Mulmig, sorglos, gut desinfiziert: Ostschweizer Gemütslagen im Bundeshaus  

Im abgeschotteten Bundeshaus hat die Session begonnen, der Corona-Krise zum Trotz. Nicht allen Parlamentariern ist wohl dabei.  

Adrian Vögele aus Bern
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Das Virus politisiert mit: Corona-Warnhinweis in der  Eingangshalle des Bundeshauses.

Das Virus politisiert mit: Corona-Warnhinweis in der Eingangshalle des Bundeshauses.

Bild: Alessandro Della Valle / Keystone

Das Bundeshaus wirkte schon einladender. «Nehmen Sie den Hintereingang», sagt der Polizist am Hauptportal. Die Zulassung zur Session ist stark eingeschränkt, dem Corona-Virus sei Dank. Drinnen leuchten die roten Warnhinweise des Bundesamts für Gesundheit – Händeschütteln vermeiden –, und an allen Ecken stehen gelbe Säulen mit dem überall ausverkauften Desinfektionsmittel. Ob der Bund dafür ein geheimes Lager angezapft oder rechtzeitig im Handel gehamstert hat? Jedenfalls werden die Dinger rege benutzt. Nationalrätin Franziska Ryser (Grüne/SG) und ihr WG-Mitbewohner Mike Egger (SVP/SG) machen die Desinfektionsprozedur gleich vor, einem Fernsehteam zuliebe.

Kein mulmiges Gefühl, in der aktuellen Lage nach Bern an die Session zu kommen? Franziska Ryser schüttelt den Kopf. «Überhaupt nicht.» Aber es sei sinnvoll, dass man nun gewisse Vorsichtsmassnahmen gegen Ansteckungen etwas sorgfältiger beachte.

«Muss dann die ganze Gruppe in die Quarantäne?»

Ständerat Daniel Fässler (CVP/AI) kommt aus dem leeren Café. Es sei «schon seltsam», wie unbelebt das Gebäude sei. Als Ersatz für das Händeschütteln hätten ihm die Jungen den Faust-an-Faust-Gruss empfohlen, sagt Fässler. Immerhin: Ganz unbekannt in Politikerkreisen wäre die Geste nicht, Barack Obama hat bereits vorgespurt. Allerdings, sagt Fässler in ernster Tonlage, frage er sich durchaus, was passiere, wenn jemand im Parlament am Corona-Virus erkranke. «Muss dann die ganze Fraktion oder Gruppe in Quarantäne?» Ständeratskollege Andrea Caroni (FDP/AR) hat bereits via Twitter kundgetan: «Es gibt landesweit wohl keine grössere Virenschleuder als die Bundesversammlung.»

Büchel traf die chinesische Bobmannschaft

Mike Egger scheinen keine viralen Sorgen zu plagen. Im Nationalratssaal tauscht er Begrüssungsküsschen mit Fraktionskollegin Sandra Sollberger aus Baselland aus. Andere in der SVP sind weniger entspannt – Magdalena Martullo-Blocher taucht mit Schutzmaske im Gesicht auf. Roland Rino Büchel (SVP/SG) muss darob lachen. Er bekomme nicht so schnell Panik. Vor kurzem habe er sich mit der chinesischen Bobmannschaft unterhalten, die seit Wochen im Engadin trainiere. Eine Absage der Session, wie sie etwa SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi zur Diskussion gestellt hatte, findet Büchel ebenso übertrieben wie die Forderung von Tessiner Politikern, die Grenze zu Italien zu schliessen. Händewaschen und Eigenverantwortung seien gefragt.

«Zeigen, dass das Leben weitergeht»

Edith Graf-Litscher (SP/TG) vermisst die Besucher auf der Ratstribüne – und ist froh, dass die Session dennoch stattfindet. «Es ist wichtig, den Leuten zu zeigen, dass das Leben trotz diesem Virus normal weitergeht.»
Derweil hängt die Polizei am Hauptportal des Bundeshauses Schilder auf: «Kein Eingang.» Bleibt zu hoffen, dass das Virus mitliest.

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