Mit einem Schuss Verrücktheit: Roozpeikar soll den Tourismus ankurbeln

In Zürich hat Mandana Roozpeikar einen Hirsch mit Steinwerkzeug zerlegt und in Wien den Direktor eines Museums ermordet – Letzteres natürlich fiktiv. Der neuen Stiftsbezirksmanagerin mangelt es nicht an Einfällen.

Roman Hertler
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Mandana Roozpeikar im St. Galler Stiftsarchiv. (Bild: Ralph Ribi)

Mandana Roozpeikar im St. Galler Stiftsarchiv. (Bild: Ralph Ribi)

Wo ist Mandana Roozpeikar? Im Februar soll sie ihre neu geschaffene Stelle als Leiterin Betrieb, Ausstellungen und Vermittlung, oder kurz: als Stiftsbezirksmanagerin, antreten. Die Kulturvermittlerin und Politethnologin soll den Tourismusbetrieb im Klosterviertel neu beleben.

An diesem nebelverhangenen Novembertag ist sie erstmals in St.Gallen zu Besuch. Seit 2015 arbeitet die Baselbieterin mit iranischen Wurzeln in der österreichischen Hauptstadt als leitende Kulturvermittlerin des Weltmuseums Wien. Am vereinbarten Treffpunkt in der katholischen Administration weiss niemand von einem Interview. Im Stiftsarchiv steht bloss ihr verwaister Rollkoffer. Schliesslich eilt die 40-Jährige aus einem Sitzungszimmer der Stiftsbibliothek. Ein Termin jagt den anderen: Stiftsbezirk erkunden, künftige Mitarbeiter kennen lernen. Dann rasch Journalistenfragen beantworten in jenem Altstadt-Tea-Room, wo sie anschliessend Partner und Mutter trifft. Die beiden begleiten sie am Nachmittag zu Wohnungsbesichtigungen in sämtliche Winkel der Stadt.

Es war einmal ein Fink

Nach ihrem Ethnologie-, Politik- und Medienstudium in Basel und in Freiburg im Breisgau bewarb sich Roozpeikar zuerst bei diversen NGO und für den Concours diplomatique beim Bund. Daraus wurde nichts. Es folgte ein Praktikum beim Museum.BL, wo sie an der Ausstellung «Adam, Eva und Darwin» mitwirkte. Danach schickte sie Blindbewerbungen an sämtliche naturwissenschaftliche Museen im Land. Ihr Vorurteil gegenüber der Trockenheit musealen Wirkens warf sie rasch über Bord. «Es ist cool, wenn man am Schluss sieht, was man erschaffen hat.» Bei gewöhnlicher Büroarbeit habe man lediglich die zyklisch sich auftürmenden und wieder schrumpfenden Aktenstapel vor Augen.

Das Naturhistorische Museum Bern engagierte Mandana Roozpeikar 2008 auf Projekt­basis. Für das Darwin-Jahr 2009 konzipierte sie einen Teil der Ausstellung «Es war einmal ein Fink». Danach wechselte sie zum Wildnispark Zürich, wo sie zahlreiche Ausstellungen kuratierte. «Dort gefiel mir besonders die Mischung aus klassischem Museum und dem Naturpark mit all den Viechern», sagt Roozpeikar. Naturwissenschaftliche Themen mit kulturwissenschaftlichem Blick museal aufbereiten: Das ist ihre Leidenschaft.

Steinzeithöhle mit Hirsch-Barbecue

Spektakulär im Wildnispark war der Nachbau einer Steinzeit­höhle mit originalgetreuen Wandmalereien. Aus Knochen wurden Schmuck und Spielzeug hergestellt. Am Eröffnungstag wurde ein Hirsch geschlachtet und mit scharf gewetztem Steinwerkzeug zerlegt. Manchem Besucher verdarb die Szene wohl den Appetit auf das anschliessende Hirsch-Barbecue. Das Fleisch des öffentlich zerlegten Hirsches wurde ­allerdings nicht direkt serviert, sondern eingefroren und einige Monate später den Parkmitarbeitern als Weihnachtsessen gereicht.

Nicht weniger blutrünstig ging es in Wien weiter. Für ein Adventure-Spiel hat Roozpeikar den ehemaligen Direktor des Weltmuseums als Leiche inszeniert, «a schöne Leich», wie der Wiener sagt. Per App können ­Museumsbesucher nach der Mordwaffe fahnden. Die Hinweise sind in verschiedenen Sälen versteckt. So sollen vor allem jüngere Museumsbesucher motiviert werden, sich eingehend mit den ausgestellten Objekten zu ­befassen.

Teheran und der Pratteler Chäferberg

Roozpeikar sprüht vor Ideen, auch wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt noch keine konkreten Pläne für St.Gallen hat. Geht es nach ihr, darf es ruhig etwas wild und verrückt sein. Was nun aber nicht heisst, dass sie sogleich einen Gallusbären-Graben aushebt und dann Raubtier-Tätschli brät. Obschon sie Kochen – nebst Tanzen, Yoga, Bewegen generell – zu ihren liebsten Hobbys zählt. Jeweils an Weihnachten bekocht sie Freunde persisch oder nordafrikanisch.

Roozpeikar ist 1978 in Teheran zur Welt gekommen. Nach der Revolution zog die Familie 1979 in die Heimat der Mutter. Am Waldrand des Pratteler Chäferbergs wuchs sie auf. Während der Studienzeit war sie für die Unabhängigen und Grünen im Pratteler Einwohnerrat politisch aktiv.

Ein bisschen nervös

«Ich bin ein bisschen nervös», räumt Roozpeikar ein. «Ich kenne die Ostschweiz überhaupt nicht.» Warum sie sich dennoch für die Stelle bewarb? In Wien sei sie an eine gläserne Decke gestossen. «Mir ist es da etwas zu monarchisch und hierarchisch.» Hier in der Ostschweiz lechzten die Leute nach neuen Ideen.

Erste Spuren hat Mandana Roozpeikar in St.Gallen bereits hinterlassen. 2016 machte die Wanderausstellung «Bionik – abgeschaut und nachgebaut» unter anderem Halt im Botanischen Garten St.Gallen. Konzept und Umsetzung jener Ausstellung stammten aus ihrer Feder.