Mit dem Imam auf der Schulbank

Wer Menschen mit fremden Religionen besser verstehen will, muss sich mit ihnen auseinandersetzen. St. Gallen führte erstmals mit den christlichen Landeskirchen und den Islamischen Gemeinden Ostschweiz einen «Integrationskurs» durch.

Markus Rohner
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Die ökumenische Gebetsgruppe in der Kirche Halden in St. Gallen. (Bild: pd)

Die ökumenische Gebetsgruppe in der Kirche Halden in St. Gallen. (Bild: pd)

ST. GALLEn. Irgendwo haben wir alle schon mal von fremden Religionen und Kulturen gehört. Moslems beten in der Moschee und trinken keinen Alkohol. Juden essen kein Schweinefleisch und feiern am Samstag den Sabbat. Und vom Buddhismus glauben wir zu wissen, dass er als friedliebend gilt. Alles klar? Überhaupt nicht! Geht es um fundiertes Wissen über fremde Religionen und Kulturen, stossen viele Schweizer schnell an ihre Grenzen.

Die zunehmenden weltweiten Migrationsbewegungen werden in Zukunft zu noch mehr kulturell, weltanschaulich und religiös pluralen Gesellschaften führen. Dieser Pluralismus stellt eine Bereicherung dar, er führt aber auch zu tiefgreifenden Irritationen und Konflikten.

Das Fremde kennenlernen

St. Gallen, in der Ausländerpolitik ein strenger Kanton, tut etwas für die Integration der fremden Menschen.

Wenn sich diese abschotten und untereinander keine Gespräche geführt werden, können sich Menschen aus einer kulturellen und religiösen Minderheit nie oder nur schwer in die Schweizer Gesellschaft integrieren. Aus diesem Grund haben vor fünf Jahren der Kanton St. Gallen, die christlichen Landeskirchen und andere Religionsgemeinschaften die «St.

Galler Erklärung» unterzeichnet, mit der das friedliche Zusammenleben der Religionen und der interreligiöse Dialog gefördert werden sollen.

Vor einem Jahr ist St. Gallen als erster Kanton zur Tat geschritten und hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur den Kurs «Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext» für religiöse Betreuungspersonen aller Glaubensgemeinschaften durchgeführt. Ende Mai haben die ersten Teilnehmer den Kurs abgeschlossen.

Interreligiöser Dialog

«Es gibt viele interkulturelle Kurse», sagt Christoph Balmer-Waser, 44, soziokultureller Animator beim katholischen Sozialdienst der Stadt St. Gallen, «aber die Religion wird immer ausgeschlossen.» Dabei spiele diese im zwischenmenschlichen Zusammenleben eine wichtige Rolle. Im Kurs traf der Christ Balmer auf den türkisch-schweizerischen Moslem Reha Özkarakas aus Rickenbach bei Wil und die bosnische Muslima Elvira Zukanovi? aus St. Gallen.

Mit zwei anderen Christen und zwei Moslems – darunter ein Imam aus Zürich – haben sie an zwei Dutzend Kurstagen die Schulbank gedrückt und fundierte Einführungen ins Christentum, in den Islam und andere Religionen erhalten. Sie haben auch etwas über die Geschichte des religiösen Zusammenlebens in der Schweiz und die Entstehung der religiösen Vielfalt im 20. und 21. Jahrhundert erfahren.

«Wir haben gelernt, wie wir mit dieser religiösen Vielfalt umgehen und sie für ein friedliches Mit- und Nebeneinander nutzen können», sagt Elvira Zukanovi?, 38, Dolmetscherin und Mutter von zwei Töchtern, die immer wieder staunt, was bei uns nicht alles unter dem Begriff «Islam» diskutiert wird. Auch Reha Özkarakas, ein 23jähriger IT-Supporter, der als Einjähriger aus der Türkei in die Schweiz gekommen und praktizierender Moslem ist, hat im Kurs viel über das multireligiöse und -kulturelle Leben in seiner neuen Heimat erfahren.

«Der Kurs hat mir Wissen vermittelt, das mir hilft, die anderen Religionen besser zu verstehen.» Dass sich ein Jugendlicher heute im Dachverband Islamischer Gemeinschaften engagiert und sich mit religiösen Fragen beschäftigt ohne ein Fundamentalist zu sein, ist eher aussergewöhnlich. «Ich bin in einer multikulturellen Gesellschaft aufgewachsen und merke, dass sich heute immer mehr junge Menschen, egal welchen Glaubens, im guten Sinn und nicht fundamentalistisch mit Fragen der Religion auseinandersetzen.»

Hilfe für die Praxis

«Wir haben nicht im Elfenbeinturm miteinander diskutiert», sagt Balmer. Ganz im Gegenteil: Weil alle Absolventen beruflich mit Integrationsfragen zu tun hatten, wurde nicht nur über Glaubensinhalte debattiert. «Das reale gesellschaftliche Leben in der Schweiz hat immer auch mit hineingespielt», sagt Balmer. Um Konfliktpotenzial im interkulturellen Kontext früh erkennen und bearbeiten zu können, sei daher handlungsorientiertes Wissen stark vermittelt worden.

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