Trotz Ladensterben: Mode Weber will weiter expandieren

Manche Stadt sucht derzeit verzweifelt nach Rezepten gegen das Ladensterben. Die Ostschweizer Modekette Mode Weber schreckt das wenig: Sie eröffnet weiter neue Läden. Und verzichtet auf einen Onlineshop.

Kaspar Enz
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Mit Lukas und Vera Weber arbeitet die nächste Generation des Familienunternehmens bereits entscheidend mit. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 31. Oktober 2018))

Mit Lukas und Vera Weber arbeitet die nächste Generation des Familienunternehmens bereits entscheidend mit. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 31. Oktober 2018))

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Manche sehen im Ladensterben eine Chance. Im Frühling eröffnete Mode Weber in Rorschach einen Schuhladen und eine «Butikk» in Wil. Einen Schuhladen übernimmt sie auch in der Stadt St. Gallen. Dort ist noch mehr geplant: «Etwas, das es in St. Gallen noch nicht gibt», sagt Vera Weber. Skandinavische Labels und nachhaltige Mode sollen ab März am Multertor, einen Steinwurf vom Hauptgeschäft entfernt, ein Zuhause bekommen. «Ein urbanes, modernes Damengeschäft.» Die Ostschweiz sei bereit dafür. «Auch der St. Galler ist längst in der ganzen Welt unterwegs.»

Während die Ostschweizer Modekette expandiert, schrumpft die Branche. Pro Quadratmeter Ladenfläche setzen die Kleiderläden in der Schweiz rund einen Viertel weniger um als 2010, zeigen Zahlen des Beratungsunternehmens Wüest Partner. Ein Teil des Umsatzes floss über die Grenze und ins Internet. Der Onlineshop Zalando setzte 2017 bereits deutlich mehr um als das grösste Schweizer Shoppingcenter. Umwälzungen, die in den letzten Jahren auch grosse Ladenketten zum Aufgeben zwang.

Konkurrenz heisst heute Zalando

«Früher hiessen unsere Mitbewerber Spengler und Hugentobler», sagt Erich Weber. «Heute Zalando oder Vorarlberg.» Dem kann er auch Positives abgewinnen. «Es sind einige Konkurrenten weggefallen.» Für Mode Weber aber bleibe eine Nische bestehen. Die grossen Ketten steuern ihre Sortimente zentral, die Vielfalt bleibe oft auf der Strecke. «Wir sind lokal verankert, wir wissen, was in der Region ankommt.» Der Kette mit Toggenburger Wurzeln hänge zwar noch ein klassisches Image an. Aber Mode Weber sei kein Laden für Bünzlis. Die Familie fühlt immer wieder den Puls der Modewelt, in Mailänder Showrooms oder auf dem Velo in Kopenhagen. Auch deshalb finde man bei Mode Weber auch Exklusives und Ausgefallenes.

Nach Trends hielt man beim Familienunternehmen schon immer Ausschau, meint Weber. Im Gemischtwarenladen, den Webers Urgrossmutter vor 99 Jahren in Wattwil eröffnete, gab es die ersten fertig geschneiderten Kleider. «Damals eine Sensation im Toggenburg.»

Die Zukunft ist gesichert

In den 1960er-Jahren war daraus ein reines Modegeschäft geworden. Es wagte den Schritt aus dem Bergtal. Im Rhydorf in Widnau eröffnete Erich Webers Vater den ersten Ableger. So entstanden mit der Zeit mehrere Linien der Familie. ­Anfang dieses Jahres nun übernahmen Erich Weber und seine Frau Inge die Anteile seiner beiden Cousins – das Unternehmen soll weiterhin von Webers geführt werden. Erich Webers Kinder Vera und Lukas sind im richtigen Alter, arbeiten seit zwei Jahren im Unternehmen mit. «Sie sind die Zukunft.» Seither besteht die Geschäftsleitung aus der vierköpfigen Familie. Die Grenze zwischen Sonntagsbraten und Geschäftsleitungs-sitzungen sind fliessend. Eine saubere Trennung von Beruf und Privat sei schwer, sagt Vera Weber. «Aber wir sind so aufgewachsen. Wir kennen es nur so.»

Der nächste Generationenwechsel ist also von langer Hand geplant. Dabei stieg Erich Weber selber ziemlich überstürzt in den Familienbetrieb ein. Es war Ende der 1980er-Jahre, die Rheintaler Linie der Webers wollte das St. Galler Modehaus Kaufmann übernehmen. «Ich arbeitete noch bei Unilever. Da kam ein Telefon. Einen Tag hatte ich Zeit, mich zu entscheiden.»

Neuausrichtung nach Oben

So übernahm Erich Weber den heutigen Hauptsitz. Und orientierte sich mit dem Sortiment bald etwas neu. Statt der eher traditionellen Ware blickte er nach oben, knüpfte Kontakte zu grossen und exklusiveren Marken. «Die kommen nur, wenn man etwas vorweisen kann und das richtige Umfeld bietet.»

Gleichzeitig hielt man Ausschau nach passenden Lokalen. Zehn Mode-Weber-Läden gibt es heute in der ­Ostschweiz. Ebenso viele Mono-Label-Stores führt die Firma, wie Street One. Hier ist Weber Franchisenehmer, verkauft ein festes Sortiment. «Aber es gibt uns mehr Volumen. Und wir können in diesen Läden jungen Mitarbeitenden die Chance geben, einen eigenen Laden zu führen», sagt Vera Weber.

Laden des Vaters geschlossen

Doch auch bei Mode Weber läuft nicht immer alles wie geplant, sagt Weber. Die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte gingen nicht spurlos am Unternehmen vorbei. Der Laden im Rhydorf, den einst Erich Webers Vater eröffnete, wurde mit dem Umbau des Einkaufszentrums geschlossen. «Auch in der Shopping-Arena schlossen wir ein Geschäft. Wir mussten einsehen, dass wir dort am falschen Ort waren.» Oft griff Weber zu, wenn neue Einkaufszentren Flächen boten. «Wir sind mit ihnen gross geworden. Doch heute sind für uns Standorte in den Städten attraktiver.»

Und auch Erich Weber beobachtet, dass manche Kunden ins Internet abwandern. Doch er will nicht jeden Trend nachmachen. Etwas digitaler will zwar auch Mode Weber werden, soziale Medien nutzen oder die neue App des Ladens ausbauen. Da könne man noch viel verbessern. «So erfahren wir auch noch mehr darüber, was unsere Kunden wünschen», hofft Weber. Doch einkaufen sollen diese weiterhin im Laden. «Onlinehandel ist ein anderes Geschäft. Der Aufwand wird oft unterschätzt.»

Es muss auch Spass machen

Wenn man im Laden gut beraten wird und wenn es Spass macht, dort einzukaufen, dann lohnen sich die Geschäfte immer noch. Nur müssen sich die Läden ändern. «Man kann nicht 30 Jahre das Gleiche machen und dann meinen, es bleibe immer gut», sagt Erich Weber. So übernahm Weber vor zwei Jahren das Café neben seinem Geschäft in der St. Galler Webersbleiche. «Es soll zum Verweilen anregen», meint Vera Weber. «Und es erlaubt uns, attraktivere Events zu machen.» Zwar habe man auch hier einige Anfängerfehler gemacht. «Aber es muss ja auch Spass machen.»

Denn rechnen allein garantiert nicht den Erfolg, ein Unternehmer braucht auch Bauchgefühl. Als Erich Weber vor rund 20 Jahren das Angebot bekam, im Melser Pizol-Center einen Laden zu eröffnen, rechnete er nach. «Ich machte eine Marktanalyse, wie ich es an der HSG gelernt hatte. Mit dem Ergebnis, es am besten sein zu lassen.» Er handelte folgerichtig. Und griff zu.

St. Gallen hat zu viele Ladenflächen

Was einst undenkbar war, kommt heute an den besten Lagen vor: Das Schild im Schaufenster preist nicht etwa die Waren im Ladeninnern an, sondern den Laden selber.

Es sind bei weitem nicht nur Kleiderläden, die in den letzten Jahren die Innenstädte räumten: Pro Quadratmeter Verkaufsfläche sank der Umsatz in allen Branchen des Detailhandels, allen voran bei Spielwaren, Büchern und Musik. Rasant zugelegt haben hingegen Onlineanbieter wie Digitec, Zalando oder Amazon – sie setzen bereits rund neun Milliarden Franken um. Knapp acht Prozent des Umsatzpotenzials, wie das Beratungsunternehmen Wüest Partner berechnet hat.

Trotzdem ist die Gesamtfläche der Läden in der Schweiz in den letzten Jahren gestiegen. Knapp drei Millionen Quadratmeter neue Verkaufsflächen kamen seit 2010 dazu, Ende 2017 waren es 35 Millionen. In dieser Zeit wuchs zwar auch die Bevölkerung. Doch nicht überall gleich schnell wie die Ladenflächen – vor allem in kleinen und mittelgrossen Städten sei die Dichte von Verkaufsflächen beunruhigend hoch, schreibt Wüest Partner in einem Bericht. Vielerorts herrsche ein Überangebot.

Gesamtschweizerisch blieb dieser Wert seit 2010 einigermassen stabil: ­Etwas über 240 Einwohner teilen sich 1000 Quadratmeter Ladenfächen. Deutlich tiefer ist der Wert in der Stadt St. Gallen. 2017 teilten sich hier 70 Einwohner die 1000 Quadratmeter Läden, wie Zahlen von Wüest Partner zeigen. Der Wert ist seit 2010 gesunken. Damals waren es noch über 72. In Sachen Ladendichte liegt St. Gallen damit gesamtschweizerisch an zweiter Stelle hinter Aarau. (ken)