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Alte auf Sozialhilfe: «Es geht um die Würde»

Die Zahl der älteren Sozialhilfebezüger steigt langsam aber stetig, auch in der Ostschweiz. Vor allem linke Politiker befürchten Altersarmut und fordern Massnahmen. Bundesweit ist eine Initiative geplant.
Kaspar Enz
Immer mehr ältere Menschen sind auf Sozialhilfe angewiesen. (Bild: Christof Schürpf/Keystone)

Immer mehr ältere Menschen sind auf Sozialhilfe angewiesen. (Bild: Christof Schürpf/Keystone)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Nach 30 Jahren Arbeit hat man Besseres verdient, als von Büchsenravioli zu leben, sagt Max Lemmenmeier. Aber genau das betreffe immer mehr Menschen, auch in St. Gallen, befürchtet der Präsident der kantonalen SP. Die Zahl der älteren Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt schweizweit an: War die Sozialhilfequote von über-50-Jährigen vor einigen Jahren noch tief, hat sie unterdessen den Durchschnitt erreicht.

RAV und EL statt Sozialhilfe

Nur jeder siebte Ausgesteuerte über 55 findet wieder ins geregelte Arbeitsleben zurück. Deshalb seien Massnahmen nötig, glaubt Max Lemmenmeier. In einem Vorstoss im Kantonsrat nimmt er einen Vorschlag der Schweizerischen Sozialhilfekonferenz SKOS auf: Danach sollen ältere Ausgesteuerte nicht mehr auf die Sozialhilfe angewiesen sein, sondern weiter vom RAV bei der Jobsuche unterstützt werden.

Bezahlt würden sie aus Ergänzungsleistungen. «Es geht um Würde», sagt Lemmenmeier. «Nach 30 Jahren Arbeit ist der Gang auf die Sozialhilfe demütigend.» Auf kantonaler Ebene könnten auch die RAV Massnahmen ergreifen, um ältere Arbeitslose besser zu unterstützen.

Ältere anders ansprechen

Bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren sieht auch Jigme Shitsetsang Ansätze. «Dort könnten sich manche Berater auf ältere Personen spezialisieren», sagt der FDP-Kantonsrat und Leiter Soziales der Stadt Gossau. «Auch muss man jüngere Sozialhilfeempfänger anders ansprechen als ältere.»

Dass es ältere Sozialhilfeempfänger schwerer haben, wieder ins Erwerbsleben zurückzufinden, bestätigt Shi­tsetsang. «Die älteren Leute, die zu uns kommen, hatten es aber oft schon vorher schwer. Wer sein Leben lang im Arbeitsleben war, hat auch mit 55 Chancen.»

Problem noch nicht dramatisch

So habe das Problem auch noch keine dramatischen Ausmasse angenommen, sagt der FDP-Kantonsrat. Ältere Leute seien nicht häufiger auf Sozialhilfe angewiesen als andere Altersgruppen. «Die Sozialhilfequote liegt beim Durchschnitt. Und der ist im Kanton St. Gallen unter dem landesweiten Wert.»

Auch seien ältere Arbeitnehmende nicht diskriminiert. «Die Firmen entlassen kaum Mitarbeiter, nur weil sie älter sind», sagt er. Die meisten Unternehmen täten auch viel für die Weiterbildung. «Davon profitieren die Firmen auch.»

Da sind sich die Gewerkschaften nicht so sicher. Arbeitnehmer sollten ein Recht auf regelmässige Standortbestimmung und Weiterbildung haben, sagt Irene Haag-Nessensohn, Geschäftsführerin des Gewerkschaftsbundes St. Gallen. So würden sie gar nicht erst arbeitslos. «Deshalb fordern wir auch einen besseren Kündigungsschutz für langjährige Mitarbeiter.»

Folge der Personenfreizügigkeit

Davon hält der Wiler SVP-Kantonsrat Erwin Böhi wenig. «Dann finden auch 45-Jährige keinen Job mehr. Die Firmen haben Angst, sie würden sie nicht mehr los.»

Der Ursprung des Problems liege woanders. «Das ist die Folge der Personenfreizügigkeit.» Firmen könnten aus einem europaweiten Pool von Arbeitskräften auswählen. Und zögen jüngere Ausländer den älteren Inländern vor. «Die Arbeitnehmer, die verdrängt werden, sind oft ebenfalls Ausländer, die schon lange hier arbeiten», sagt Böhi. So lasse sich das Problem kaum lösen, solange die Personenfreizügigkeit gelte – da ändere auch die im Sommer eingeführte Meldepflicht nichts.

Initiative geplant

Auch in der Schweiz soll Diskriminierung aufgrund des Alters verboten werden. Die «Allianz gegen Altersdiskriminierung» plant eine entsprechende Volksinitiative. Das Komitee präsidieren Heidi Joos, Geschäftsführerin Avenir 50 Plus, und Karl Vögeli, Präsident des Seniorenverbandes. Weitere Namen und Organisationen nennt Heidi Joos noch nicht. Das Initiativkomitee sei aber breit abgestützt. (ken)

Dabei sieht er durchaus Handlungsbedarf. Ein Diskriminierungsverbot, das Seniorenverbände einführen wollen (siehe Kasten), könne helfen. «Aber es kommt auf die Umsetzung an. Ein schwammiger Verfassungsartikel nützt nichts.»

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