Mit Knüppeln statt Worten

Während der Fan-Dachverband des FC St. Gallen über seine Homepage Augenzeugenberichte zu den Vorfällen in Valencia sammelt, zeigen Berichte aus Spanien: Gewaltanwendung durch Polizisten kommt dort immer wieder vor.

Jürg Ackermann/Dominic Wirth
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FUSSBALL. Die Vorkommnisse rund um das Gastspiel des FC St. Gallen in Valencia wirken weiter nach. Der St. Galler Fan-Dachverband ist derzeit damit beschäftigt, die Ereignisse aufzuarbeiten. Am Sonntag hat er deshalb auf seiner Homepage einen Aufruf geschaltet. Darin bittet er um Berichte von Opfern und Augenzeugen. «Es geht uns darum, einen Überblick zu bekommen und eine Chronologie zu erarbeiten», sagt Michael Blatter vom Dachverband. Bis gestern abend haben sich rund 25 Anhänger gemeldet.

Für den Club steht laut Medienchef Daniel Last fest, dass man «das Missfallen über die Behandlung der Fans durch die lokale Polizei» kundtun werde. Noch ist allerdings offen, an wen sich die Ostschweizer mit ihrer Beschwerde richten werden. Zuerst, so Last, wolle man den offiziellen Bericht des Uefa-Delegierten zum Spiel abwarten. Dieser soll in diesen Tagen eintreffen. «Wir warten auf diesen Rapport, dann schauen wir weiter.» Eines sei aber gewiss: «Von unserer Seite wird definitiv eine Reaktion kommen.»

Freiburg wartet auf Reaktion

Es ist nur knapp vier Wochen her, dass auch Anhänger eines deutschen Vereins in Spanien mit Polizeigewalt konfrontiert wurden. Der SC Freiburg gastierte in der Europa League in Sevilla. Nach dem Spiel wurden seine Fans «aus dem Stadion geprügelt», wie es Rudi Raschke, Leiter Kommunikation des Bundesligavereins, ausdrückt.

Die Deutschen beschwerten sich noch am Abend der Ereignisse mündlich bei der Uefa. Später richtete sich der Club laut Raschke auch noch schriftlich an die Uefa, allerdings habe man darauf verzichtet, eine offizielle Beschwerde einzureichen, weil dies nur gegen den Verein Sevilla möglich war. «Das wollten wir nicht, weil ihm das Ganze ebenfalls unangenehm war», sagt Raschke. Stattdessen schrieben die Freiburger der Uefa einen Brief, in dem sie die Vorkommnisse schilderten und ihr Befremden äusserten. Eine Antwort der Uefa blieb bisher aus – trotz der Bitte um eine Reaktion.

Der Knüppel sitzt locker

Aggressives Verhalten der spanischen Polizei bei Fussballspielen ist also kein Einzelfall. Allerdings betreffen diese Vorkommnisse vor allem den Europacup. In der Primera Division geht es meist friedlich zu und her – trotz der grossen Rivalitäten, etwa zwischen Barcelona und Real Madrid. «Die Fans äussern ihren Unmut über schlechte Leistungen der Mannschaft mit Pfeifkonzerten, zu Ausschreitungen kommt es jedoch praktisch nie, auch bei besonderen Spielen wie gegen Real Madrid oder Barcelona», sagt Antonio Badillo, Journalist bei der Zeitung «Las Provincias» in Valencia. Verfechter einer harten Linie führen das auch auf das rigorose Einschreiten der Polizeikräfte zurück. Diese sind dafür bekannt, dass sie, ohne lange zu fackeln, gegen mutmassliche Randalierer vorgehen. Der Knüppel sitze bei Einheiten, die bei Fussballspielen und Demonstrationen eingesetzt würden, ziemlich locker, sagt Spanien-Kenner Ralph Schulze, der für verschiedene deutschsprachige Medien, darunter unsere Zeitung, aus Madrid berichtet.

Ein Ausbildungsproblem?

Auch wenn die Festnahme von zwei St. Galler Anhängern nur in wenigen Lokalzeitungen mit einer kurzen Meldung erwähnt wurde, berichten Spaniens Medien regelmässig über schwere Verletzungen von Demonstrationsteilnehmern, die durch Polizisten verursacht wurden. Experten orten ein Ausbildungsproblem bei der Polizei. Der Fokus werde zu wenig auf deeskalierende Taktiken gelegt, gewaltsame Einsatzstrategien dafür umso mehr geübt. Andersdenkende Demonstranten würden daher schnell als Radikale abgestempelt.

Diese Vorkommnisse passen ins Bild, das Amnesty International im Jahresbericht 2012 über die spanischen Sicherheitskräfte zeichnete. Die Kritik der Menschenrechtsorganisation richtete sich gegen die «übertriebenen Gewalteinsätze bei Kundgebungen». Zuweilen würden friedliche Demonstrationsteilnehmer mit Gummistöcken und Gummigeschossen traktiert. Namentlich genannt wird auch die Policia Nacional, die beim Spiel zwischen Valencia und St. Gallen für die Sicherheit zuständig war.