MOBILITÄT: Mehr Elektronik für weniger Verkehr

Kann Digitalisierung einen Verkehrskollaps verhindern? Experten beleuchten am Ostschweizer Public Forum zukunftsträchtige Projekte – und zeigen Hindernisse auf.

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Die Bahn fährt für Ostschweizer noch so langsam wie vor einem halben Jahrhundert. Ein Bahnbillett St. Gallen–Bregenz kann mit dem Smartphone nicht gekauft werden. Zu Stau auf Autobahnen trägt bei, dass jeder Ort einen Anschluss will. Steuerwettbewerb und Zentralisierung von Verwaltungen verstärken den Pendlerstrom: Diese Zustände beschreibt Hanspeter Trütsch, SRF-Bundeshausredaktor, am 5. Public Forum des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens PWC im Einstein-Kongress in St. Gallen. Das diesjährige Thema: «Wirtschaftsfaktor Mobilität mit neuen Konzepten und Digitalisierung vor System-Kollaps retten?» 140 Leute aus der Ostschweiz sowie aus Vorarlberg und Liechtenstein sind gekommen, darunter Vertreter von Regierungen, Parlamenten, öffentlichen Betrieben und Verwaltungen. Trütschs Forderungen an sie: «Raus aus den verkehrspolitischen Schützengräben»; «Preis für Mobilität nach Kostenwahrheit»; «Für die Ostschweiz das Verkehrssystem grenzüberschreitend knüpfen».

Thomas Küchler, Chef der Südostbahn, bestätigt die Beobachtungen des Fernsehmannes. Was der öffentliche Verkehr den Kunden biete, sei «eine Zumutung und Frechheit». Er plädiert für «ein Angebot mit Mobilitätskette von Tür zu Tür». Dabei komme selbstfahrenden, auf Bestellung verfügbaren Autos eine wichtige Rolle zu.

Mit autonomen Fahrzeugen wird dereinst auch der Verkehr auf Strassen, besonders auf Autobahnen, effizienter rollen, sagt Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Verkehr. Das erwarte er auch von Massnahmen, die der Bund bereits umsetzt oder plant: Umnutzung von Pannenstreifen zu Fahrbahnen, rechts überholen und weiteres. Angesichts der Prognosen für Zuwachs beim Individualverkehr genüge das aber nicht. Der Verkehr brauche zusätzliche Flächen. Dazu ruft Röthlisberger auf, Mobilität gesamthaft zu bearbeiten, die unzähligen Programme für Individual- und öffentlichen Verkehr abzulösen durch einen einzigen Fonds für Mobilitätsinfrastruktur. Zur Bedeutung für die regionale Wirtschaft erinnert HSG-Institutsleiter Roland Scherer: Die Ostschweiz boomten in der Textilzeit dank Verkehrswegen über den Bodensee. Verkehrsverbindung bleibe ein zentraler Standortfaktor. Was Digitalisierung dabei bewirken werde, lasse sich nicht prognostizieren – weil sie kurzfristige und unvorhersehbare Sprünge mache. (fbi)