Mit der Traumwohnung in die Falle gelockt

ST.GALLEN. Vorsicht, Luftschloss! Betrüger drehen Suchenden im Internet Wohnungen an, die es gar nicht gibt. Wie Susanne Schnyder, die ihre Maisonette in der Stadt St.Gallen vermieten will - vorab aber eine Kaution in nicht unbescheidener Höhe verlangt.

Janique Weder
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Mit solchen Bildern einer St.Galler Wohnung locken die Betrüger Wohnungssuchende in die Falle. Mehr davon in der Bildergalerie. (Bild: zVg)

Mit solchen Bildern einer St.Galler Wohnung locken die Betrüger Wohnungssuchende in die Falle. Mehr davon in der Bildergalerie. (Bild: zVg)

Spätestens dann, wenn die zwei Monatsmieten für die Schlüsselkaution fällig sind, müsste man den Betrug riechen. Wer es nicht tut, tappt in die Falle. Dann ist nicht nur das Geld weg, sondern auch Susanne Schnyder. Die gar nicht Susanne Schnyder heisst. Und die gar nie eine Wohnung vermieten wollte.

Mit diesen Fotos wurde die Wohnung beworben. Eine renovierte Maisonette-Wohnung im St.Otmar-Quartier in St.Gallen... (Bild: zVg)
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...mit 5,5 Zimmern und Balkon für 1250 Franken im Monat. (Bild: pd)
Wer Kontakt aufnimmt, erhält umgehend eine Antwort. Die ist in brüchigem Deutsch verfasst. Der Absender gibt an, im Ausland zu wohnen und die Wohnung während eines früheren Aufenthalts in der Stadt gekauft zu haben. Nun wolle er sie vermieten. (Bild: pd)
Es wird hin- und hergeschrieben. Am Ende eines ausführlichen Mailverkehrs erhält man diesen Vertrag. Unterschrieben haben der Vermieter sowie ein Anwalt des Bettenvermittlungsportals AirBnb - der nicht existiert. Wer bezahlt, verliert das Geld. In diesem Fall wären es 2500 Franken. (Bild: zVg)
Das Geschäft ist ein lukratives. Laut Comparis-Sprecher Felix Schneuwly nehmen solche Betrugsfälle zu. (Bild: pd)
Der Internetvergleichsdienst hat deshalb Tips für Wohnungssuchende veröffentlicht, um Fake-Inserate zu entlarven. (Bild: pd)
Grundsätzlich lässt sich sagen: Was zu schön klingt, um wahr zu sein, ist es wahrscheinlich auch. (Bild: pd)
Doch weil es immer wieder Leute gibt, die auf die Betrüger reinfallen, kontrolliert Comparis die Anzeigen regelmässig. (Bild: pd)

Mit diesen Fotos wurde die Wohnung beworben. Eine renovierte Maisonette-Wohnung im St.Otmar-Quartier in St.Gallen... (Bild: zVg)


Die Vermieterin weilt in England
Schon zu Beginn schien die Geschichte zu schön, um wahr zu sein: Eine 5,5-Zimmer-Maisonette an der Stückelbergstrasse im St.Galler Quartier St.Otmar. Zentral und dennoch ruhig gelegen, mit Balkon, moderner Küche und renoviertem Bad. Ausgeschrieben war die Wohnung auf der Internetseite des Vergleichsdiensts Comparis für eine monatliche Miete von 1250 Franken. Wer die Inserentin Susanne Schnyder kontaktierte, erhielt umgehend eine Antwort. In brüchigem Deutsch erklärte die Engländerin, dass sie "Projektmanagerin in Tiefbau" sei und derzeit wegen eines "grosses Bauprojekts" in London wohne. Die Wohnung in St.Gallen habe sie während eines längeren Aufenthalts in der Ostschweiz gekauft. Nun wolle sie sie vermieten.

Man schreibt sich ein paar Mal hin und her, das Vertrauen wächst. Dann, plötzlich, wird Susanne Schnyder konkret. Sie sei schon einmal von England nach St.Gallen gereist, um jemandem die Wohnung zu zeigen, der schliesslich nicht erschienen sei. Das habe sie viel Geld gekostet. Diesmal wolle sie Sicherheit. Sie erzählt von einem Agenten der Bettenvermittlungsplattform Airbnb, der die Wohnungsbesichtigung übernähme. Als Beweis dient ein Link auf die echte Airbnb-Seite mit unzähligen rechtlichen Bestimmungen. Den Schlüssel will Susanne Schnyder per Post schicken. Dafür verlangt sie zwei Wohnungsmieten in der Höhe von 2500 Franken. Das Ganze sei natürlich ohne Risiko: Wem die Wohnung nicht gefällt, erhält sein Geld zurück, verspricht Schnyder. Als nächstes folgt ein Mail des vermeintlichen Airbnb-Agenten - mit Bankangaben zur Überweisung.

Die Polizei ist machtlos
Auch Daniel Candrian ist auf das Inserat für die Wohnung an der Stückelbergstrasse aufmerksam geworden. Auch er hat Kontakt aufgenommen, und auch bei ihm hat sich Susanne Schnyder per Mail gemeldet und eine Kaution verlangt. Bezahlt hat der 33-Jährige nicht. Er suchte stattdessen den Kontakt zu den Mietern, die im besagten Haus an der Stückelbergstrasse wohnen. Und stiess auf Romuald Werinos, der aus allen Wolken fiel. In seinem Haus sei keine Wohnung frei, auch nicht die Maisonette-Wohnung, sagte er gegenüber Candrian.

Daraufhin ging Daniel Candrian zur Polizei. Diese hätte nicht viel machen können, sagt er. Kantonspolizei-Sprecher Gian Andrea Rezzoli bestätigt: "Eine Rückverfolgung ist schwierig." Häufig sässen die Betrüger in Afrika, manchmal auch in Asien, und operierten mit verschlüsselten Servern. "Da sind uns die Hände gebunden, auch, weil die polizeiliche Zusammenarbeit mit diesen Ländern oft schwierig ist." Die Kantonspolizei St.Gallen setzt deshalb auf Präventionsarbeit. Auch, weil es bei einer Anzeige meist zu spät ist. "Wer bezahlt hat, sieht das Geld nicht wieder", sagt Rezzoli.

Comparis mahnt zur Vorsicht
Beim Vergleichsdienst Comparis, auf dessen Website das Inserat geschaltet wurde, kennt man das Problem. Die Masche, sagt Sprecher Felix Schneuwly, sei immer dieselbe: Der Vermieter weilt angeblich im Ausland, den Hausschlüssel will er per Post schicken, dafür verlangt er aber eine Kaution. Wer bezahlt, hört nie mehr etwas von ihm. "Die Betrugsfälle häufen sich", sagt Schneuwly. "Wir überprüfen deshalb alle Inserate und löschen sie wenn nötig." Wo eine Miete stark vom ortsüblichen Preis abweicht, fragt Comparis nach. Doch diese Kontrolle alleine reiche oft nicht aus. Deshalb sei es wichtig, die Konsumenten für solche Betrugsfälle zu sensibilisieren (siehe Kasten).

Auch bei Airbnb schlägt man sich laut Sprecher Julian Trautwein mit solchen Betrügern herum. "Dabei haben wir gar keine Agenten, die Hausbesichtigungen durchführen." Trautwein empfiehlt, sich die Mailadresse des angeblichen Vermieters anzuschauen oder dessen Name zu googeln. "Meistens findet man dann etwas, was auf einen Betrug hinweist."

Und Susanne Schnyder? Sie scheint cleverer zu sein als die meisten. Über sie steht nichts im Netz. Und deshalb wird sie wohl auch in Zukunft fiktive Traumwohnungen zu Schnäppchenpreisen anbieten.

So erkennen Sie ein Fake-Inserat

Der Internetvergleichsdienst Comparis gibt auf seiner Website Tips, wie Wohnungssuchende fingierte Inserate entlarven können. Demnach gilt es auf Folgendes zu achten:

  • Es beginnt meist mit einem Wohnungsinserat auf einem Online-Portal - mit real existierenden Adressen und fiktiven Kontaktpersonen. Damit die Betrüger ihre Anzeigen schalten können, legen sie sich über Dritte Kontoverbindungen und Schweizer Handynummern zu.
  • Der Mietpreis liegt unter den ortsüblichen Mieten und ist konkurrenzlos.
  • Die Fotos zeigen nur das Innere der Wohnung, keine Aussen- oder Strassenansichten.
  • Wer die angegebene Kontaktperson anschreibt, erhält eine E-Mail in meist fehlerhaftem Deutsch. Der angebliche Besitzer gibt darin an, gerade im Ausland zu weilen und für eine Besichtigung nicht vor Ort sein zu können. Er bietet aber an, den Schlüssel per Post zu schicken - für eine Kaution, die im Vorhinein überwiesen werden muss. (jmw)

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