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Mit Warnschildern gegen Scientology: Eine Gruppe von Aktivisten protestiert in St.Gallen gegen eine Tarnorganisation der Sekte

Die Scientology wirbt in St.Gallen um Mitglieder - mit einem Trick. Denn hinter dem psychiatriekritischen Verein CCHR verbirgt sich die Sekte. Aktivisten wollen Passanten davor warnen.
David Grob
Aktivisten warnen Passanten: Hinter der psychiatriekritischen Organisation CCHR verbirgt sich die Scientology. (Illustration: Selina Buess)

Aktivisten warnen Passanten: Hinter der psychiatriekritischen Organisation CCHR verbirgt sich die Scientology. (Illustration: Selina Buess)

Ein Samstag in St. Gallen. Multertor, Bärenplatz, Vadianplatz – die Schauplätze und Jahreszeiten wechseln, ein Stand bleibt konstant: An 23 Tagen in diesem Jahr werben Scientologen für ihre umstrittenen Glaubensinhalte in der Stadt St. Gallen.

Zumeist zeigt die Glaubensgemeinschaft dabei ihr Gesicht. Gelegentlich verbirgt sie es aber hinter einem Schleier und ist nicht direkt als Scientology erkennbar: An sieben Tagen in diesem Jahr wirbt nämlich der psychiatriekritische Verein namens CCHR in St. Gallen. Die vier Buchstaben stehen für Citizens Commission on Human Rights (Bürgerkomission für Menschenrechte) und enthüllt nach eigenen Angaben Verletzungen der Menschenrechte durch die Psychiatrie.

Georg Otto Schmid von evangelischen Informationsstelle Relinfo sagt jedoch:

«Die CCHR ist eine Frontorganisation der Scientology.»

Solche Vereine würden von Scientologen getragen und bauten auf der Lehre von Scientology-Vater Ron Hubbard auf. In verschiedenen Schweizer Städten ist die Scientology mit Frontorganisationen wie «Sag Nein zu Drogen», «Narconon» oder eben CCHR aktiv. So auch morgen Samstag in St. Gallen, wenn «Psychiatrie zerstört Leben» wieder über dem schwarzen Stand der CCHR prangt.

Die Stadt St. Gallen hat den Stand bewilligt. «Wir achten bei der Vergabe von Standplätzen, dass wir einen guten Mix aus verschiedenen Organisationen in der Stadt haben», sagt Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei. Rechtlich wäre eine Nicht-Bewilligung nicht zulässig. Patricia Egli, Professorin an der Universität St. Gallen und Expertin auf dem Gebiet der Grundrechte, sagte kürzlich der «Wiler Zeitung: «Ein absolutes Verbot wäre rechtlich problematisch.»

Umstrittene Praktiken

Die Scientology wurde 1953 vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründet. Hubbard möchte die Menschen mit Scientology-Methoden von Traumata reinigen. Diese Praktiken sind umstritten. Kritiker bezeichnen sie als Manipulationstechniken. Scientologen würden bewusst labile Menschen in Krisensituationen rekrutieren, so die Vorwürfe der Kritiker. Scientology bezeichnet sich selbst als Kirche. Der Gemeinschaft werden jedoch sektenhafte Züge zugesprochen. In Deutschland steht sie deshalb unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. (dar)

Auch eine Aussteigerin protestiert gegen Scientology

Also springen Privatleute in die Bresche. Yolanda Sandoval und ihr Mann möchten CCHR den Schleier vom Gesicht reissen. Zumindest symbolisch. Immer wieder reisen die beiden Aktivisten aus dem Kanton Basel-Landschaft in Schweizer Städten und stellen sich vor die Stände der CCHR und anderer Frontorganisationen, halten Schilder in die Höhe und warnen Passanten. Bereits drei Mal waren die «freien Anti-SC-Aktivisten», wie sich der Verein nennt, in St. Gallen. So auch morgen Samstag am Marktplatz, wie Yolanda Sandoval ankündigt.

Mit dabei ist auch eine ehemalige Scientologin aus St. Gallen, die den Ausstieg aus der Sekte schaffte. Nun kämpft sie an vorderster Front gegen jene, die ihr früher eine Heimat geboten haben. Sie will über die manipulativen Methoden der Scientologen aufklären.

Die «freien Anti-SC-Aktivisten», geben sich friedlich. Man halte sich an die Schweizer Gesetze und würde lediglich informieren und aufklären, sagt Sandoval. «Wir distanzieren uns klar von aggressiven, beleidigenden und Persönlichkeitsrechte verletzenden Aktionen. Dies ist nicht unsere Art», schreibt der Verein auf seiner Homepage.

Scientology bezeichnet Aktivisten als Fanatiker

Dieser Eigendarstellung widerspricht Jürg Stettler, Präsident der Scientology Zürich, vehement. Er bezeichnet die beiden Aktivisten auf Anfrage als «Fanatiker aus Basel», die Passanten unter Druck setzen würden, die Informationsbroschüren und Bücher von den Scientology- und CCHR-Ständen zurückzugeben oder wegzuwerfen. Stettler schreibt:

«Was hier geschieht ist reine Diskriminierung, religiöser Rassismus und Nötigung.»

Er zieht juristische Massnahmen in Betracht. Ein Anwalt sei beauftragt, weitere rechtliche Schritte zu prüfen und einzuleiten.

Doch nicht nur juristisch, auch an den Ständen wehrt sich die Scientology gegen die Aktivisten. Ein Flyer soll über die Hintergründe der Aktivisten aufklären. «Wer sind diese Personen, für die Meinungsfreiheit nicht gilt?» lautet die rhetorische Frage des Flyers, der an Ständen der Scientology und ihrer Frontorganisationen an Passanten ausgehändigt wird. Die Aktivisten würden aus der GAGS-Szene in Basel stammen, «einem Verein mit einer Handvoll Personen, die immer wieder mit der Polizei in Konflikt kommen», heisst es auf dem Flyer. GAGS steht für «Gewaltfreie Aktion gegen Scientology».

In Basel kam es zu Konflikten

Basel, November 2016: Ein Aktivist der GAGS spuckt einem Scientology-Vertreter ins Gesicht. Einige Tage später kommt es zu Tätlichkeiten. Gegen den Mann läuft ein Strafverfahren wegen Tätlichkeiten, Beschimpfungen, Drohungen und versuchter Nötigung, das aber noch nicht rechtskräftig ist. Yolanda Sandoval und ihr Mann waren ebenfalls Teil der GAGS, trennten sich deshalb von den Basler Aktivisten. «Wir wollten nicht kriminell werden», sagt Sandoval. Sie gründete mit ihrem Mann den Verein «Freie Anti-SC-Aktivisten». Auch die Aussteigerin engagierte sich früher bei der GAGS, brach aber ebenfalls mit der Gruppe. Laut eigenen Angaben haben Sandoval und ihr Mann nur drei Mal an Aktionen der GAGS teilgenommen.

Scientology wirbt 2019 23 Mal in St.Gallen

Scientology war in der Stadt St. Gallen in den letzten Jahren konstant mit Ständen vertreten. 2017 war die Scientology 21 Mal in der St. Galler Innenstadt, die CCHR hatte 5 Stände. 2018 warb die Scientology 30 Mal offen und 6 Mal getarnt als CCHR. Und gemäss städtischem Belegungskalender führt die Scientology 2019 insgesamt 23 Standaktionen durch und die CCHR deren 7.

In der Ostschweiz ist die Scientology hauptsächlich in St. Gallen präsent. In Wil hatte sie in den letzten drei Jahren lediglich zwischen drei und sechs Stände pro Jahr. Andere Frontorganisationen hingegen gar keine. In Rorschach war sie 2019 zwei Mal vertreten und in den Jahren zuvor nur sehr sporadisch. Und in Gossau und Frauenfeld hatte die Scientology bisher noch nie einen Stand. Frauenfeld würde ein allfälliges Gesuch der Scientology ablehnen, sagt Stadtschreiber Ralph Limoncelli kürzlich der «Thurgauer Zeitung».

Auch Sektenexperte Georg Otto Schmid beobachtet keine verstärkte Präsenz der umstrittenen Religionsgemeinschaft in der Ostschweiz. Auch Mitglieder hat die Scientology, wie Mediensprecher Jürg Stettler sagt, in der Ostschweiz relativ wenig.

Städte haben keine einheitliche Linie

Dass die Scientology auf Vereine setzt, die auf den ersten Blick nicht als Vertreter der umstrittenen Religionsgemeinschaft erkenntlich sind, ist gemäss Schmid kein neues Phänomen.

«Die Scientology arbeitet seit 20 Jahren mit solchen Tarnorganisationen.»

Auch die Präsenz durch Standaktionen hat gemäss dem Sektenexperten nicht zugenommen. Problematisch sei allerdings, dass verschiedene Schweizer Städte die Scientology und ihre Vereine aus ihrem Umfeld unterschiedlich behandeln würden. «Gewisse Städte zählen Stände von Frontorganisationen zum Kontingent der Scientology. Andere Städte hingegen gewähren scientologynahen Vereinen das volle Kontingent», sagt Schmid. In der Stadt Zürich konnte die Sekte so die Obergrenze für Standaktionen umgehen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.

In St. Gallen aber stellt sich diese Frage nicht. Denn die Stadt setzt nicht auf Kontingente, sondern beurteilt nach Gutdünken. Zu Konflikten wie in Basel dürfte es morgen Samstag nicht kommen. Die bisherigen drei Störaktionen verliefen gemäss der Stadtpolizei ohne Tätlichkeiten. Lediglich einmal habe die Polizei die Beteiligten auf die Regeln aufmerksam machen müssen, sagt Mediensprecher Dionys Widmer.

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