MISSBRAUCH: «Wir regeln nichts intern»

ST.GALLEN. Für Markus Büchel, den Bischof von St.Gallen, ist klar: Sexuelle Übergriffe sollen nicht mehr kirchenintern behandelt werden. «In diesem Zusammenhang sind Fehler gemacht worden».

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Markus Büchel, Diözesanbischof von St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Markus Büchel, Diözesanbischof von St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Bischof Markus, der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz will im Gegensatz zu Ihnen keine «schwarze Liste». Wie stehen Sie dazu?

Markus Büchel: Die Bischofskonferenz wird sich zu dieser Frage austauschen und weitere Schritte besprechen. Vorläufig kann ich nur sagen, dass wir Bischöfe dort unsere Ideen und Vorgehensweisen einbringen und diskutieren werden. Was Bischof Norbert Brunner zum Thema «schwarze Liste» genau gesagt hat, werde ich dann erfahren.

Im Bistum St. Gallen befasst sich ein Fachgremium mit Missbrauchsfällen. Wird es von sich aus aktiv oder erst, wenn ein Fall an das Gremium herangetragen wird?

Büchel: Das Gremium kann beide Wege beschreiten. Von sich aus aktiv wird es vor allem in der Prävention. Sicher wird es immer aktiv, wenn ein Fall an das Gremium herangetragen wird – ob von Betroffenen direkt oder über Drittpersonen.

Wer gehört zum «unabhängigen Fachgremium» und wer ernennt die Mitglieder?

Büchel: Das Fachgremium ist ein Beratungsorgan für den Bischof. Ich selber ernenne die Mitglieder. Die aktuelle Zusammensetzung: Präsidentin ist die Juristin Edith Brunner, St. Gallen. Vizepräsidentin ist Margrith Giger, Sozialarbeiterin bei der Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen.

Als Ansprechpersonen sind Yvonne Steiner, Theologin und psychologische Beraterin, Schwellbrunn, und Georg Schmucki, Pfarrer und Kanonikus, Niederuzwil, tätig. Die Bistumsleitung vertritt Personalleiter Peter Lampart, St. Gallen.

Welche Kompetenzen hat das Gremium?

Büchel: Es beurteilt die Sachverhalte und entscheidet über die Massnahmen, die einzuleiten sind. Diese gibt es als Empfehlungen an mich weiter. Ich ordne die Umsetzung der Empfehlungen an. Das Fachgremium kontrolliert, ob die Massnahmen durchgeführt wurden.

Wer entscheidet, ob eine Anzeige erfolgt?

Büchel: Ob Anzeige erstattet wird, können grundsätzlich alle Beteiligten entscheiden. In erster Linie ist es das Opfer; der Täter kann eine Selbstanzeige machen. Das Fachgremium selber erstattet keine Anzeigen; es kann aber nebst den Betroffenen auch mir empfehlen, dass ich Anzeige erstatte.

Was macht das Gremium, wenn ein Opfer keine Anzeige will?

Büchel: Die Empfehlungen des Fachgremiums an mich enthalten immer auch Massnahmen zum Schutz des Opfers. Es kann sein, dass ein Opfer sich aufgrund der Unterstützung durch die Opferhilfe oder eine andere therapeutische Fachperson später dazu entschliesst, doch noch eine Anzeige zu machen. Man kann es aber nicht dazu zwingen, was einem weiteren Übergriff gleichkäme.

Die Empfehlungen des Fachgremiums zielen aber in jedem Fall darauf hin, dass ein Täter nicht weitere Übergriffe begeht. Ob das in jedem Fall zu verhindern sein wird, müsste sich noch weisen.

Was heisst, «das Fachgremium ist gemäss den Richtlinien der Bischofskonferenz der Schweigepflicht unterstellt»?

Büchel: Die Mitglieder schweigen gegenüber Dritten über alles, was sie im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit erfahren.

Das Fachgremium entscheidet, welche Informationen an wen und wann weitergegeben werden, um weitere Opfer zu verhindern.

Kann es sich die Kirche leisten, Missbrauchsfälle weiterhin intern regeln zu wollen?

Büchel: Wir wollen das nicht und wir tun es auch nicht. Es wurden viele Fehler begangen in diesem Zusammenhang. Aber unser Vorgehen zielt darauf hin, sexuelle Übergriffe nicht intern zu behandeln. Das zeigt auch die Zusammensetzung der Fachgruppe.

Wie haben sich Priester zu verhalten, die im Rahmen eines Beichtgesprächs von Missbrauch erfahren?

Büchel: Das Beichtgeheimnis ist in jedem Fall zu wahren. Ich erwarte jedoch von «meinen Priestern», dass sie allfällige Opfer oder Täter anregen, Anzeige zu erstatten oder sich bei unserer Fachgruppe zu melden. Das Beichtgeheimnis dürfen wir nicht brechen, die Menschen hätten kein Vertrauen mehr zu uns.

Aber die Beichte darf ein Ort sein, wo auch das weitere Vorgehen behandelt wird und die Betroffenen Unterstützung erfahren für notwendige weitere Schritte.

Was passiert im Bistum St. Gallen mit Mitarbeitenden, die sich eines Missbrauchs schuldig gemacht haben?

Büchel: Sie müssen sich vor einem weltlichen Gericht verantworten.

Zudem ergreifen wir alle möglichen Massnahmen, dass diese Mitarbeitenden nicht mehr in einem beruflichen Umfeld tätig sind, wo weitere Übergriffe möglich wären.

Was tut das Bistum, um auf potenzielle Täter bereits im Rahmen der Personalrekrutierung aufmerksam zu werden?

Büchel: Wir holen verschiedene verbindliche Referenzen ein. In der Ausbildung von Priestern, Laienseelsorgenden, Jugendarbeitern etc. ist Prävention gerade in diesen Fragen ein wichtiges Schwerpunktthema.

Muss die Kirche ihr Verhältnis zur Sexualität grundsätzlich überdenken?

Büchel: Die jetzige Diskussion zeigt, dass die Integration der Sexualität für eine reife Persönlichkeit eine zentrale Aufgabe ist. In der Ausbildung zu einem kirchlichen Beruf wird diesem Bereich heute auch grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Dies gilt vor allem auch für Personen, die einen zölibatären Lebensstil wählen. Dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Zölibat und Übergriffen gibt, bezweifle ich.

Ich kann nur von mir sagen: Ich bin Priester und lebe zölibatär. Der Zölibat hat für mich einen hohen Wert, was allerdings momentan sehr schwer zu vermitteln ist.

Interview: Silvan Lüchinger

(Das Interview wurde schriftlich geführt)

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