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Mittelalter-Spektakel im St.Galler Stiftsbezirk: Das Wunder dauert 20 Sekunden

In St. Gallen wurde am Samstag der neue Ausstellungssaal des Stiftsarchivs eröffnet. Die Besucher nahmen lange Wartezeiten in Kauf, um einen Blick auf den weltberühmten Klosterplan zu erhaschen. Danach tauchten sie in die Welt des Mittelalters ein.
Michael Genova
Besucher bestaunen eine mittelalterliche Urkunde im neu eröffneten Ausstellungssaal des St. Galler Stiftsarchivs. (Bild: Urs Bucher)

Besucher bestaunen eine mittelalterliche Urkunde im neu eröffneten Ausstellungssaal des St. Galler Stiftsarchivs. (Bild: Urs Bucher)

Alle wollen das Wunder sehen. Schon kurz nach der Eröffnung um zehn Uhr bildet sich eine lange Schlange vor dem neuen Ausstellungssaal des St. Galler Stiftsarchivs. «Das Wunder der Überlieferung», so heisst zwar der Titel einer ganzen Ausstellung. Doch die Besucherinnen und Besucher haben ein bestimmtes Exponat im Blick: den weltberühmten St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert.

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Volksfest im Stiftsbezirk: Die Ostschweiz entdeckt den weltberühmten Klosterplan

Es ist kühl an diesem Samstagvormittag. Auf dem Klosterplatz spielt die Otmarmusik St. Gallen die Boxerhymne «Eye Of The Tiger» und versucht so, das Publikum in Stimmung zu bringen. Elisabetta Rickli-Pedrazzini, Administrationsrätin des Katholischen Konfessionsteils St. Gallen, begrüsst die Anwesenden und erklärt ihnen die Teile des Stiftsbezirks: Kathedrale, Stiftsbibliothek, Stiftsarchiv und Regierungsgebäude. «Diese Pracht haben wir unserem Stadtpatron Gallus und den Benediktinern zu verdanken», sagt sie. Dann ruft Regierungsrat und Kulturminister Martin Klöti auf Lateinisch in die Menge: «Carpe diem – geniessen Sie diesen Tag!» Er hoffe, dass die Besucher künftig länger im Stiftsbezirk verweilten und mehrere Ausstellungen besichtigten.

Im Halbdunkel dem Allerheiligsten entgegen

Im Halbdunkel des Ausstellungssaals tasten sich die Besucher langsam dem Wunder entgegen. Vorbei an kostbaren Urkunden, Verbrüderungsbüchern und einem Professbuch aus der Karolingerzeit. Bis sie schliesslich vor dem Allerheiligsten stehen: der Klosterplan-Kammer. Nach zwölf Minuten und 20 intensiven Sekunden ist die audiovisuelle Vorstellung zu Ende. Die Besucher verlassen andächtig den Raum. «Kurz, aber eindrücklich», sagt einer. Und Maria Schärer aus Gossau muss sich erst fassen:

«Ich war so aufgeregt, dass ich kaum etwas gesehen habe in den 20 Sekunden.»

Vor dem Gewölbekeller der Stiftsbibliothek gibt es zwar keine Warteschlangen, doch auf den Gängen und in den Räumen ist kaum ein Durchkommen. Die Besucher bestaunen das Evangelium longum mit seinem Prunkeinband, begutachten korinthische Kapitelle und studieren das barocke Modell der Klosterkirche. Und hinter einer Säule blickt einem das lebensnahe Modell des heiligen Gallus entgegen.

Balken und Schindeln für das moderne Kloster

Am Karlstor haben derweil vier Handwerker ihr Lager aufgeschlagen. Sie tragen mittelalterliche Tuniken aus Leinen und Wadenwickel. Einer schlägt mit seiner Axt einen runden Baumstamm zu einem rechteckigen Balken. Ein anderer verarbeitet einen Holzblock mit Schindeleisen und Hammer zu Schindeln. Die Gruppe von Fachleuten kommt aus dem süddeutschen Messkirch, wo auf der Mittelalterbaustelle «Campus Galli» ein frühmittelalterliches Klosters nach dem Vorbild des St. Galler Klosterplans entstehen soll. Mit dem Nachbau wolle er Wissen dazugewinnen, sagt Hannes Napierala, Archäologe und Geschäftsführer des Projekts.

«Gleichzeitig können wir dadurch das traditionelle Handwerk erhalten.»

Um handwerkliche Fähigkeiten geht es auch im Pfalzkeller, wo Smartphone-Menschen mit Federkiel oder Rohrfeder ihren Namen auf einer Papyrusrolle verewigen können. Und die ganz Geduldigen können sogar beginnen, ein Buch von Hand abzuschreiben – wie früher die Mönche. Zurück zu den Ursprüngen geht es auch in der Kathedrale, wo die Choralschola der Dommusik gregorianische Choräle singt. Und wer beim Zuhören die Augen schliesst, sieht allmählich die Umrisse eines frühmittelalterliches Klosters. Auch ganz ohne moderne Video-Animationen.

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