Interview

«Mit der neuen Strategie wird die Qualität der Spitäler steigen»: Gesundheitsökonom gibt der St.Galler Regierung Rückendeckung

Der St.Galler Gesundheitsökonom Tilman Slembeck über unsinnige Grenzen, private Konkurrenz und das empfindlichste Körperteil.

Regula Weik und Christoph Zweili
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Tilman Slembeck: «Gesundheitszentren sind eine Riesenchance für junge Ärztinnen und Ärzte.» (Bild: Michel Canonica, St.Gallen, 6. Juni 2018)

Tilman Slembeck: «Gesundheitszentren sind eine Riesenchance für junge Ärztinnen und Ärzte.» (Bild: Michel Canonica, St.Gallen, 6. Juni 2018)

Die St.Galler Regierung will fünf Spitäler schliessen. Ist sie damit auf dem richtigen Weg?

Tilman Slembeck: Absolut. Eine Konzentration der Leistungen tut seit Jahren Not. Nun wird sie angepackt.

Weshalb ist dies dringend?

Aus Kostengründen, aber auch medizinischen – das ist fast wichtiger. Die Medizin ist heute derart spezialisiert, dass nicht mehr jedes Kleinspital die volle Qualität, die heute möglich ist und auch verlangt wird, anbieten kann.

Das müssen Sie erklären.

Es geht um Fallzahlen. Sie haben einen Operateur, der einen Eingriff dreimal im Jahr macht, und einen, der ihn dreihundert Mal macht. Zu welchen gehen Sie in Behandlung? Wohl zu jenem, der mehr Routine hat.

Die Qualität der St.Galler Spitäler erhöht sich mit den Schliessungen?

Genau. Zudem finden sie oft nicht mehr genügend Ärzte und Pflegepersonal für die heutigen Spitäler, welche die geforderte Qualität liefern können. Und wenn sie das Personal finden, können sie es an einem Landspital nicht auslasten.

Die St.Galler sind künftig mit vier Spitälern also qualitativ besser versorgt als heute mit neun?

Eindeutig.

Dann ginge es also auch mit zwei Spitälern im Kanton?

Ja, vielleicht sogar einem. Das ist aber ein rein gesundheitsökonomischer Ansatz. Der Vorschlag der Regierung, der mit 30 Minuten bis zum nächsten Spital für einen nicht dringlichen, planbaren Eingriff rechnet, ist absolut zumutbar. Und er ist wesentlich günstiger, als die kleinen Akutspitäler zu erhalten.

Kleine Spitäler arbeiten doch kostengünstiger als grosse?

Dem stimme ich nicht zu. Die Landspitäler schicken die schwereren Fälle an das Kantonsspital weiter. Logisch ist damit der durchschnittliche Fall am Zentrumspital teurer.

Für das Spital Flawil interessierte sich eine Privatklinikgruppe. Die Regierung verwarf die Idee. Verständlich?

Ich finde die Kooperation mit Privaten sehr sinnvoll. In Zürich und Riehen wurden öffentliche Spitäler teilweise privatisiert.

Die Regierung befürchtet, so Patienten zu verlieren. Ist das falsch?

Das wäre nur dann der Fall, wenn der Private exakt dasselbe anbieten würde wie das dortige Spital. Davon ist eher nicht auszugehen.

Die Regierung will fünf regionale Gesundheits- und Notfallzentren einrichten ...

... diese Idee finde ich hervorragend, insbesondere dann, wenn niedergelassene Ärzte involviert sind. Das ist der Nukleus, den es braucht, um eine Gruppenpraxis betreiben zu können – an einem Ort, den die Leute schon kennen. Solche Zentren und Gruppenpraxen sind eine Riesenchance für junge Ärzte und Ärztinnen, die Teilzeit arbeiten möchten und nicht 70 Stunden pro Woche als Einzelkämpfer unterwegs sein wollen.

Die neue Spitalstrategie macht Halt an der Kantonsgrenze.

Das ist völlig unsinnig. Die Zusammenarbeit über die Kantonsgrenzen hinweg wäre das einzig Richtige. Fragen Sie mich nicht, weshalb dies nicht glückt.

Sie verstehen den Widerstand nicht?

Santésuisse und der Bund sprechen von sieben bis zehn Gesundheitsregionen schweizweit, welche die Kantonsgrenzen komplett ignorieren. In der Ostschweiz könnte diese St.Gallen, Thurgau und beide Appenzell umfassen.

Davon ist die Ostschweiz weit entfernt. Hat die St.Galler Regierung mit der neuen Strategie eine Chance verpasst?

In der Schweiz reagiert die Politik erst, wenn das empfindlichste Körperteil, das Portemonnaie, betroffen ist.

Dass die St.Galler Spitalstruktur ineffizient und teuer ist, stand schon seit Jahren fest.

Die Regierung reagierte erst, als grössere Defizite auftraten. Steigt der finanzielle Druck weiter, wird die Kooperation unter den Kantonen vielleicht plötzlich doch noch ein Thema.

Bremsen die Kantone, wenn es um innovative Ideen im Gesundheitsbereich geht?

Kantone sollten nicht mehr Leistungserbringer sein. Private Anbieter, etwa Ärztenetzwerke, sollten die integrierte Versorgung weitgehend übernehmen. Die Kantone sollten höchstens noch die Universitätsspitäler behalten, um Forschung und Lehre sicherzustellen.

Sie plädieren für ein privates Gesundheitswesen?

Nein. Es braucht eine gute Mischung, aber mehr privates Engagement als heute würde helfen.

Private Anbieter dürften sich kaum um abgelegene Gebiete kümmern. Für Randregionen müssten die Kantone das Angebot per Leistungsauftrag sicherstellen.

Der Widerstand der Bevölkerung gegen Spitalschliessungen ist gross. Ist die Strategie umsetzbar?

Das wird davon abhängen, wie gut Regierung und Spitalverwaltungsrat der Bevölkerung erklären können, dass die Qualität der Leistungen nicht sinken wird.

Gutachter und Professor

Tilman Slembeck ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Und er ist Lehrbeauftragter an der HSG. Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik der Schweiz sind langjährige Schwerpunkte seiner Arbeit. 2017 war er Mitglied der Expertenkommission des Bundes zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen, und er ist Mitautor gesundheitsökonomischer Gutachten im Auftrag von National- und Ständerat. Slembeck, 1963, wohnt in Abtwil. (rw)