Mint-Zentrum an der PHSG
Lehren und Lernen am Puls der Zeit: St.Galler Lehrkräfte sollen für die Mintfächer gerüstet werden

Die nächste Generation von Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieuren oder IT-Spezialisten sichern: Die Pädagogische Hochschule St.Gallen will die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik neu an einem Standort vereinen – im Hadwig-Schulhaus in St.Gallen.

Christoph Zweili
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Die Bauarbeiten am Mintzentrum an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen haben begonnen.

Die Bauarbeiten am Mintzentrum an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen haben begonnen.

Bild: Tobias Garcia

Das Labor im Raum 310 ist eine Baustelle: Von der Decke hängt die Molekularstruktur einer organischen Verbindung, die Bücher aus den Glasschränken und die Laborutensilien sind bereits weggeräumt, nur das Corpus mit der feuerfesten Platte in der Mitte und den Gasanschlüssen ist als Relikt des Chemieunterrichts übriggeblieben. Zurückgeblieben ist der Hall im leeren Raum – er zeugt von einem Schulunterricht, wie es ihn künftig nicht mehr geben wird. Zumindest nicht an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG).

Nicolas Robin, Leiter Institut Fachdidaktik Naturwissenschaften und Fachleiter Biologie.

Nicolas Robin, Leiter Institut Fachdidaktik Naturwissenschaften und Fachleiter Biologie.

Bild: Tobias Garcia

Im altehrwürdigen Hadwig-Schulhaus wird gerade die Geschichte neu geschrieben. Das zumindest erhofft sich Nicolas Robin, Leiter des Instituts Fachdidaktik Naturwissenschaften und Fachleiter Biologie. Der Professor brennt für eine Idee: Er will das gesamte Expertenwissen in der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen auf Stufe Volksschule und Sekundarschule II sowie der Forschung und Entwicklung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – den sogenannten Mintfächern – unter einem Dach vereinen, in einem 2,7 Millionen Franken teuren Mintzentrum mit modernsten Lehr- und Lernräumen, einer Medienwerkstatt mit Medienlabors sowie einer Mediathek. Es soll im September 2022 eingeweiht werden.

Das Ziel: Die Lehre (Fachwissenschaft und Fachdidaktik) und Forschung und Entwicklung sollen besser aufeinander abgestimmt werden. Eine weitere Million Franken will die PHSG über ein Crowdfunding auftreiben – «damit die neu gestalteten Minträume nicht nur Räume bleiben, sondern zu innovativen und flexiblen Lehr- und Lernorten werden».

Horst Biedermann, Rektor Pädagogische Hochschule St.Gallen.

Horst Biedermann, Rektor Pädagogische Hochschule St.Gallen.

Bild: Tobias Garcia

PHSG-Rektor Horst Biedermann betont, die immer schneller voranschreitende Entwicklung im technologischen Umfeld müsse sich auch in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften niederschlagen: «Denn nur so können wir gewährleisten, dass der Unterricht in der Volksschule und in der Berufsbildung auch in Zukunft höchsten Ansprüchen entspricht.»

Bildungschef Kölliker: «Interesse an Mintberufen bereits früh wecken»

Stefan Kölliker, Bildungschef des Kantons St.Gallen.

Stefan Kölliker, Bildungschef des Kantons St.Gallen.

Bild: Michel Canonica

Auslöser ist die exportorientierte Ostschweizer Wirtschaft. Sie ist auf technische Fachkräfte angewiesen, doch ausgerechnet in der Ostschweiz ist der Fachkräftemangel schweizweit am stärksten ausgeprägt. Um dem entgegenzuwirken, hat der Kanton vor eineinhalb Jahren bereits die IT-Bildungsoffensive lanciert. Laut Regierungsrat Stefan Kölliker sind «22 Teilprojekte schon weit fortgeschritten», wie der Bildungschef an einem Mediengespräch an der PHSG erklärt. «Es ist von zentraler Bedeutung, dass das Interesse für Mintberufe nicht erst bei der Suche nach einer Lehrstelle oder der Wahl des Studienfachs geweckt wird, sondern bereits viel früher.»

Daniela Schriebl, Studienbereichsleiterin Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften und Dozentin.

Daniela Schriebl, Studienbereichsleiterin Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften und Dozentin.

Bild: Tobias Garcia

Robin nimmt den Ansatz auf zusammen mit Daniela Schriebl, Studienbereichsleiterin Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften und Dozentin. Während Robin die zunehmende Kluft von Schul- und Laborwissenschaft generell betont, zeigt Schriebl exemplarisch am Beispiel Energie auf, wie sich angehende Lehrkräfte heute in St.Gallen mit den naturwissenschaftlichen Konzepten und Grundlagen zu Energiefragen auseinandersetzen, während sie in Gossau in der Fachdidaktik Natur und Technik die konkrete Umsetzung auf der Stufe Sekundarschule I diskutieren.

Bilder von der Baustelle

22 Bilder

Bild Tobias Garcia

Auch Robins Forderung ist klar:

«Die immer schneller voranschreitenden Entwicklungen im wissenschaftlichen, technologischen und digitalen Umfeld müssen sich in der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen inhaltlich und didaktisch widerspiegeln.»

Die Hochschule habe zwar schon viel gemacht, um die Mintfähigkeiten zu fördern, «denn nur so kann gewährleistet werden, dass der Unterricht in der Volksschule und in der Berufsbildung am Puls der Zeit bleibt». Um diesen Anforderungen aber längerfristig gerecht zu werden und in Zukunft auch den qualitativ hohen Standard der Lehrerinnen- und Lehrerbildung halten zu können, benötige die PHSG «modernere und innovativere Lehr- und Lernumgebungen im Bereich der Mintfächer».

Alle Akteure unter einem Dach zusammenbringen

Im Untergeschoss des Hadwig-Schulhauses sagt Robin auf dem Rundgang durch die Baustelle:

«Mit dem Mintzentrum bauen wir keine Insel auf der Insel – wir wollen eine neue Generation von Lehrpersonen prägen.»

Und das mit Arbeitsräumen, wie sie künftig auch auf den Oberstufen im Kanton vorstellbar seien: Fachübungsräumen für Biologie, Chemie und Physik, Vorbereitungs- und Sammlungsräumen, Lehrübungs- und Seminarräumen für Naturwissenschaften und Technik sowie Institutsarbeitsplätzen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung.

Man wolle, dass angehende Lehrpersonen ihr an der PHSG erworbenes Fachwissen auf Universitätsniveau als künftige Experten in ihren Schulen einbringen könnten. Man werde an der Hochschule daher «nicht einfach vor sich hintüfteln», sondern die «Selbstständigkeit der angehenden Lehrpersonen fördern». Wer hier von der Schule gehe, habe gelernt, interdisziplinär zu denken.