Monsignore und «feiner Mensch»

ST.GALLEN. Johannes Duft war ein preisgekrönter Forscher und brillanter Redner – unter seiner Leitung wandelte sich die Stiftsbibliothek St.Gallen vom Geheimtip zur weltbekannten Institution. Heute wäre er hundert Jahre alt geworden.

Adrian Vögele
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Er prägte die Stiftsbibliothek und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte: Johannes Duft an einem Anlass im Klosterbezirk 1995. (Bild: Michel Canonica)

Er prägte die Stiftsbibliothek und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte: Johannes Duft an einem Anlass im Klosterbezirk 1995. (Bild: Michel Canonica)

Die internationale Ausstrahlung der St.Galler Stiftsbibliothek scheint heute eine Selbstverständlichkeit. Sie ist jedoch das Resultat jahrzehntelanger Arbeit. Als der Theologe und Priester Johannes Duft 1948 das Amt des Stiftsbibliothekars übernahm, war das kostbare Klostererbe noch kaum bekannt. «Duft hat die Bibliothek nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Dornröschenschlaf geweckt und zu einer wissenschaftlich und touristisch weltweit anerkannten Institution gemacht», sagt Cornel Dora, sein Nachfolger in dritter Generation. Duft prägte im Klosterbezirk eine ganze Ära – bis 1981 war er im Amt. Wenig später, 1983, wurde der Stiftsbezirk mit dem Unesco-Label ausgezeichnet. Am heutigen Tag wäre Duft hundert Jahre alt geworden. Grund genug für die Stiftsbibliothek, ihm eine Gedenkveranstaltung zu widmen (siehe Zweittext).

«Präzise und fundiert»

Als Glücksfall für die Stiftsbibliothek erwies sich Johannes Dufts doppelte Begabung: Er war einerseits ein profunder Wissenschafter, andererseits ein begnadeter Redner und Vermittler. «Mit allen Fasern seines Lebens» sei er Stiftsbibliothekar gewesen, schrieb Journalist Josef Osterwalder, der Duft gut gekannt hatte, nach dessen Tod 2003. In seinen über dreihundert Publikationen habe sich Duft mit dem gesamten elfhundertjährigen Klostererbe befasst. «Dies ist es, was die Unesco auf St. Gallen aufmerksam machte. Der Titel Welterbe gilt in erster Linie dieser ein Zeitalter umfassenden Buchkultur.»

Duft schrieb nicht nur für die Wissenschaft. In der Reihe «Bibliotheca Sangallensis» stellte er Verbindungen her zwischen den Schriften der Stiftsbibliothek und der Gegenwart. So hiess das erste Buch der Reihe «Die Ungarn in Sankt Gallen». Es erschien 1957, ein Jahr nach dem Aufstand in Ungarn. Überhaupt war es Duft ein Anliegen, die Bibliothek und ihre Inhalte der ganzen Bevölkerung – auch über katholische Kreise hinaus – zugänglich zu machen. Es sei ihm gelungen, so Osterwalder, den Besuch in der Stiftsbibliothek «zum Ereignis zu machen».

Dennoch, sagt Cornel Dora, habe Duft bei der Vermittlung des Klostererbes immer Haltung bewahrt: «Er hat die Werte der Stiftsbibliothek nie verraten und wirkte stets mit Inspiration.» Seine Vorträge seien brillant gewesen, «sprachlich präzise und inhaltlich fundiert». Dasselbe gelte für Dufts Schriften. «Davon profitieren wir in der Stiftsbibliothek bis heute.»

Mit päpstlichem Ehrentitel

Duft war der bislang letzte Geistliche im Amt des St. Galler Stiftsbibliothekars. 1961 erhielt er vom Papst den Ehrentitel des Hausprälaten verliehen, womit er sich mit der Anrede «Monsignore» ansprechen lassen durfte.

Cornel Dora lernte Duft denn auch zuerst in der Kirche kennen – «in den 1970er-Jahren, als ich Ministrant war». Später kam der berufliche Kontakt in der Stiftsbibliothek hinzu. «Ich habe Johannes Duft als feinen Menschen erlebt», sagt Dora. «Er war selbstbewusst – er wusste um seine Fähigkeiten – doch im Gespräch wurde immer deutlich, dass ihm der Mensch gegenüber nicht gleichgültig ist.»

Streit um «Fräulein Stark»

Nebst dem Ehrentitel des Vatikans erhielt Duft zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen. Und ein literarisches Porträt im Buch «Fräulein Stark» (2001), verfasst von seinem Neffen Thomas Hürlimann. Die Novelle handelt von den Erfahrungen eines Zwölfjährigen, der in seinen Ferien dem Publikum der Stiftsbibliothek die Filzpantoffeln reicht und dabei manchen Damen unter die Röcke schaut. Der Onkel und Prälat im Buch, genannt Jacobus Katz, nimmt es gelassen.

Duft reagierte mit einem Privatdruck, in welchem er sich gegen «bösartige Unterstellungen» im Buch wehrte. «So verbindlich er sein konnte, so offen zeigte er auch, wenn er gekränkt war», schrieb Josef Osterwalder. Und doch habe der Zwiespalt zwischen Priester und Professor, zwischen «Monsignore und Mann von Welt», letztlich auch Duft selber beschäftigt. «Zu sehr war er ein Leben lang auf der Suche nach der Wahrheit, auch jener über sich selbst.»

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