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Sabrina Schmitter ist seit vier Jahren als Polizistin für die Kantonspolizei St.Gallen im Einsatz. (Bilder: Raphael Rohner)

Sabrina Schmitter ist seit vier Jahren als Polizistin für die Kantonspolizei St.Gallen im Einsatz. (Bilder: Raphael Rohner)

Mit den Waffen einer Frau: Wie eine St.Galler Polizistin gegen Vorurteile kämpft

Immer mehr Frauen werden Polizistin. Doch sind sie überhaupt gut genug für diesen Beruf? Und können sie mit den Männern mithalten? Provokative Fragen, mit welchen jede Polizistin konfrontiert wird. Auch Sabrina Schmitter. Die St.Galler Kantonspolizistin erzählt von ihrem Alltag und dem Kampf gegen Vorurteile.
Alexandra Pavlovic
11:00 Uhr

Wie jeden Morgen finden sich acht Angehörige der Kantonspolizei St.Gallen beim Polizeistützpunkt in Thal zur Einsatzbesprechung ein. In einem der kahlen Räume diskutiert der Dienstchef mit den Beamten von der Morgenschicht die anstehenden Einsätze und teilt anschliessend die Gebiete zu. Patrouilliert wird jeweils in Zweiergruppen, von St.Gallen bis nach Sennwald. Was ins Auge sticht: Am Tisch sitzt eine einzige Frau – neben sieben Männern.

Blaue Augen, feine Gesichtszüge, zierliche Figur: Sabrina Schmitter wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Ohne ihre Uniform und den 4,5 Kilogramm schweren Gürtel mit Schusswaffe, Pfefferspray und Handschellen würde man die gebürtige Rheintalerin nicht für eine Polizistin halten. «Dass mein Äusseres über meine Fähigkeiten hinwegtäuscht, bin ich gewohnt», sagt die 31-Jährige.

Schon damals, als sie noch Bautechnikerin und Lastwagenfahrerin war, wurde sie von vielen unterschätzt. Das war bei der Ausbildung zur Polizistin vor vier Jahren nicht anders. Als Frau in einer Männerdomäne müsse man damit rechnen, dass man zunächst auf sein Äusseres reduziert werde, sagt Schmitter. Doch davon solle man sich nicht einschüchtern lassen, denn das Rollenbild der Frau im Berufsleben habe sich ohnehin längst verändert. Auch bei der Polizei:

«Es macht mittlerweile keinen Unterschied mehr, ob du eine Frau oder ein Mann bist. Du bist einfach Polizist - oder eben Polizistin.»

Man solle jeden Tag die Chance ergreifen zu beweisen, dass man auch als Frau diesen Beruf ausüben könne. Zumindest Sabrina Schmitter hat diese Devise stets befolgt.

Keine Sonderbehandlung bei der Polizei

Dass der Polizeiberuf längst keine Männerdomäne mehr ist, wird auch am Stützpunkt in Thal ersichtlich. Auf 42 Männer kommen 6 Frauen – Tendenz steigend. Und auch in der Gruppe zeigt sich, dass die weibliche Anwesenheit niemanden irritiert. Im Gegenteil: Der Umgang untereinander wirkt entspannt und familiär, alle sind gut drauf, immer wieder werden Witze gemacht. Sabrina Schmitter lacht mit und stichelt sogar zurück.

Manchmal aber fühle sie sich unter den Männern in ihrem Team schon wie die Henne im Korb, sagt sie. Eine Sonderbehandlung aber bekomme sie deswegen bei der Polizei nicht:

«Ich muss als Frau genau dasselbe leisten wie meine männlichen Kollegen. Ein ‹Ich kann das nicht, weil ich eine Frau bin› gibt es in diesem Beruf nicht.»

11:45 Uhr

Bevor die 31-Jährige und ihr Kollege zum achtstündigen Einsatz ausrücken, verabschiedet man sich mit einem «Guten Dienst!» voneinander. Danach steigt jeder in sein Dienstauto.

Vom Polizeistützpunkt in Thal geht es fürs erste Richtung Heerbrugg. Heutiges Einsatzgebiet: der Autobahnabschnitt Rheintal sowie das nahe Grenzgebiet. Kaum auf der Strasse, steht der Dienstwagen mit seinem unverkennbaren orangen Streifen, dem Blaulicht und der Aufschrift «Polizei» im Fokus der anderen Verkehrsteilnehmer. Autofahrer halten sich peinlichst genau an die Verkehrsregeln, Fussgänger blicken verwundert in Richtung Polizeiwagen. «Wir stehen ständig unter Beobachtung. Egal, was wir tun, wir fallen auf. Und wenn wir Fehler machen, landet alles sofort im Internet», sagt Schmitter.

Sie könne verstehen, dass die Welt gerne über Fehler von anderen lache. Dennoch findet sie, dass die Gesellschaft vielfach ein falsches Bild von der Polizei habe. Viele Menschen sähen in den Polizisten nur Geldeintreiber oder beschimpften sie als «Schmier». Erklären könne sie sich solche Äusserungen höchstens aufgrund von individuellen Erfahrungen, die man mit der Polizei gemacht habe. «Waren diese positiv, ist man über unsere Arbeit froh. Waren sie negativ, sind wird die Bösen.»

Kindern während der Arbeit zuwinken

Dass die Polizei nicht immer nur als Helfer agieren kann, verstehen auch heute viele nicht. Und doch erwarten irgendwie alle, dass sie sämtliche Probleme löst.

«Sich ständig rechtfertigen zu müssen, kann sehr anstrengend sein. Ein bisschen mehr Verständnis für unseren Beruf seitens der Bevölkerung würde viel bewirken.»

Anfangen damit könne man schon bei den Kindern. Gerade für diese sei es wichtig, dass sie den Polizeiberuf im richtigen Licht sähen, erklärt Sabrina Schmitter weiter. «Ich erlebe leider immer wieder, wie Eltern ihren Kindern Angst machen.» Mit Aussagen wie «Die Polizei kommt und holt dich, wenn du nicht brav bist» vermittle man ein völlig falsches Bild. «Kein Wunder, haben die Kinder Angst vor uns, wenn sie uns sehen. Ein unschönes Gefühl.» Die Polizisten versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie auf Patrouille den Kindern auf der Strasse zuwinken.

Seit ihrer Polizeiausbildung hat Sabrina Schmitter einen anderen Blick auf die Gesellschaft. Während die Welt für sie früher völlig in Ordnung war, sieht sie heute manche Dinge anders. Sie erlebe bei der Arbeit viele schwierige Situationen, da stumpfe man schon etwas ab.

(Bild: Raphael Rohner)
Die Polizistin Sabrina Schmitter ist im Kanton St.Gallen bei der Kantonspolizei. Zu ihren Aufgaben...(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
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(Bild: Raphael Rohner)
(Bild: Raphael Rohner)
12 Bilder

Auf Patrouille mit einer Polizistin im Kanton St.Gallen

13:00 Uhr

Über eine Stunde dauert die Kontrollfahrt durchs Rheintal, ehe der erste Einsatz über Funk reinkommt. Beim Grenzübergang in Diepoldsau wird einer Frau die Weiterfahrt nach Österreich verwehrt.

Am Grenzübergang in Diepoldsau warten die Grenzwächter bereits auf die beiden Polizisten. Durch die tägliche Zusammenarbeit kennen sich die meisten Beteiligten. Die Begrüssung fällt kurz aus, ein «Hallo, wie geht’s?». Danach wendet sich jeder wieder der Arbeit zu. Sabrina Schmitter ist auch hier, unter fünf Männern, die einzige Frau.

Geschlechterbonus beim Verhör

In dem knapp zweieinhalb Meter breiten Zollhäuschen aus Glas wartet die festgehaltene Frau in einem Nebenraum. Die Zollbeamten setzen Schmitter in Kenntnis, dass gegen die Frau ein Verfahren wegen einer nicht bezahlten Busse läuft. Sie habe angegeben, kein Geld mehr zu haben und die Strafe von mehreren hundert Franken nicht bezahlen zu können. «Wenn dem so ist, muss sie die Strafe im Gefängnis absitzen», entgegnet die Polizistin und begibt sich in den Verhörraum.

Ein Verhör von Frau zu Frau: Bei gewissen Einvernahmen spielt das Geschlecht des Polizisten eine wesentliche Rolle.

Ein Verhör von Frau zu Frau: Bei gewissen Einvernahmen spielt das Geschlecht des Polizisten eine wesentliche Rolle.

Ihr Dienstkollege bleibt der Befragung fern, beobachtet lieber alles vom Nebenraum aus. Eingreifen werde er nur, wenn es ihn brauche, sagt er. Dass nun ein Verhör von Frau zu Frau stattfindet, war eine bewusste Entscheidung. Denn bei gewissen Einvernahmen spiele das Geschlecht des Polizisten eine wesentliche Rolle, ergänzt Schmitters Kollege. In der Praxis habe sich erwiesen, dass es bei weiblichen Opfern von Sexualdelikten, häuslicher Gewalt oder bei Kindern von Vorteil sei, wenn Einvernahmen von Polizistinnen durchgeführt würden und nicht von Polizisten. Und auch im Umgang mit widerspenstigen Personen helfe manchmal das Feingefühl einer Frau. Seine Kollegin habe nur durch Reden und Zuhören schon diverse Fälle gelöst. «Wir Männer gehen da manchmal nicht so geduldig vor.»

Der Blick in den Verhörraum durch die dicke Glasfront bestätigt seine Feststellungen. Sabrina Schmitter hört gelassen zu, ihre Lippen bewegen sich langsam, sie scheint ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Hin und wieder gestikuliert sie und wirft der beschuldigten Frau auch einen ernsten Blick zu. Nach gut 20 Minuten ist alles vorbei, die Polizistin beendet das Verhör, die Frau konnte die Busse bezahlen, der Fall ist damit erledigt.

13:45 Uhr

Nach dem Vorfall am Grenzübergang Diepoldsau begeben sich die beiden Polizisten wieder auf Patrouille. Auf der Autobahn kommt es zu einem Zwischenfall.

Wieder zurück auf der Autobahn, beobachten die Polizisten den Verkehr. Während die 31-Jährige noch vom Geschlechterbonus und von Befragungen erzählt, erblickt sie aus den Augenwinkeln einen Lastwagen mit Anhänger. Tonnenschwer beladen, fährt dieser in hohem Tempo über die Fahrbahn. Als ehemaliger Lastwagenfahrerin fallen Sabrina Schmitter die Kraftfahrzeuge immer sofort auf. Und plötzlich geht es schnell: Sie sieht, dass der Fahrer einen Schlenker macht und dass er seine Hände nicht am Steuer, sondern am Handy hat. «Das ist einfach gefährlich. Genau das wollen wir nicht», sagt die 31-Jährige. Sein Fehlverhalten hat eine Kontrolle zur Folge.

Während ihr Kollege die Fahrzeugpapiere überprüft und mit dem Chauffeur über den Vorfall spricht, inspiziert Sabrina Schmitter jeden Winkel des Lastwagens: Bremsscheiben, Reifenprofile, Sicherung der Ladung. Auch das gehöre zu ihrem Beruf. Viele wüssten nicht, was es heisse, Polizistin zu sein, sagt sie. Der Irrglaube, Polizisten würden immer nur Schwerverbrecher jagen, Mordfälle aufklären und Spannendes wie in Krimiserien erleben, täuscht.

«Das breite Aufgabenspektrum des Polizeiberufs verlangt uns viele Fähigkeiten ab. So müssen wir eben auch Autofahrer und den Schwerverkehr kontrollieren. Wie sonst wären unsere Ostschweizer Strassen sicher?»

Genau diese Abwechslung ist es, die Sabrina Schmitter an ihrer Tätigkeit schätzt und die sie im Alter von 27 Jahren dazu brachte, Polizistin zu werden.

Zu Sabrina Schmitters Aufgaben gehört nicht nur das Lösen von Fällen, sondern auch das Inspizieren von Autos und Lastwagen.

Zu Sabrina Schmitters Aufgaben gehört nicht nur das Lösen von Fällen, sondern auch das Inspizieren von Autos und Lastwagen.

14:45 Uhr

Seit mittlerweile zweieinhalb Stunden sind die beiden Polizisten unterwegs auf Streife. Mit zwei Fällen waren sie in dieser Zeit konfrontiert. Ob noch weitere folgen?

Nach kurzer Rücksprache über Funk mit der Zentrale beschliessen die Polizisten, ihre Essenspause kurzfristig vom Dienstwagen in eine Bäckerei zu verlegen. Solche Momente seien selten und Luxus, sagt sie. In einer stressigen Schicht bleibe oft kaum Zeit, sich zu verpflegen.

«Für den Notfall nehme ich ein Sandwich mit, um immer mal wieder einen Happen zu essen.»

In der Bäckerei kennt man die beiden bereits. Die Verkäuferin hinter der Theke nimmt die Bestellungen entgegen und weist ihnen einen Tisch im Café zu. In diesem sitzen an jenem Nachmittag vorwiegend Rentner, die Kaffee und Kuchen geniessen. Mittendrin Sabrina Schmitter und ihr Dienstkollege.

Dass die beiden von den anderen Gästen angestarrt werden, stört sie nicht. «Wir sind uns die Blicke gewohnt», sagt die 31-Jährige. Bei solchen Pausen sei es auch schon vorgekommen, dass die Leute sie ansprächen, sich für die Polizeiarbeit bedankten oder sie über den Beruf ausfragten. Dann erzähle sie jeweils gerne über ihre Tätigkeit. «Es zeigt, dass es nicht allen Leuten egal ist, was wir machen.»

Ihr privates Umfeld habe teilweise speziell reagiert, als sie zur Polizei gegangen sei, blickt Sabrina Schmitter zurück. Einige hätten sich etwas von ihr distanziert und ihren Entschluss gar belächelt. Und auch in der Familie seien am Anfang nicht alle begeistert gewesen, als sie verkündete, sie gehe zur Polizei. Ihr Vater war überrascht. Die Mutter – ebenfalls eine ehemalige Lastwagenfahrerin – war von Anfang an stolz auf sie. Heute stehen beide Elternteile hinter ihrer Entscheidung.

15:30 Uhr

Schauplatz des dritten Einsatzes ist erneut ein Zollübergang. Diesmal müssen die Polizisten nach St.Margrethen. Ein Mann wird festgehalten und darf die Grenze nicht passieren. Sein Auto wurde konfisziert.

Als Schmitter und ihr Kollege vor Ort eintreffen, werden sie direkt zum beschlagnahmten Wagen geführt. Die beiden zeigen sich sichtlich überrascht. Das Profil der Reifen ist kaum noch vorhanden. Ob solch leichtsinnigem Verhalten schüttelt die Polizistin den Kopf und sagt: «Schnee oder Starkregen auf der Strasse, und der Wagen wäre zur Gefahr für den Lenker und andere Menschen geworden.»

Obwohl die Polizistin ihrem Ärger manchmal gerne Luft machen möchte, beherrscht sie sich bei den Befragungen.

Obwohl die Polizistin ihrem Ärger manchmal gerne Luft machen möchte, beherrscht sie sich bei den Befragungen.

Während ihr Dienstkollege fürs Protokoll Beweisaufnahmen von den Reifen macht, befragt die 31-Jährige den Fahrer. Statt ihrem Ärger über das grobfahrlässige Verhalten Luft zu machen und den Fahrzeugbesitzer zurechtzuweisen, erklärt sie ihm ruhig und geduldig den Sachverhalt und die Konsequenzen daraus. Von aussen wirkt die Befragung streng, aber kontrolliert – die Polizistin scheint alles im Griff zu haben. Der fehlbare Lenker schaut respektvoll zu ihr, erhebt kein einziges Mal die Stimme, sondern nickt nur einsichtig. Rund 20 Minuten dauert es, dann ist auch dieser Fall geklärt.

Sich gegen rechthaberische Männer behaupten

Erneut hat die 31-jährige Rheintalerin Fingerspitzengefühl bewiesen. «Ein harter, belehrender Ton wäre in diesem Fall kontraproduktiv gewesen», sagt sie. Das Ziel sei immer, dass die Autofahrer aus ihren Fehlern lernten und diese nicht wiederholten. Wenn man zu forsch auftrete, erreiche man manchmal genau das Gegenteil.

Dass sie sich Tag für Tag auch gegen rechthaberische Männer behaupten muss, gehört für Sabrina Schmitter zum Beruf. «Das klappt mal gut, mal weniger gut.» Grundsätzlich würden die meisten aber nicht zwischen Mann und Frau unterscheiden, für sie seien alles Polizisten. Natürlich gibt es hin und wieder Fälle, wo auch sie beleidigt und beschimpft wird – meistens dann, wenn Alkohol im Spiel ist. Allerdings sei sie noch nie gröber beschimpft worden, wie sie sagt. Und auch Gewalt gegen sie habe sie glücklicherweise noch nie erlebt. Geschützt davor sei sie aber nicht, denn auch sie könne jederzeit in eine gewalttätige Auseinandersetzung geraten.

«Das ist das Risiko unseres Berufes. Ich bin daher froh, wenn ich am Abend unbeschadet nach Hause komme und meine Liebsten in die Arme schliessen kann.»

16:30 Uhr

Vom Zollamt St.Margrethen gehen die Polizisten wieder auf Patrouille. Es vergehen keine zehn Minuten, da erhalten sie über Funk schon den Auftrag für den nächsten Fall. Eine tote Person wurde in ihrem Haus gefunden.

Zu einem Todesfall ausrücken zu müssen, ist für jeden Polizisten eine spezielle Sache. Ein Grund: Man weiss nie, welche Situation man vorfindet. «Wir müssen auf alles gefasst sein», erklärt die 31-Jährige. Je nach Vorfall seien die Dinge, die man zu sehen bekomme, nicht alltäglich. Manche Erlebnisse bleiben im Gedächtnis haften und verändern teils auch die Persönlichkeit - aber nicht nur negativ

Für sie sei es am schlimmsten, wenn Kinder im Spiel seien, sagt Sabrina Schmitter. Mit Schrecken denkt sie auch an das Zugsdrama von Salez zurück. Ein 27-jähriger Schweizer hatte im August 2016 Zugreisende mit Brandbeschleuniger und einem Messer angegriffen. Die Flüssigkeit geriet in Brand. Der Täter verletzte sechs Personen und sich selbst. Ein Helfer, der sich auf dem Perron befand, wurde verletzt, als er den brennenden Täter aus dem Zug riss. Beim Vorfall starben zwei Menschen. Sabrina Schmitter war eine der ersten Polizistinnen vor Ort. Noch heute ziehe sich alles in ihr zusammen, wenn sie daran zurückdenke, erzählt sie. Es sei ein normaler Tag gewesen, als plötzlich der Notruf eingegangen sei. Am Unglücksort fanden sie und ihre Kollegen etliche verletzte Personen vor, zahlreiche Polizisten und Feuerwehrleute waren im Einsatz.

Sie selber habe an jenem Tag einfach funktioniert, nichts hinterfragt. Erst als sie nach der Schicht nach Hause gekommen sei, habe sie realisiert, was geschehen sei – dann sei sie in Tränen ausgebrochen.

«Das, was ich in Salez gesehen und erlebt habe, ist bis heute in meinem Gedächtnis.»

Das Zugsdrama habe sich nicht nur in ihrem Kopf festgebrannt, es habe sie auch als Menschen verändert. Wegen der zahlreichen Falschmeldungen damals konsumiere sie kaum noch Nachrichten auf Online-Portalen. Auch fahre sie nicht gerne Zug, und in grossen Menschenmengen schaue sie genau hin, wer sich in ihrer Nähe befinde.

«Es war okay, Hilfe zu holen»

Einfach abhaken konnte die 31-Jährige das Ereignis in Salez nicht, und doch wollte sie keine Schwäche zeigen. «Ich wollte stark sein und unter Beweis stellen, dass der Vorfall keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Doch ich musste lernen, dass ich mich nicht immer beweisen muss, sondern dass es okay ist, Hilfe zu holen.» Das habe sie dann auch getan. Heute ist sie froh, den Schritt gewagt zu haben. Denn: Es habe sie zu einem stärkeren und belastbareren Menschen gemacht.

Auf halbem Weg werden die beiden Polizisten vom Todesfall wieder abgezogen. Eine andere Patrouille war gerade in der Nähe und ist bereits im Haus des Toten eingetroffen.

17:00 Uhr

Anstelle des Todesfalls wird Sabrina Schmitter und ihrem Kollegen ein anderer Vorfall zugewiesen: ein Einbruch in einem leerstehenden Haus in Altstätten.

Der Einbruch wird Sabrina Schmitters letzter Fall an diesem Tag sein. Vor kurzem mit den Gedanken noch beim Zugsdrama von Salez, hört die 31-Jährige nun konzentriert die Informationen ab, die sie über Funk erhält.

Einer der Geschädigten wartet bereits auf die beiden Polizisten. Er schildert ihnen seine Beobachtungen, danach machen sich beide selber ein Bild vom Tatort. Mit Taschenlampen, Handschuhen und Kamera inspizieren sie das Haus und suchen nach Einbruchsspuren.

Nachdem die 31-Jährige die Personalien der Geschädigten aufgenommen und alle nötigen Informationen im Protokoll vermerkt hat, brechen sie und ihr Kollege langsam wieder auf in Richtung Polizeistützpunkt. Die Schicht neigt sich kurz vor 19 Uhr dem Ende zu. Draussen ist es bereits dunkel.

Auf dem Polizeistützpunkt angekommen, steigen Sabrina Schmitter und ihr Kollege erleichtert aus dem Dienstfahrzeug. «Jeder Tag, an dem wir unbeschadet nach Hause kommen, ist ein guter Tag», sagt die Polizistin. Und so freut sie sich am Ende einer achtstündigen Schicht auf die einfachen Dinge des Alltags: eine Dusche, ein selbstgekochtes Abendessen und Zeit mit ihrem Freund. Polizisten würden sich in vielerlei Hinsicht von anderen Menschen unterscheiden, sagt Sabrina Schmitter und fügt an:

«Auch wir haben unsere Ängste und Sorgen. Denn letztendlich steckt in jeder Polizeiuniform auch nur ein Mensch.»

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