Mit Finken geht man nicht aus dem Haus

Die 89jährige Anni Hengartner aus Sitterdorf leidet an Demenz und lebt seit drei Jahren im Pflegeheim Sattelbogen. Der Abschied aus der gewohnten Umgebung war schwer für sie, den Ehemann und ihre Familie. Von Ida Sandl (Text) und Reto Martin (Fotos)

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Die Liebe ist noch da. Es ist die Art, wie er seine Hand auf ihre legt, behutsam, zaghaft, so zart.

Sie sitzen einander gegenüber an einem kleinen Tisch im Restaurant des Bischofszeller Pflegeheims Sattelbogen. Zwei Gedecke, Gläser, sonnengelbes Tischtuch. Anni Hengartner trägt die Bluse mit dem kleinen Muster. Die Haare, weissgrau und kurz, legen sich artig um ihr feines blasses Gesicht. Auf ihr Aussehen hat sie immer geachtet, das tut sie auch heute noch. Franz Hengartner, seit 64 Jahren ihr Ehemann, hat die Schildkappe auf den Tisch gelegt.

Ein kleines Ritual

Das Restaurant ist voll. Es ist Sonntag, der Tag, an dem die Kinder der Heimbewohner zu Besuch sind. Manchmal kommen auch die Kinder der Kinder mit. Es wird geredet, gelacht, gegessen, Besteck klappert, ab und zu quäkt ein kleines Kind.

Anni und Franz Hengartner sitzen in ihrer eigenen Welt. Als würde eine Wolke sie umhüllen. Eine dämpfende Wand, durch die alles ein wenig leiser klingt. 89 Jahre sind sie alt. Feine Linien und kleine Furchen haben sich in ihre Gesichter hinein gelebt. Er beugt sich zu ihr: «Möchtest du ein Glas Wein?» Sie schüttelt den Kopf, ein kleines bisschen nur. Erst dann bestellt er einen Roten für sich. Das machen sie jeden Sonntag so. Ihr eigenes kleines Ritual.

Die Nacht, in der sich alles änderte

Es gibt einen Punkt, da wird das Leben so durcheinander gewirbelt, dass sich etwas ändern muss. Als Anni Hengartner mitten in der Nacht aufstand, ihren Koffer holte und anfing zu packen, stellte sie – ohne es selbst zu ahnen – ihr bisheriges Leben auf den Kopf.

«Was ist los?», fragte ihr Mann. «Ich geh zu meiner Mutter», antwortete sie. Sie wusste weder, dass es Nacht, noch dass ihre Mutter längst gestorben war.

Für die Familie war damit auf einen Schlag klar, dass sich etwas ändern musste. Kleine Zeichen waren schon länger da gewesen. Sie hatten sich eingeschlichen in das Leben von Anni Hengartner. Da war das verloren geglaubte Portemonnaie, das in der Küche wieder auftauchte zwischen Tellern und Tassen. Als hätte es jemand aus purer Bösartigkeit dort versteckt.

Der nächtliche Aufbruch passierte vor drei Jahren. Franz Hengartner war damals selber schon Mitte 80. Die Situation überforderte ihn.

Während die Familie noch fiebrig nach einer Lösung suchte, passierte das nächste Unglück. Ein Abszess blockierte die Speiseröhre. Anni Hengartner konnte nicht mehr schlucken. Sie wurde als Notfall ins Spital eingeliefert.

Allen war klar, dass dieser Auszug aus der Wohnung endgültig sein würde. Nur sie selber wusste das nicht. Kurz war die Familie fast erleichtert. «Die Einweisung in die Klinik hat uns die Entscheidung abgenommen», sagt Erika Schweiss, die älteste Tochter. Niemand ahnte damals, wie lang die Reise der Mutter sein würde und dass sie erst begonnen hatte.

Die schwierigste Zeit kam nach dem Spital. Anni Hengartner wurde in der Memory Clinic in Münsterlingen abgeklärt. Die Diagnose «fortgeschrittene Demenz» war für die Familie zwar keine Überraschung. Trotzdem stand da plötzlich dieses Wort im Raum. So unumstösslich. Demenz – ein abstrakter Begriff, der Angst macht und endgültig wirkt.

Blick auf die frühere Wohnung

Wo sollte Anni Hengartner künftig leben? Zu Hause jedenfalls nicht mehr, das hätte ihr Mann nicht geschafft. Die Familie entschied sich für das Pflegeheim Sattelbogen in Bischofszell. Ein modernes Heim, schön gelegen auf einer Anhöhe am Rande des Städtchens. Sie würde von da oben aus auf ihre alte Wohnung sehen können.

Als der Sattelbogen gebaut wurde, war Franz Hengartner Ortsvorsteher von Sitterdorf. In der Betriebskommission hat er mitgeredet. Ob ihm damals bewusst war, wie wichtig das Heim für ihn und seine Frau einmal werden würde?

Bei jedem Besuch weinte sie

So schnell war auf der Demenzstation kein Zimmer frei. Anni Hengartner wurde die ersten Wochen im Bischofszeller Bürgerhof einquartiert. Sie hatte Heimweh. «Sie hat bei jedem Besuch geweint und gefragt, wann sie nach Hause darf», sagt Erika Schweiss.

«Wenn du gesund bist, dann kannst du nach Hause», beruhigte sie ihr Mann. «Du darfst der Mama keine falschen Hoffnungen machen», warnten die Kinder. Das Team vom Pflegeheim versuchte, die Mutter abzulenken. Wie macht man das Beste aus einer schlechten Situation?

Heute weint sie nicht mehr. Sie will auch nicht mehr nach Hause. Zumindest sagt sie es nicht. Sie teilt sich ein Zweierzimmer mit einer anderen Frau. Sie hätte auch ein Einzelzimmer haben können, aber das wollte sie nicht. Ob es Anni Hengartner im Sattelbogen gefällt? Erika Schweiss zuckt die Schultern. Früher konnte sie sagen, ob ihre Mutter glücklich war oder bedrückt. Das ist vorbei. Heute lebt Anni Hengartner in ihrem eigenen Kosmos, wo selbst ihre Kinder sie meistens nicht erreichen.

Die Mitarbeiter des Sattelbogens hätten ihr geholfen, die Krankheit ihrer Mutter zu verstehen», sagt Erika Schweiss. Sie habe ja keine Ahnung gehabt von Demenz. Erika Schweiss ist eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, die zupacken kann und s' Gschpüri hat für Menschen. Jeden Mittwoch fährt sie von Gossau – wo sie mit ihrem Mann wohnt – in den Thurgau. Sie holt ihren Vater ab und besucht mit ihm die Mutter. Doch die Frau auf der Demenzstation ist ihr in vielem fremd geworden. «Es ist nicht mehr unsere Mutter.»

Sie trafen sich beim Thurgauer Ball

Die Eltern haben sich in Zürich kennengelernt. Beim Thurgauer Ball am 20. Januar 1951. Sie ist ihm aufgefallen, so jung und schön und elegant. Im Herbst haben sie geheiratet, er ist in Müllheim aufgewachsen, sie in Mettlen. Erst die Hochzeit, dann die Kinder, zwei Töchter und ein Sohn. 1961 suchten die Sitterdorfer einen Posthalter. Da zog die Familie ins Postgebäude ein. Franz Hengartner politisierte für die CVP, 1968 wurde er zum Ortsvorsteher von Sitterdorf gewählt. Seine Frau hielt ihm den Rücken frei. Kochen, waschen, die Kinder, die Post. Was man eben tun muss. Eine begnadete Köchin sei sie gewesen. Von ihrem Hackbraten schwärmt die Familie noch heute.

Bohnen fädeln in der Küche

Anni Hengartner hebt irritiert die Augen. Sie öffnet den Mund, will etwas sagen, etwas Wichtiges, schliesst ihn wieder. Worte sind wie glitschige Fische, eben waren sie noch da, doch bevor man sie fassen kann, sind sie entwischt. Schliesslich sagt sie: «Ich mach es einfach.» Der Satz ist mehr gehaucht als gesprochen.

Die Frage war: «Wie haben Sie früher die Stangenbohnen gekocht?» Sonja Germann wollte das wissen, die Pflegefachfrau. Es ist Vormittag in der Gemeinschaftsküche der Demenzstation. Drei Frauen und ein älterer Mann sitzen um den Holztisch. Sonja Germann hat grüne Bohnen in kleinen Häufchen auf dem Tisch verteilt. «Ich wäre froh, wenn Sie mir beim Bohnen fädeln helfen könnten», sagt sie.

Einen Moment lang scheint Anni Hengartner nicht klar zu sein, was sie tun soll. Sonja Germann nimmt ein Messer und kappt damit die Spitze einer Bohne. Das ist Anleitung genug. Anni Hengartner ist jetzt wieder die versierte Hausfrau, die sie früher war. Sie schneidet die Enden ab, zieht die Fäden heraus. Wirft Bohne um Bohne in die Schüssel. Das Häufchen schwindet.

Die beiden anderen Frauen in der Sattelbogen-Küche unterhalten sich über den Zweiten Weltkrieg. Sie habe für die Konservi in Bischofszell Bohnen gerüstet, erzählt die eine. Er sei Jahrgang 1945, sagt der Mann unvermittelt. Wie auf Kommando blicken die Frauen auf. Sie wirken hellwach. Anni Hengartner, die Schweigsame, fragt erstaunt: «Was, so jung?» Später stellt sich heraus, dass sich der Mann geirrt hat, er wurde doch schon 1923 geboren.

Der Vater schickt ein Mail

Ihre Mutter sei immer schon eher ernst gewesen, sagt Erika Schweiss. Eine Fleissige und sehr pflichtbewusste Frau. Der Vater war der Gesellige, er ist es heute noch. Jeden zweiten Tag geht er zum Apéro in den «Frohsinn» gleich um die Ecke. Auch wenn es so viel länger als früher dauert, bis er dort ist und wieder zurück. Seit drei Jahren lebt er jetzt allein in der Wohnung, in die er und Anni Hengartner gemeinsam eingezogen sind. Einmal am Tag kommen Spitex-Frauen vorbei. Er hat nichts verändert. Möbel, Vorhänge, Kissen. Alles ist noch so, wie es war, als seine Frau ausgezogen ist. Von seinem Wohnzimmerfenster aus sieht Franz Hengartner aufs Pflegeheim. «Da oben. Ja, ja», sagt er und wird stumm.

Auch Franz Hengartner ist schweigsamer geworden mit den Jahren, seinem Gedächtnis kann er nicht mehr so recht trauen. Aber ab und zu, da schickt er seinen Kindern ein Mail von seinem Computer aus, manchmal sogar noch gegen Mitternacht.

Der Spezialist

Bernd Ibach ist Psychiater und Altersmediziner, Spezialgebiet Demenz. «Ich freue mich darauf, alt zu werden», sagt er. Sein Büro in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, wo einem der Bodensee zu Füssen liegt, ist fast leer geräumt. Ab nächstem Jahr wechselt Ibach zur Psychiatrie nach Littenheid. Er wird dort den Altersbereich aufbauen. Ziel sei eine flächendeckend gute Versorgung im Thurgau. Ibach, ein gebürtiger Badener, wirkt gut gelaunt auf eine unaufdringliche Weise. Er sagt Sätze, die Mut machen, Sätze wie: «Das Gros der Menschen altert gut.» Oder: «Alzheimer ist keine Diagnose, die gleich ein Desaster bedeutet.»

Dazu zeichnet er eine Linie mit Punkten auf ein Blatt Papier. Das kranke Gehirn streicht zuerst die neuen Erlebnisse, erklärt Ibach. Das Familienfest von gestern, den Besuch beim Arzt letzte Woche. Je weiter die Krankheit fortschreitet, umso mehr Erinnerung gehe verloren. Die Punkte sind Stationen im Leben, die chronologisch ausradiert werden. Die Geburt der Urenkelin ist nicht mehr präsent, dafür sind der tote Bruder oder die Mutter im Bewusstsein wieder lebendig.

Dass die Patienten unter ihrer Demenz bewusst leiden, sei nicht immer der Fall, sagt Ibach. Zum Teil würden sie ihre Krankheit gar nicht wahrnehmen. «Das Gehirn gaukelt ihnen vor, dass alles in Ordnung ist.» Deshalb sei es falsch, demente Menschen ständig zu korrigieren. Dagegen mache es Sinn, ihnen die Welt um sie herum zu erklären. Das helfe dabei, sich zu orientieren.

Der Arzt beobachtet, dass die meisten Menschen mit Demenz den Wechsel von der eigenen Wohnung in ein Pflegeheim gut verkraften. Wenn sie sich nach daheim sehnen, könne damit auch das Zuhause der eigenen Kindheit oder Jugend gemeint sein. Ibach rät, dem dementen Menschen gut zuzureden und die Erinnerung zu fördern mit Fotos oder Gegenständen von früher.

Es gehört zum Krankheitsbild, dass die Sprache einfacher wird, die Sätze sich verkürzen. «Über Emotionen erreicht man die Menschen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium am besten», sagt Ibach. Wenn er Patienten besucht, weil die Pflegedienstmitarbeiter und der Hausarzt nicht mehr weiter wissen, dann fragt er: «Sagen Sie doch mal, was haben Sie denn früher so gemacht?» Es klingt warmherzig und aufmunternd. «Meistens bricht das Eis.»

Die Schuhe vergessen

Mittwochnachmittag im Sattelbogen. Franz Hengartner besucht seine Frau. Die Sonne hat sich durch die graue Wolkenschicht gekämpft. An diesem Herbsttag zeigt sie allen, dass sie noch nicht wintermüde ist. Eine Pflegerin trägt Kaffee und Kuchen hinaus zum Gartensitzplatz. Der Schlüsselbund an ihrer Hose scheppert leise bei jedem Schritt.

Anni Hengartner schiebt den Rollator vor sich her. Ihr Mann läuft mit kleinen trippelnden Schritten neben ihr. Gestützt auf seinen Stock, den er noch nie irgendwo vergessen hat. Sie reden wenig und wirken doch vertraut. Später schiebt sie ihm ihr Stück Kuchen über den Tisch. «Guat gsi», sagt sie. Er schenkt ihr Wasser nach. Dann fällt ihr Blick auf ihre Hausschuhe und sie erschrickt. «Mit Finken geht man doch nicht aus dem Haus, nicht einmal in den Garten.»