MODE: St. Galler Stoffe sind selten anzutreffen

Im Gegensatz zu Chanel und Valentino ­arbeiten nur ­wenige einheimische Designerinnen mit St. Galler Stickerei. Das liegt nicht nur am Preis.

Melissa Müller
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Bei diesen St. Galler Kreationen geraten Karin Bischoff und Kathrin Baumberger von der Manufaktur ins Schwärmen. (Bild: PD)

Bei diesen St. Galler Kreationen geraten Karin Bischoff und Kathrin Baumberger von der Manufaktur ins Schwärmen. (Bild: PD)

Als Pippa Middleton, die Schwester der Herzogin Kate, kürzlich vor den Trau­altar schritt, trug sie ein ungewöhnliches Kleid mit herzförmigem Rückenausschnitt. Den Stoff für das Meisterwerk hatte die St. Galler Traditionsstickerei Forster Rohner geliefert. Wenn irgendwo auf der Welt eine Promihochzeit gefeiert wird – wie jene von Schauspieler George Clooney und seiner Amal – trägt die Braut mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Kleid aus feinster St. Galler Stickerei. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Die St. Galler Traditionsfirmen Bischoff Textil, Jakob Schlaepfer und Forster Rohner stellen nach wie vor Stoffe her, die an Qualität weltweit kaum zu überbieten sind. ­Luxuslabels wie Chanel, Valentino oder Vivienne Westwood schicken ihre Scouts nach St. Gallen, wenn sie neue Stickereien brauchen. In der Ostschweiz arbeiten jedoch nur wenige Designerinnen und Schneiderinnen mit den zarten Stoffen – weil diese hochpreisig und handwerklich äusserst anspruchsvoll zu verarbeiten sind.

Weiter unten stellen wir drei Ostschweizer Modemacherinnen vor, die mit dem einheimischen Luxusprodukt arbeiten. Designerin Nadia Francioso will die exklusive St. Galler Stickerei für alle zugänglich machen. Sie entwirft nebst Taschen auch Bikinis aus Stickerei. Die Damenschneiderinnen Karin Bischoff und Kathrin Baumberger führen in St. Gallen seit zehn Jahren das Couture-Atelier «Die Manufaktur». Zwei ihrer Mitarbeiterinnen haben an den World Skills, wo sich die weltbesten Schneiderinnen messen, Gold gewonnen. Sie sind stolz auf ihr Handwerk – und schneidern ihren Kundinnen die Kleider auf den Leib. Textildesignerin Ursula Waldburger indes bestickt in ihrem Ein-Frau-Betrieb in Arbon edle Bettwäsche mit Federmotiven – jedes Stück ein Unikat.

Stickerei mit Baseballcap und Sneaker kombiniert

Je nach Zeitgeist und Kollektion kann Stickerei floral, oft barock, lieblich, aber auch geometrisch, reduziert oder futuristisch wirken. Akris-Modeschöpfer Albert Kriemler hüllt die Frauen in Hosenanzüge aus heller Stickerei, kombiniert mit Sneakers und Baseball-Cap.

Den neuerlichen Stickerei-Boom ausgelöst hatte Modeschöpferin Miuccia Prada 2008. Sie schickte die Models in züchtigen Kleidern und Blusen aus St. Galler Stickerei über den Laufsteg – und löste in der Modewelt Begeisterungsstürme aus. Das teuerste Produkt ist Guipure – die sogenannte Ätzstickerei. Sie wird auf ein Grundgewebe gestickt, das anschliessend durch ein Acetonbad weggeätzt wird. Zurück bleibt ein durchbrochener Stoff, der aussieht wie extrem aufwendige Klöppelspitze. Guipure kostet pro Meter mehrere hundert Franken. Ein Kleid aus diesem Stoff kommt schnell auf mehrere tausend Franken. Das leisten sich nur wenige. Selbst an Opernpremieren im Theater St. Gallen tragen die Frauen selten Kleider aus heimischen Stoffen.

Früher konnten sich nur Adlige und Damen aus dem Grossbürgertum Kleider aus St. Galler Stickerei und spitzenverzierte Dessous leisten. Die filigranen Stoffe zierten Sonntagstrachten, Brautkleider und Abendgarderoben. Doch die Mode hat sich geändert. Inzwischen ist es chic, auch im Büro oder beim Feierabendbier eine Stickereibluse zu tragen.

Schwimmen in Stickereien

ACCESSOIRES Sie hat Psychologie studiert, sich in Kommunikation ausbilden lassen. Und doch verdient sie ihr Geld heute teils als Designerin für Taschen, Nécessaires und Handyhüllen. Zu verdanken hat das Nadia Francioso ihrer Mutter. Einer Frau, die aus Spanien eingewandert ist, hier sparsam gelebt und alles Schöne für den Sonntag aufbewahrt hat. «Ich habe sie stets liebevoll getadelt, sie soll das Besondere jeden Tag verwenden», sagt die 43-Jährige. Unterdessen ist ihre Mutter gestorben und Francioso hat ihr Lebensmotto zum Geschäft gemacht. «St. Galler Stickereien gehen um die Welt, zu Prada, zu Stella McCartney, zu anderen teuren Labels. Nur bei uns bleiben sie nicht. Das bedaure ich.» Seit 2011 macht sie unter dem Label Prêt Pour Moi St. Galler Sticke­reien «erreichbar für alle».

Stoffe gegen ein Lebenstief

Prêt Pour Moi, ein Name, der sich aus «Prêt-à-porter» ableitet, weil Sticke­reien aus der Designermode nicht wegzudenken sind. Und aus «pour moi» (für mich), weil der Start des Projekts in eine Zeit fiel, in der Francioso etwas brauchte, das ihr guttat. «Ich hatte mich von meinem langjährigen Partner getrennt, hatte erfahren, dass Mama erkrankt ist und musste auch noch eine Diplomarbeit für meine Kommunikationsausbildung schreiben.» Sie entwickelte ein Konzept für den Taschenverkauf, war so angetan davon, dass sie es in Realität umsetzte.

Ein direkter Draht zur Quelle

Unterdessen verkaufen sich die Taschen der gebürtigen St. Gallerin gut. Francioso spannt dafür mit der Bischoff Textil AG zusammen. Sie wählt die Dessins aus, lässt Lederimitat, Baumwoll- und Jeansstoff damit besticken, verarbeitet das Material in ihrem Atelier in der zürcherischen Forch oder zieht eine Schneiderin bei. Dass sie sich für die Bischoff Textil AG entschieden hat, hat seinen Grund: Franciosos Bruder arbeitet als Kollektionsverkäufer bei der Firma. «Die Stoffe stapelten sich bei uns zu Hause. Prinzessinnenfantasien hatte ich deswegen nie», sagt sie. Und erzählt von Kundinnen, die ihre Tasche wie einen Schatz hüten. Nicht erstaunlich, bei einem Preis von mehreren hundert Franken, denkt man sich. Francioso sieht das anders: «Dieser Umgang widerspricht meiner Idee. Ich nehme mein Exemplar sogar mit an Festivals, wo es auch mal matschig werden kann. Die meisten Stoffe sind waschbar.»

Bald schickt sie Frauen nicht mehr nur mit Stickereien an Festivals oder in die Stadt (Tasche), auf die Toilette (Nécessaire) oder zum Meeting (Handyhülle), sondern auch zum Baden. «Ich träume schon lange von einem ästhetischen Bikini, der den physikalischen Kräften im Wasser standhält, auch wenn man zügig schwimmt. Nun habe ich selber einen entworfen.» An Private Sales stellt sie ihr neustes Produkt vor. An Abenden also, an denen sie zu einer Mädelsclique nach Hause geht, mit ihr Prosecco trinkt und Badeanzüge verkauft. Anprobieren kann man nun, schwimmen gehen erst nächstes Jahr: Die Auslieferung ist für März 2018 geplant. 400 Franken kostet ein Exemplar. «Ich lasse in der Schweiz produzieren, das hat seinen Preis», sagt sie. Mutter wäre stolz auf sie. (dbu)

Gewandet wie ein Hollywoodstar

MASSGESCHNEIDERT Karin Bischoff holt einen crèmefarbenen Stoffballen mit zarten Blumen aus dem Regal. «Aus dieser St. Galler Stickerei war das Hochzeitskleid von Amal Clooney», sagt die Damenschneiderin und zeigt ein Foto aus einem Magazin. Auch eine Kundin will ein Hochzeitskleid à la Clooney. Weswegen sie für diese Dame nun einen solchen Traum in Crèmeweiss näht. Man müsse den Stoff gekonnt zuschneiden, damit sich die Blumen später harmonisch zusammenfügen. «Es sind komplexe Stoffe, anspruchsvoll zu verarbeiten», sagt Karin Bischoff, deren Grossvater die Bischoff Textil gründete. Auch darum wagen sich nur wenige Modemacherinnen an die hochpreisige Stickerei.

In den hinteren Räumen der «Manufaktur» an der Bahnhofsstrasse 8 in St. Gallen rattern Nähmaschinen. Die Inhaberinnen Karin Bischoff und Kathrin Baumberger und ihre drei Mitarbeiterinnen schneidern den Frauen die Kleider auf den Leib. Ein aussterbendes Handwerk: Früher habe man für eine Hose einen Monatslohn ausgegeben. Die Kundin verlangte nach einer Bluse, zwei Jupes, einer Hose, einem Mantel und einem Abendkleid. Dann war sie ausgerüstet für eine Saison. «Diese Damen sind weggestorben.» Heute kommen die meisten mit einem Einzelauftrag wie: «Meine Tochter heiratet, ich brauche ein schönes Kleid, es soll aus St. Galler Stickerei sein.»

Kathrin Baumberger zeigt einen fuchsiafarbenen Jupe aus Stickerei – auch Hollywoodstar Cameron Diaz trug ein Kleid von Valentino daraus. Damit der Look nicht zu damenhaft wirkt, sind Stilbrüche gefragt. «Kombiniert mit T-Shirt, Jeansjacke und coolen Boots, wird dieser Rock alltagstauglich.» Nicht jede Stickerei wirkt feminin. Die Schneiderin nimmt eine Bomberjacke vom Bügel. Dass der transparente Stoff eine Stickerei ist, sieht man erst auf den zweiten Blick. Im Coutureatelier darf die Kundin bei jedem Schritt mitreden: Wo sollen die Ärmel aufhören? Wo soll das Kleid transparent sein? Welche Körperstelle soll es kaschieren, welche in Szene setzen? «Bei uns muss man wissen, was man will», sagt Karin Bischoff. Die meisten ihrer Kundinnen legten keinen Wert darauf, ein Label ­zu präsen­tieren, das in jeder grösseren Stadt erhältlich ist. Es gehe darum, ein Unikat zu erhalten, zu wissen, woher das Material und das Kleidungsstück kommen, welche Hände es erschaffen haben. «Das ist Understatement.» (mem)

Romantische Dienste

HANDWERK Eine bessere Adresse hätte sich Ursula Waldburger nicht denken können. Seit kurzem wohnt und arbeitet die Textildesignerin an der Stickereistrasse 4 in Arbon – in einer ehemaligen Stickereimaschinenfabrik der Saurer. Jedes Zimmer ihres stilvollen Daheims ist mit Stickereien geschmückt, die Ursula Waldburger eigenhändig entworfen und hergestellt hat: feine Pusteblumen auf moosgrünen Leinenkissen, bunte Polka-Dots am Vorhangsaum und Schriftzüge quer über den Teppich. Sogar ein Stück Leinwand hat sie in ein textiles Kunstwerk verwandelt, das an die verspielten Bildwelten Mirós erinnert. «Ich besticke alles, was irgendwie unter meine Industriemaschine passt», sagt Ursula Waldburger. «Diese Experimentierwut lässt sie schon etwas leiden, manchmal verspicken mir die Nadeln.» Begeistert zeigt die 54-Jährige Entwürfe, die für eine ­Maschinenstickerei eigentlich zu kreativ und wild wirken. Fast so, als wären sie von Hand gestickt. «Das ist mein Markenzeichen.» Sie führt ihre «Waldburger Stickerei Manufaktur» als Einfraubetrieb. Auf Auftrag bestickt sie Tischtücher, Servietten, Vorhänge. Am liebsten verschönert sie aber unifarbene Bett­wäsche. Von Schlossberg müsse sie sein, um ihren Ansprüchen zu genügen. «Bett­wäsche ist etwas Intimes. Sie so zu besticken, wie meine Kundinnen und Kunden es wünschen, finde ich eine romantische Dienstleistung», sagt sie und fährt mit der Fingerkuppe über ein filigranes Federdesign. Fast 1000 Franken kostet die bestickte Bettwäsche. Die dezent erotisch anmutende Feder ist ein Lieblingsmotiv. Und jedes Textil ist ein Unikat. «Meine Sachen sollen ein Leben lang Freude bereiten.»

Die Liebe zur Stickerei hat die Luzernerin immer wieder in die Ostschweiz geführt: Nach einer Ausbildung an der Stickereifachschule St. Gallen arbeitete sie für Bischoff Textil. Und immer wieder reiste sie auch nach Arbon an die Stickereistrasse 4, um ihre heissgeliebte alte Saurer-Stickmaschine warten zu lassen. «Dass ich nun ausgerechnet hier meine Traumwohnung gefunden habe, war ein Wink des Schicksals.» (fri)