«Mit unseren Ressourcen lässt sich das nicht bewältigen»: Lungenliga übergibt Contact-Tracing an Führungsstab des Kantons St.Gallen

Der Kanton St.Gallen organisiert die Rückverfolgung der Coronafälle neu. Die Lungenliga St.Gallen-Appenzell, die das Contact-Tracing bislang betrieben hatte, stiess an ihre Kapazitätsgrenzen. Jetzt übernimmt der kantonale Führungsstab die Arbeit. Auch die Hotline für die Bevölkerung wird wieder hochgefahren.

Adrian Vögele
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Der Kanton St.Gallen übernimmt das Contact-Tracing von der Lungenliga.

Der Kanton St.Gallen übernimmt das Contact-Tracing von der Lungenliga.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Ein Ende ist nicht in Sicht. Weiterhin treten in der Schweiz jeden Tag Dutzende von neuen Coronafällen auf. Das Contact-Tracing, die Rückverfolgung der Patienten und ihrer Kontakte, wird für die Kantone zum Marathon. In St.Gallen zeigt sich, dass die bisherigen Strukturen nicht ausreichen. Die Lungenliga St.Gallen-Appenzell hatte das Contact-Tracing Anfang Juli übernommen, stiess aber rasch an ihre Kapazitätsgrenzen.

Zum einen nahmen die Fallzahlen wieder deutlich zu, zum anderen hatten die Patienten teils sehr viele Kontakte, die zurückverfolgt werden mussten – «manchmal über 60 pro Patient», sagt Bruno Eberle, Geschäftsleiter der Lungenliga St.Gallen-Appenzell. Die rund fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Präventionsabteilung, die mit dem Contact-Tracing beschäftigt waren, arbeiteten teils bis spät in die Nacht.

Ein Mehrfaches an Personal nötig

Mitarbeitende aus anderen Bereichen beizuziehen, etwa aus der Heimtherapie der Lungenliga, sei keine dauerhafte Lösung, sagt Eberle. Diese Leute würden dann anderswo fehlen. Zugleich müsse man beim Contact-Tracing auch mit komplexen Fällen rechnen, die innert Kürze eine Reihe von Abklärungen erforderten, etwa wenn es um eine Ansteckung in einer Schule geht. Eberle sagt:

«Wir haben diese Aufgabe gerne gemacht – aber es zeichnet sich ab, dass das Contact-Tracing im Kanton St.Gallen ein Mehrfaches der bisherigen Kapazitäten benötigt, und das über längere Zeit.»

Mit den Ressourcen der Lungenliga lasse sich das nicht bewältigen. Darum wurde vereinbart, dass ab heute Montag der kantonale Führungsstab die Aufgabe übernimmt. Momentan betreibt die Lungenliga auch das Contact-Tracing für den Kanton Appenzell Ausserrhoden: Wie es hier weitergeht, wird derzeit abgeklärt.

Zehnköpfiges, bunt gemischtes Team übernimmt

Jörg Köhler, Leiter des St.Galler Amtes für Militär und Zivilschutz

Jörg Köhler, Leiter des St.Galler Amtes für Militär und Zivilschutz

Michel Canonica

Woher nimmt der St.Galler Führungsstab nun das Personal für das Contact-Tracing? «Momentan sind wir gut aufgestellt. Wir arbeiten mit einem Team von zehn Freiwilligen», sagt Jörg Köhler, Leiter des Führungsstabs. Die Contact-Tracer betreuen derzeit 46 Krankheitsfälle und 249 Kontakte. Das Team ist bunt gemischt: ausgebildete Pflegefachleute, Studenten, Pensionierte. «Contact-Tracer müssen keine Mediziner sein, aber ein gutes medizinisches Grundwissen und eine hohe Sozialkompetenz haben», sagt Köhler.

Zuerst Freiwillige, dann der Zivilschutz – und dann der Zivildienst?

Für den Fall, dass die Zahl der Freiwilligen für das Contact-Tracing im Kanton St.Gallen nicht mehr ausreicht, gibt es einen Plan B: Dann würden Zivilschützer aufgeboten, vor allem zur kurzfristigen Überbrückung. Und falls längerfristig mehr Kapazitäten benötigt werden, hat der Führungsstab eine weitere Organisation im Auge: den Zivildienst. Dessen Einsätze funktionieren anders als jene des Zivilschutzes. Viele Zivildienstleistende sind mehrere Monate am Stück in einem Vollpensum in ihrer Funktion tätig, vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich.

Dem Führungsstab käme das entgegen: Je länger die Contact-Tracer im Einsatz sind, desto mehr Erfahrung haben sie in ihrer Aufgabe. «Diese Kompetenzen möchten wir möglichst behalten», sagt Köhler. Rasche Wechsel im Team seien hingegen nicht ideal – denn auch das Einarbeiten neuer Leute bindet Ressourcen beim Führungsstab. Der Kanton sucht nun das Gespräch mit den Verantwortlichen des Zivildiensts, um Möglichkeiten für solche Einsätze auszuloten.

Bevölkerung hat wieder mehr Fragen: Infoline wird reaktiviert

Nebst dem Contact-Tracing nimmt der Kanton auch seine Infoline wieder in Betrieb. «Mit der steigenden Zahl von Coronainfektionen ist auch das Informationsbedürfnis der Bevölkerung wieder gestiegen», heisst es in einer Mitteilung der Staatskanzlei. «Bürgerinnen und Bürger können sich bei Fragen zur Gesundheit, zum Thema Reisen und zur Schule an die Nummer 058 229 22 33 wenden.» Die Hotline ist von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr in Betrieb.

Dass sich die Infoline an den Bürozeiten orientiert, hat einen inhaltlichen Grund: Am Telefon sitzen Zivilschützer. Können sie die gestellte Frage nicht selber beantworten, verbinden sie die Anrufer mit einer Fachperson in der kantonalen Verwaltung. Für den Zivilschutzeinsatz suchten die Verantwortlichen vor allem Leute, die derzeit aufgrund der Krise in Kurzarbeit sind oder gar keine Arbeit haben. Köhler sagt:

«Sie sind froh, dass sie bei uns etwas Sinnvolles machen können.»

Kanton mahnt zur Vorsicht, «auch wenn viele das Thema leid sind»

Der Kanton appelliert in seinem Communiqué an die Bevölkerung, sich wieder stärker an die Hygieneempfehlungen zu halten. «Auch wenn viele das Thema leid sind: Der Kanton kann die Ausbreitung nur in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung verhindern. Deshalb gilt auch beim Grillfest, beim Apéro, in der Badi und beim Wandern: Halten Sie den Sicherheitsabstand ein, waschen Sie sich regelmässig die Hände und tragen Sie wo nötig eine Schutzmaske.» Nur so lasse sich vermeiden, dass die Regierung wieder einschränkende Massnahmen treffen müsse.

Über das Wochenende sind im Kanton St.Gallen neun weitere Coronafälle hinzugekommen, schweizweit meldete der Bund am Montag 63 zusätzliche Fälle.

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Noemi Heule