«Möglich, dass jemand, der nun alleine zu Hause sitzt, zur Flasche greift»: Wie sich die Coronakrise auf den Alltag von Süchtigen in der Ostschweiz auswirken kann

Isolation, finanzielle Unsicherheit und Angst vor Unbekanntem begünstigen den Griff zu Suchtmitteln. Um Hilfesuchende während der Coronakrise weiterhin unterstützen zu können, passen Ostschweizer Suchtfachstellen ihr Beratungsangebot an.

Natascha Arsic
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Suchtmittelmissbrauch beginnt häufig in Zeiten von erhöhtem Stress.

Suchtmittelmissbrauch beginnt häufig in Zeiten von erhöhtem Stress.

Bild: Keystone

Die derzeitige Coronakrise ist für viele Personen eine Belastung – einige fürchten um ihren Job und Lohn, andere haben durch den Lockdown deutlich mehr zu tun als zuvor. Die Corona-Pandemie schafft ein ideales Umfeld für den Suchtmittelmissbrauch, denn dieser beginnt häufig in Zeiten von erhöhtem Stress.

Vitus Hug, Bereichsleiter Beratung beim Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell.

Vitus Hug, Bereichsleiter Beratung beim Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell.

Bild: PD

«Es ist möglich, dass jemand, der nun alleine zu Hause sitzt, zur Flasche greift», sagt Vitus Hug, Bereichsleiter Beratung beim Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell. Wenn aufgrund der Coronakrise jemand seinen Job verliert oder plötzlich öfters daheim ist, könne das zu mehr Spannung führen. In der ganzen Schweiz erwarten Beratungsstellen aufgrund der Isolation einen Anstieg von häuslicher Gewalt. «Und häufig ist dabei Alkohol im Spiel», so Hug.

Lockdown als Chance

Das Blaue Kreuz St.Gallen-Appenzell, Fachstelle für Alkoholberatung, stellt laut Hug nicht vermehrt Anfragen seit Beginn der Coronakrise fest. «Wir haben seit Anfang Jahr allgemein viele Neuanmeldungen. Es ist jedoch immer schwierig zu sagen, was der Grund dafür ist.» Letztes Jahr hat die Organisation insgesamt 76 Neuberatungen durchgeführt – davon 60 mit Betroffenen und 16 mit Angehörigen. Bei über der Hälfte der Betroffenen handelt es sich um Männer.

Betroffene Männer
Betroffene Frauen
Angehörige Männer
Angehörige Frauen
0204060Neue BeratungenTotal Beratungen Ende 2019

Der Sozialarbeiter geht davon aus, dass Betroffene, die bisher bereits regelmässig getrunken haben, nun im gleichen Ausmass weitertrinken werden. Der Corona-Lockdown könne für einige aber auch eine Chance sein, den Alkoholkonsum zu reduzieren. «Das Feierabendbier in der Stammbeiz oder Rauschtrinken im Ausgang fallen gezwungenermassen aus. Diese Personen merken jetzt vielleicht dadurch, dass es auch ohne Alkohol geht», meint Hug.

Betroffene Männer
Betroffene Frauen
Angehörige Männer
Angehörige Frauen
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Beratung in Zeiten von Social Distancing

Das Coronavirus prägt nicht nur den Alltag der Hilfesuchenden, sondern auch die Arbeit der vier Suchtberater vom Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell. «Unsere Beratungsstelle ist weiterhin geöffnet und wir sind für die Klienten wie gewohnt da. Der Kanton verlangt, dass wir weiterhin Hilfe vor Ort anbieten», erklärt Hug.

Die Büroräume seien genug gross, sodass während Einzelgesprächen der erforderliche Abstand eingehalten werden kann. Klienten, die zur Risikogruppe gehören – sei es wegen Vorerkrankungen oder wegen des Alters – hätten ihre Termine aber teils abgesagt oder verschoben.

Viele Gespräche würden neuerdings auch telefonisch durchgeführt. «Das funktioniert sehr gut. Wir haben so bereits auch Erstgespräche durchgeführt», so Hug. Aufgaben, welche die Klienten erledigen sollen, werden zudem nicht mehr ausgedruckt mitgegeben, sondern per E-Mail verschickt. Dazu gehört beispielsweise ein Trinktagebuch zu führen oder die Vor- und Nachteile des Alkoholkonsums aufzuschreiben.

Wegen der Massnahmen des Bundes dürfen Treffen von Selbsthilfegruppen bis auf weiteres nicht mehr durchgeführt werden. Auf Online-Gruppenangebote wie bei den Anonymen Alkoholikern verzichtet die St.Galler Fachstelle aber. Die Mitarbeiter hätten zwar über diese Idee diskutiert, sie jedoch wieder verworfen.

«Wenn Nummern untereinander ausgetauscht werden, kann das in schwierigen Zeiten missbraucht werden, wie die Erfahrung gezeigt hat.»

Deshalb finden Treffen zurzeit nur noch mit den Beratern statt. «Viele Klienten, die dieses Gruppenangebot nutzen, kommen sowieso jeweils auch einzeln vorbei», so Hug. Die St.Galler Fachstelle für Alkoholberatung möchte in Kürze zusätzlich Gespräche per Skype anbieten.

Konsum kann sich in Krisenzeiten erhöhen

Knut Fiedler, Suchtberater bei der Perspektive Thurgau.

Knut Fiedler, Suchtberater bei der Perspektive Thurgau.

Bild: PD

Ähnlich sieht die Situation bei der «Perspektive Thurgau» aus. Auch dort werde vermehrt mit den Hilfesuchenden telefoniert oder per E-Mail Kontakt aufgenommen, sagt Suchtberater Knut Fiedler. «Rund ein Drittel unserer 14 Berater arbeitet derzeit im Homeoffice.» In den Beratungsstellen seien jedoch nach wie vor Mitarbeiter vor Ort. «Der Bedarf dafür ist da. Und es ist wichtig, den Hilfesuchenden in solchen Zeiten Halt und menschliche Nähe – natürlich unter Wahrung des Abstandes – bieten zu können», so Fiedler.

Wenn eine klare Struktur fehlt, sei das für Menschen mit Suchtproblemen und deren Abstinenz schlecht, erklärt der Suchtberater.

«Das Corona-Lockdown gefährdet solche Personen besonders.»

Das gelte nicht nur für Alkohol, sondern für jegliche Drogenarten sowie Online-Spiele. In der Regel sei es so, dass bereits ein risikoreicher Konsum über Jahre hinweg besteht und sich in Krisenzeiten womöglich erhöht. Der Suchtberater nennt ein Beispiel dafür: «Kürzlich hat eine Frau angerufen und erzählt, dass ihr Freund viel öfters kiffe, seit er im Homeoffice arbeitet.»

Hinzu komme die Auswirkung von Ängsten und psychischer Belastung, wie Fiedler sagt.

«Die Gefahr ist gross, dass die Leute versuchen, sich zu beruhigen, indem sie irgendetwas konsumieren – und dies gilt nicht nur für Personen mit einer Suchterkrankung.»

Es sei aber noch zu früh, um zu sagen, ob sich die Coronakrise tatsächlich auf die Anzahl Hilfesuchender auswirken werde. Letztes Jahr gab es im Suchtbereich der «Perspektive Thurgau» insgesamt 514 Neuanmeldungen. Am meisten Personen kamen wegen Alkoholproblemen (283), Problemen in Bezug auf Cannabis (89) oder Kokain (47).

Was also raten Suchtberater den Hilfesuchenden während der Coronakrise? «Das gleiche wie sonst auch: Man soll seine Hobbys und sozialen Kontakte mehr pflegen. Glücklicherweise dürfen die Menschen ja noch raus, solange sie nicht in einer grossen Gruppe unterwegs sind», sagt Fiedler.

Diagnosekriterien der Alkoholabhängigkeit

Drei oder mehr Kriterien müssen erfüllt sein

1. Craving: Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren
2. Kontrollverlust: Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums
3. Entzugserscheinungen: Körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums
4. Toleranzbildung: Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich
5. Rückzug aus dem Sozialleben: Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen
6. Abstinenzverlust: Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen, wie z. B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Alkoholkonsums oder eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen