut Manuel Kotzur sagt dazu: «Man kann in jedem Alter Muskeln aufbauen.» Klar dauere es länger, je älter der Mensch sei. Aber, der schöne Nebeneffekt: «Mit der Fitness steigt die Lebensqualität und sinkt die Gefahr von Stürzen.»

Ein Fitness-Studio für jedes Altersheim

Nun gibt es zwar viele Angebote an Fitness-Training und Gymnastik-Gruppen für Ältere. Allerdings kämen Kraft- und Muskelaufbau meistens zu kurz, beobachtet Künzli: «Man muss den Leuten schon etwas abverlangen.» Er findet, ein Fitness-Studio müsse zur Standard-Einrichtung eines Altersheims gehören. Kotzur pflichtet bei: Es lohne sich besonders, die Beine zu trainieren. «Man unterschätzt, wie man damit seinen Alltag verbessern kann.»

Vielen älteren Menschen sei nicht bewusst, was sie mit gutem Training erreichen könnten, stellt Künzli fest. Deshalb geht er in die Offensive und möchte das Thurgauer Gesundheitsamt für eine Kampagne mit der Terzstiftung gewinnen. Ziel ist, über den Kanton verteilt Trainingsgruppen aufzubauen. Während einer Pilotphase soll die Leistungssteigerung gemessen werden. Die stellvertretende Gesundheitsamt-Chefin Susanna Schuppisser sagt dazu:

«Das Projekt klingt
sehr interessant.»

Ein erster Gedankenaustausch mit Künzli habe bereits stattgefunden. Sobald detaillierte Informationen vorlägen, werde das Gesundheitsamt prüfen, inwieweit das Projekt unterstützt werden könne.

Die Terzstiftung Schweiz hat vor drei Jahren etwas Ähnliches durchgeführt. Jeweils eine Stunde pro Woche haben Senioren gezielt trainiert. Auch in Berlingen gab es eine Gruppe: Durchschnittsalter 68 Jahre. Das Projekt war auf drei Monate beschränkt, während dieser Zeit hatten die Teilnehmer etwa 60 Prozent mehr Kraft entwickelt. Bei mehr als der Hälfte war das Sturzrisiko auf Null gesunken.

Künzlis Engagement hat auch eine gesellschaftspolitische Seite. Schon bald werde eine grosse Zahl von Rentnern einer kleinen Gruppe Erwerbstätiger gegenüberstehen. Künzli sagt:

«Wir können uns das jetzige System
gar nicht mehr leisten.»

Bisher würden in der Alterspolitik vor allem «die Schwächen belohnt». Konkretes Beispiel ist für Künzli der Rollator: Wenn jemand sich unsicher auf den Beinen fühle, bekomme er eine Gehhilfe verschrieben. Die Muskeln bauen dann nur noch mehr ab. In Japan dagegen würden selbst Hochbetagte noch ins Kraft- und Gleichgewichtstraining geschickt. Künzli sagt: «Bis dahin ist es noch ein langer Weg.»

93-jähriger Mann vor dem Training:

Nach drei Monaten Krafttraining:

Die Kraft erhalten ist manchmal schon ein Erfolg

Mit seinen 68 Jahren ist Wolfgang Lichey (Foto) noch weit von der Gruppe der Betagten entfernt. Der Auslöser fürs Training war bei ihm die Polyneuropathie, eine Nervenkrankheit, die dazu geführt hat, dass er «aus heiterem Himmel» schwer gestürzt ist. Die Krankheit geht mit einem Verlust der Kraft einher.

Seit zwei Jahren trainiert Lichey zweimal die Woche im Therapiezentrum Kronenhof in Berlingen. Gleichgewicht, Beweglichkeit und Ausdauer, stehen auf dem Programm. Lichey versucht möglichst viel Bewegung in seinen Alltag einzubauen. Zum Beispiel Treppensteigen statt Lift. Es koste ihn manchmal schon Überwindung, gibt er offen zu. Grosse Fortschritte darf Lichey aufgrund seiner Krankheit nicht erwarten. Sein Therapeut Manuel Kotzur sagt: «Erhaltung ist schon ein Erfolg.»

In der Therapie lernt Lichey auch, wie er nach einem Sturz aus eigener Kraft aufstehen kann. Das hat viel mit Technik zu tun: Zuerst auf die Seite rollen, die Arme nach vorne strecken, Beine anwinkeln, auf den Vierfüsslerstand kommen und sich daraus langsam aufrichten. (san)

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