MINDERJÄHRIGE FLÜCHTLINGE: «Wir sind ihre Familie»

Im Kanton St.Gallen werden Asylsuchende unter 18 Jahren zentral im Internat Marienburg in Thal betreut. Das Fazit nach den ersten Monaten ist ermutigend – und ernüchternd.

Christoph Zweili
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105 junge Flüchtlinge sind derzeit in der Marienburg in Thal untergebracht. (Bild: Benjamin Manser)

105 junge Flüchtlinge sind derzeit in der Marienburg in Thal untergebracht. (Bild: Benjamin Manser)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Für die St.Galler Gemeinden ist klar: Ohne Berufsausbildung ist eine Integration in der Schweiz für junge Flüchtlinge nicht möglich. Der Königsweg führt über den Schulunterricht auf dem Niveau Sekundarstufe 1: Dafür bringen die Jugendlichen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit – der eine hat in seiner Heimat bereits Privatunterricht genossen, andere haben die Dorfschule kaum von innen gesehen.

Sechs Prozent dieser Flüchtlinge im Alter von 14 bis 18 Jahren teilt der Bund laufend dem Kanton St.Gallen zu – betreut werden sie seit Oktober 2016 im Auftrag der Gemeinden vom Trägerverein Integrationsprojekte St.Gallen im Internat Marienburg in Thal. Zu Beginn waren es 15 Jugendliche, seither kamen monatlich neue dazu, inzwischen sind es 105, davon 90 Prozent aus Eritrea, Afghanistan und Somalia. Die Jugendlichen müssen zum Schulunterricht, täglich von 8.30 bis 16.30 Uhr. Wer unentschuldigt fernbleibt, dem wird das Sackgeld von 4.50 Franken pro Tag um die Hälfte gekürzt. Schwänzt jemand zweimal unentschuldigt, wird das Sackgeld ganz gestrichen. Den Jugendlichen will man damit Pünktlichkeit beibringen und sie das Einhalten von Regeln lehren. «Gute Leistungen sollen belohnt werden», sagt Roger Hochreutener, noch bis Ende Mai Geschäftsführer der Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten.

Feuerwehr, Polizei und Sanität «fast jeden Tag»

Mitarbeit im Küchen- und im Hausdienst, Nachtruhe unter der Woche um 22 Uhr, am Wochenende um 24 Uhr: Das tönt nach strenger Hand und hartem Regime. Doch Zentrumsleiter Daniel Kälin wehte am Montagabend im voll besetzten Speisesaal ein rauer Wind entgegen. Ein normaler Orientierungsabend in der Standortgemeinde hätte es werden sollen, doch Anwohner und Bürger der Stadt Rheineck und der Gemeinde Thal hatten andere Beobachtungen rund um die Marienburg gemacht. Feuerwehr, Polizei, Sanität «fast jeden Tag» hätten sie registriert, Schlägereien, herumlungernde Jugendliche weit nach der offiziellen Nachtruhe unterwegs mit lauter Musik und erst recht am Bahnhof Rheineck. «Das beisst sich mit dem hier Geschilderten», sagte eine Anwohnerin.

Hochreutener gab zu, dass man noch einiges besser machen könne. Die Blaulichtorganisationen würden oft auch präventiv aufgeboten, um die Angestellten zu schützen: «Mit den 40 Mitarbeitenden decken wir 365 Tage mal 24 Stunden ab. Aber natürlich sehen wir nicht alles.» Im Rahmen der Tagesstruktur würden die Jugendlichen begleitet, in der Freizeit aber nicht, wie das auch in Schweizer Familien üblich sei. «Und wer übernimmt die Verantwortung für sie?» «Wir sind ihre Familie.» Bei 105 Pubertierenden unter dem gleichen Dach gebe es natürlich auch eine gute Handvoll Schlitzohren: «Aber wir sind kein Gefängnis!» Neun von zehn Jugendlichen verhielten sich korrekt. Bei aller Kritik gelte es dieses Verhältnis zu wahren. Die Zentrumsleitung verzichtet daher bewusst auf einen Sicherheitsdienst: «Die Jugendlichen müssen merken, wie sie sich in unserer Gesellschaft verhalten müssen.» Innerhalb des Zentrums werde unmittelbar auf Krisensituationen reagiert.

Betreuung kostet 150 Franken pro Kopf und Tag

Die Marienburg steht als Jugendheim unter Aufsicht des Kantons, das Amt für Soziales schreibt den Personalschlüssel vor: Die Jugendlichen werden heute von Erziehern, Sozialpädagoginnen, Lehrern und anderen Erwachsenen betreut. «Wir sind aber immer noch in der Aufbauphase», sagt Kälin. Grosse Teile des Personals habe man erst rekrutieren müssen und werde sie nun speziell noch für die Flüchtlingsbetreuung schulen. Im Februar kamen zwei erfahrene Berufsbeistände dazu. Sie unterstehen der Schweigepflicht und rapportieren direkt der Kindes- und Erwachsenenschutz-Behörde, wenn sie die Rechte der einzelnen Jugendlichen wahrnehmen, beispielsweise bei der Unterzeichnung eines Lehrvertrags. «Heute haben beinahe alle Schutzbedürftigen einen Beistand», sagt Kälin.

150 Franken kostet die personalintensive Betreuung in der Marienburg pro Kopf und Tag. 50 Franken zahlt der Bund, damit bleiben 100 Franken für die Gemeinden. Diese haben sich solidarisch auf zehn Franken pro Einwohner geeinigt, auch jene sechs mit Gruppenunterkünften: Sie müssen normalerweise weniger Flüchtlinge übernehmen. Die Gemeinden rechnen ab 2018 mit einem Jahresaufwand von rund fünf Millionen Franken für die Betreuung der jungen Flüchtlinge, die nach sechs bis neun Monaten im Internat bis zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit in den Gemeinden bleiben oder bis zum 25. Altersjahr.

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