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«Mir gefällt das Wort Lesbe nicht»

Ältere Frauen, die Frauen lieben, sind in unserer Gesellschaft bis heute nicht sichtbar. Erstmals blicken in einem Buch elf Schweizer Frauen über siebzig auf ihr Leben zurück. Darunter auch zwei ganz unterschiedliche Ostschweizerinnen.
Katja Fischer De Santi
Tabuisiert und stigmatisiert – und doch immer da: Lesbische Frauen in den 1960er-Jahren in der Schweiz. (Bild: Liva Tresch)

Tabuisiert und stigmatisiert – und doch immer da: Lesbische Frauen in den 1960er-Jahren in der Schweiz. (Bild: Liva Tresch)

Sie hat es versucht. Mit Viktor. Der Sex war zwar wenig befriedigend, die gemeinsamen Gespräche aber sehr. Vielleicht wären sie zusammengezogen, wäre da nicht die Sache mit den Hemden gewesen. Respektive Viktors Wunsch, dass Margrit seine Hemden bügle, und sich wenigstens ein bisschen so verhalte wie eine «normale» Frau. Für die St. Gallerin Signal genug, dass es mit ihr und Viktor niemals klappen würde. «Warum sollte ich seine Hemden bügeln, er aber nicht meine Blusen?»

Heute ist Margrit Bernhard 81 Jahre alt. Einen Mann hat sie nie geheiratet, dafür viele Frauen geliebt, war Schwulenmami für die St. Galler Jünglinge, führte eine Frauendisco in Zürich und ist engagierte Feministin.

Eine vergessene Generation

Es sind Geschichten wie jene vom Margrit, welche die Historikern und Autorin Corinne Rufli in ihrem Buch «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» versammelt hat. Elf Lebensgeschichten von über siebzigjährigen, lesbischen Frauen in der Schweiz. Sie erzählen von einer Zeit, in der es kein Wort, keine Rechte und keine Treffpunkte für frauenliebende Frauen gab. Zum ersten Mal überhaupt erhält diese fast vergessenen Generation eine Stimme. Was sie zu erzählen haben, ist bewegend und erkenntnisreich. Es sind Biographien, die Konventionen sprengen und von der grossen Enge in unserem Land erzählen.

Wie bei der religiös erzogenen Eva Schweizer. Fast ihr halbes Leben wartete sie darauf, dass Gott, wenn er sie schon für diesen Mann bestimmt hatte, die Liebe für diese Beziehung nachliefern würde. Er tat es nicht. Sie heiratet diesen Mann trotzdem, schluchzte vor dem Altar, entwickelte Allergien und eine Depression. Erst mir 40 Jahren wagte sie ihren eigenen Wünschen nachzugeben, verliess Mann und Kinder und verliebte sich in Karin. Bis heute sind die beiden Aargauerinnen ein Paar.

Jazzmusikern Irène Schweizer hingegen wusste schon als Zwölfjährige, dass sie nie einen Mann heiraten würde. Mit 19 Jahren verliebte sie sich in eine Frau, ohne zu wissen, was es hiess, lesbisch zu sein. «Ich weiss nicht mehr, wie wir es nannten.» So erging es vielen Frauen. Sie verliebten sich immer wieder heimlich in Lehrerinnen, Freundinnen. Schämten sich für ihre Gefühle, versuchten sie zu verstecken – aus Angst, als verwirrt und abnormal zu gelten.

Feminismus und Frauenliebe

Eine grosse Einsamkeit und viele Selbstzweifel prägten ihr Leben. Oder wie es Karin Rüegg (77) formuliert: «Frauenliebe gab es nicht, es gab mich nicht.» Lesbische Frauen seien bis weit in die 1980er-Jahre weder gesellschaftlich akzeptiert noch sichtbar gewesen, schreibt denn auch Autorin Corinne Rufli in ihrer Einleitung. Man wisse von einer Organisation lesbischer Frauen in den 1930er-Jahren, doch diese löste sich schnell wieder auf. «In der bürgerlichen Schweiz gab es keinen Platz für lesbische Frauen.» Erst mit dem Frauenstimmrecht und der Erstarkung der Frauenbewegung in den 1970er-Jahren kam die Lesbenbewegung in Schwung. In den neu gegründeten Frauentreffs trafen lesbische Frauen erstmals auf Gleichgesinnte. Feminismus und Frauenliebe, das wird einem bei der Lektüre dieses Buches klar, waren in den bewegten 1970er-Jahren eng miteinander verknüpft.

Lesbe als Schimpfwort

Dass auch dies nicht ohne Probleme ablief, schildert die St. Gallerin Margrit Bernhard. «Wenn ich als Lesbe direkt diskriminiert worden bin, dann am ehesten in dieser Zeit und von heterosexuellen Frauen.» Viele engagierte Frauen hätten Angst gehabt, als Lesben abgestempelt zu werden. Wohl auch, weil es den Männern ein Stück weit gelungen war, den weiblichen Wunsch nach Gleichberechtigung als «Lesbenzeugs» abzutun.

Irgendwann war es egal

Margrit Bernhard war selbst an vorderster Front dabei, organisierte gut florierende Tanzabende für Frauen. Bis es ihr zu dumm wurde. «Ich wollte doch lesbische Politik machen! Und nicht eine Kuppelshow für Frauen organisieren.» Bernhard begann für die SP zu politisieren, sass zehn Jahre lang im St. Galler Kantonsrat, unterrichtete in Rorschach am Lehrerseminar. Offizielle geoutet habe sie sich nie. «Irgendwann war es mir einfach wurscht.» Probleme habe sie deswegen nie gehabt.

Die St. Gallerin gehört zu den wenigen im Buch porträtierten Frauen, die sich selbst als lesbisch bezeichnen. «Mir gefällt das Wort Lesbe nicht, es hat etwas Abschätziges», sagt hingegen Rita Kappeler. Die gebürtige Rorschacherin hat ihren unehelichen Sohn alleine grossgezogen. Und hat wie viele Frauen zu dieser Zeit ihr Frauenliebe offen, aber nicht öffentlich gelebt. «Wir umarmten uns nicht vor der Familie. Das hätten wir uns nie getraut.»

Stille Kämpferinnen

Margrit und Rita, Eva und Karin und auch alle anderen elf Frauen in Corinne Ruflis Buch sind nicht in erster Linie Lesben, sie sind vor allem Kämpferinnen. Die einen laut mit Transparenten und Parolen, die anderen still und privat. Ihre Biographien zeugen von einem grossen Willen. Dem Willen, sich als Frau nicht klein und unsichtbar machen zu wollen, sich das Leben nicht vom Vater, dem Ehemann oder dem lieben Gott diktieren zu lassen. Sie verdienen dafür grossen Respekt.

Corinne Rufli: Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen. Verlag Hier und Jetzt, 2015 Lesung mit Autorin und einer Porträtierten: Sonntag, 14. Juni, 17 Uhr Frauenpavillon, Stadtpark St. Gallen

Margrit Bernhard (Bild: Siggi Bucher)

Margrit Bernhard (Bild: Siggi Bucher)

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