Missstimmung, Hass und ein schwerer Unfall: Wie die Ferien einer Thurgauerin in Marokko zum Albtraum wurden

Elisabeth Siegfried* reist mit dem Car nach Marokko. Dort wird sie Zeugin eines Flüchtlingsdramas – und menschlicher Abgründe. Zurück kommt sie verletzt, noch jetzt muss sie lernen, ihren Alltag wieder zu bewältigen.

Peter Aeschlimann
Hören
Drucken
Teilen
Marokko: Blick auf Tanger. Die Hafenstadt liegt an der Meerenge von Gibraltar. (Bild: Getty)

Marokko: Blick auf Tanger. Die Hafenstadt liegt an der Meerenge von Gibraltar. (Bild: Getty)

Die Bilder gehen ihr nicht aus dem Kopf. Nachts, wenn sie nicht einschlafen kann, ist es am schlimmsten. Dann sitzt Elisabeth Siegfried* plötzlich wieder im Reisecar. Schaut in die Gesichter der Kinder, hört das Gejohle der Mitreisenden. Erst wenn der Fahrer auf die Bremse drückt, reisst der Film vor ihrem inneren Auge ab. Die Schmerzen bleiben.

Vor 15 Jahren war Elisabeth Siegfried bereits einmal in Marokko. Sah Rabat und Casablanca. Damals besuchte sie eine Verwandte, die für die Uno arbeitete. Doch sie wollte tiefer in das faszinierende Land eintauchen, die Menschen und ihre Kultur besser kennenlernen. Die Sonne geniessen.

Im Frühling buchte sie eine zwölftägige Carreise bei einem Frauenfelder Unternehmen. Die 69-jährige Rentnerin freute sich.

Demnächst beginnt Elisabeth Siegfried eine Traumatherapie bei einem Psychiater im Thurgau. Um die furchtbaren Bilder loszuwerden, die sie seit ihrer Rückkehr heimsuchen.

Jugendliche stürzen sich auf den Car

Es geschah am vorletzten Reisetag. In der Hafenstadt Tanger, wo die Fähre nach Spanien ablegt. Eine lange Gerade führt zu den Piers, zahlreiche Kreisel, viel Betrieb. Der Carfahrer, Seniorchef des Unternehmens, kennt die Strecke von früheren Fahrten. Und die Risiken. «Ab jetzt herrscht ein absolutes Aufstehverbot», hatte er seinen Gästen gesagt, bevor er mit seinem Bus auf den breiten Boulevard einbog.

Am Strassenrand warteten Dutzende Jugendliche, die im goldenen Car aus der Schweiz ihre Chance auf eine bessere Zukunft in Europa sahen. Als das Fahrzeug bei einem Kreisel anhalten musste, sprinteten sie los. Krallten sich an der Karosserie fest, versuchten, irgendwie in die Radkästen zu klettern. Ein Alptraum.

Der Fahrer drückte aufs Gas. Elisabeth Siegfried sagt, er sei Zickzacklinien gefahren, habe immer wieder beschleunigt und dann jäh abgebremst. Im Innern des Cars habe eine riesige Aufregung geherrscht.

«Da kommt wieder einer», schrie jemand. «Das sind genau die Sauchogen, die wir dann durchfüttern müssen!»

Die jungen Menschen seien von überallher gekommen. Sie stürzten sich unter den Bus, verschwanden aus ihrem Blickfeld. Er schüttle die Leute jetzt ab, habe der Chauffeur gesagt. Abschütteln. Allein dieses Wort. «Ich habe Kinder gesehen», sagt Siegfried. Für die anderen sei das Ganze ein Gaudi gewesen.

Siegfried sass allein am Fenster, unfähig, zu reagieren. Ein Alptraum. Wem hätte sie auch etwas sagen sollen? Viele der anderen Gäste schienen sich zu kennen, von früheren Ausflügen und Ferienreisen mit demselben Unternehmen. Eine Spezialität des Anbieters ist das Abholen der Gäste direkt vor der Haustür. Das schweisst zusammen.

«Du musst halt nicht rumvögeln, dann bekommt du keine Gofen.»

Sie habe sich von Anfang an als Aussenseiterin gefühlt, sagt Elisabeth Siegfried. Als die Gruppe über einen Markt in Marrakesch schlenderte, habe ein älterer Mann einer Bettlerin, die mit ihrem Kleinkind in einer staubigen Ecke sass, zugeraunt: «Du musst halt nicht rumvögeln, dann bekommst du auch keine Gofen.» Und als in einem Wüstenzelt eine Musikgruppe mit traditionellen Instrumenten aufspielte, zischte jemand: «Fahrt endlich ab mit eurer Katzenmusik!» Siegfried schämte sich.

Nach einem weiteren Stopp bei einem Kreisel vernahm Elisabeth Siegfried im Bus ein dumpfes Klopfen. Als würde jemand auf Metall schlagen. In der Sitzreihe hinter ihr rief einer: «Hört ihr das auch?» Hatte einer der schmächtigen, dunkelhäutigen Buben es geschafft, sich an der Unterseite des Cars festzuhalten? Siegfried hatte Angst. Was, wenn jemand überfahren wird?

Der klopfe nicht mehr lange, habe darauf der Chauffeur gesagt. Siegfried war entsetzt, konnte nicht begreifen, was da gerade passierte.

«Es war unmenschlich, respektlos.»

Gemäss einer Uno-Statistik sind in den vergangenen zwei Jahren weniger Migranten über das Mittelmeer gereist als in den Vorjahren. Im ersten Halbjahr 2019 ist die Zahl der illegalen Grenzübertritte in die EU um einen Drittel auf 37 100 gesunken. Dieser Trend trifft jedoch nicht auf alle europäischen Länder zu. So ist etwa in Spanien die Zahl der Eintreffenden diesen Sommer markant angestiegen. Die Migranten riskieren dabei ihr Leben nicht bloss bei gefährlichen Bootsfahrten. Lukas Rieder, Sprecher beim Staatssekretariat für Migration, sagt:

«Migranten verwenden versteckt auch Verkehrsmittel wie Züge oder Lastwagen auf Fähren.»

Der Chef eines Schweizer Reiseunternehmens bestätigt, dass die Situation in Tanger unter den Carchauffeuren ein Thema sei. Immer wieder berichten die Zeitungen von diesen Dramen. So holten Polizisten im spanischen Sevilla vor zwei Jahren einen 15-jährigen Jungen unter einem britischen Reisebus hervor, nach einer über 230 Kilometer langen Fahrt.

Die Skyline von Marokko (Bild: Alamy)

Die Skyline von Marokko (Bild: Alamy)

Nachdem im Bus etwas Ruhe eingekehrt war, löste Elisabeth Siegfried ihren Sicherheitsgurt. Sie war nervös, musste dringend auf die Toilette. Als sie die schmale Kabine wieder verliess, herrschte eine Reiseleiterin sie an: Es bestehe Angurtpflicht, sie solle sich sofort hinsetzen. In diesem Moment drückte der Chauffeur abermals auf die Bremse.

Siegfried wurde durch den Gang geschleudert. Von der Mitte des Fahrzeugs, wo sich die Toilette befand, bis fast ganz nach vorne. Als sie wieder zu sich kam, fühlte sie einen entsetzlichen Schmerz in der rechten Schulter. Jemand reichte ihr zwei Ponstan.

«Die Fahrt nach Tanger ist heikel», sagt der Chauffeur und Reiseunternehmer zum Beobachter. Deshalb habe er seinen Gästen auch ein striktes Aufstehverbot erteilt. 17 Leute hätten sich daran gehalten, Frau Siegfried nicht. In Tanger gebe es jedes Mal Probleme mit jungen Migranten, die nach Spanien wollten.

«Als wir in diesem Frühling zum Zoll kamen, haben die Beamten noch fünf herausgeholt.»

Dass Elisabeth Siegfried ihren Sitz verlassen hatte und auf die Toilette ging, will er nicht mitbekommen haben. «Ich habe mich auf den Verkehr konzentriert», sagt er. «Sie ist selber schuld.»

Zu diesem Schluss kommt auch die Haftpflichtversicherung des Fahrers. Im Bescheid, den Elisabeth Siegfried von ihrer Anwältin bekommen hat, heisst es: «Aufgrund der Schilderungen der Mobiliar-Versicherung muss leider davon ausgegangen werden, dass Ihr Verschulden am Unfall schwer wiegt und damit den Halter keine Haftung trifft.»

Es habe vor dem besagten Fahrabschnitt eine Pause gegeben, in der die Möglichkeit bestanden hätte, eine Toilette aufzusuchen. Anschliessend seien Warnungen durch den Busfahrer erfolgt, dass ein Aufstehverbot und Anschnallpflicht herrschen. «Indem Sie diese Hinweise missachtet haben und sich trotzdem auf die Toilette begeben haben, mussten Sie zumindest in Kauf nehmen, dass es zu einem Schaden kommen kann.»

«Das kommt Sie aber teuer zu stehen.» – «Das ist mir egal.»

An die Ereignisse nach dem Unfall kann sich Elisabeth Siegfried nur noch bruchstückhaft erinnern. Als der Chauffeur sie auf der Fähre fragte, ob sie zu einem Arzt wolle, verneinte sie. Sie wollte nur noch nach Hause. Mit dem Flieger und nicht, wie ursprünglich geplant, mit dem Bus. «Das kommt Sie aber teuer zu stehen», habe der Chauffeur bloss gemeint. «Das ist mir egal, ich halte es nicht mehr aus», habe sie geantwortet.

Die anderen Reisegäste interessierten sich nach dem Unfall noch weniger für Elisabeth Siegfried. Im Hotel bot ihr jemand zwar an, beim Tragen der Koffer zu helfen. Ansonsten blieb sie für sich. Ein Schal diente ihr als Armschlinge, die letzte Nacht der Ferien verbrachte sie angezogen und wach. Die Schmerzen waren zu stark. Sie sagt:

«Ich war einfach nicht mehr richtig da, fühlte mich wie in Trance.»

Nach der Landung in Zürich brachte sie ein Mitarbeiter des Carunternehmens ins Spital Münsterlingen TG. Dort stellte man eine schwere Verletzung des Schultergelenks fest. «Meine rechte Schulter war regelrecht zertrümmert», sagt Siegfried. Nach rund zwei Wochen konnte sie die Klinik wieder verlassen – mit einem künstlichen Schultergelenk unter der Haut und einer dicken Narbe, die vom Ellbogen bis unter den Hals reicht.

Eine Mitreisende Siegfrieds will sich gegenüber dem Beobachter nicht zu den Vorgängen im Reisebus äussern.

«Das ist abgehakt. Was passiert ist, ist passiert. Ich habe es längst vergessen.»

Andere Gäste reagierten gar nicht erst auf die Anfragen des Beobachters oder waren nicht erreichbar. Der Chauffeur sagt, er sei bloss 30 Kilometer pro Stunde gefahren. Bei einer Vollbremsung seien da zwar grosse Kräfte im Spiel. Dennoch hält er die Schilderungen Siegfrieds für übertrieben.

Der Arzt in Münsterlingen, der sie operierte, schreibt: «Grundsätzlich ist es möglich, dass eine entsprechende Verletzung durch einen einfachen Sturz verursacht werden kann. Die Definition eines solchen überlasse ich Ihnen.» Siegfrieds Psychiater, bei dem sie wegen ihrer posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung ist, attestiert ihr eine hohe Glaubwürdigkeit. Elisabeth Siegfried kämpft mit den Tränen: «Das Verhalten der anderen hat mich einfach enttäuscht.»

Zweimal pro Woche geht sie in die Physiotherapie, gegen die Schmerzen schluckt sie starke Opiate. Im Alltag muss Siegfried vieles neu lernen. Sie kann nur noch mit der linken Hand essen, hat Mühe beim Aufhängen der Wäsche und beim Haarewaschen. Die Bilder, glaubt sie, werden sie noch lange verfolgen. Die Gesichter dieser Kinder, ihre Entschlossenheit und Verzweiflung, sie bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf.

Hinweis: Dieser Text erschien zuerst im «Beobachter» 23/2019 – der Name der Protagonistin ist geändert.

Marokko meldet Seenotrettung von 271 Migranten

Das Militär in Marokko hat am vergangenen Wochenende 271 Migranten mit Ziel Europa im Mittelmeer aus Seenot gerettet. Sie seien in 18 Booten unterwegs gewesen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur des Landes.