Millionenbetrug via Herisau

Eine Nürnberger Firma verkaufte angeblich profitable Kraftwerke – ein lusches Angebot von einer Betrügerbande, wie die Polizei vermutet. Sieben Personen, darunter ein Rorschacherberger, sitzen in Haft. Und alle Spuren führen nach Herisau.

Bruno Turchet/Nürnberg
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Sie versprachen viel und hielten fast nichts: die Verkäufer und angeblichen Topmanager der Gesellschaft für erneuerbare Energien (GFE) aus Nürnberg. Seit 2009 schwärmten sie wie Heuschrecken in Bayern, Baden-Württemberg und der Ostschweiz aus. Sie versuchten mit Rapsöl betriebene Blockheizkraftwerke in Containerbauweise zum Stückpreis zwischen 30 000 und 100 000 Euro zu verkaufen. Diese sollten eine Leistung zwischen 30 und 100 Kilowatt erbringen.

Mit umweltfreundlichen und energiesparenden Argumenten warben sie auf schick aufgemachten Flyern und Broschüren für ihre revolutionären Kraftwerke, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen sollten. Und die meisten Verkäufer der kleinen Kraftwerke versprachen den Anlegern vor allem traumhafte Renditen.

1200 geschädigte Anleger

So traumhaft, dass Staatsanwaltschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufmerksam wurden und seit November 2010 ermitteln. Sieben GFE-Manager sitzen in Untersuchungshaft, darunter auch der mutmassliche Kopf der bandenmässig agierenden Betrugsfirma – ein Deutscher, der seit Jahren in Rorschacherberg wohnt. Zusammen mit einem Freund aus Nürnberg soll er mittels Vertriebsnetzes in betrügerischer Absicht Blockheizwerke verkauft haben, die nie ausgeliefert wurden.

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg geht von über 1200 geschädigten Anlegern aus. Darunter auch viele Schweizer. Im November 2010 liessen die Nürnberger Ermittler 30 Wohn- und Geschäftsräume durchsuchen. Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke erklärt gegenüber unserer Zeitung: «Mittlerweile ermitteln wir gegen 46 Personen. Sieben sitzen seit Ende November in bayrischen Untersuchungsgefängnissen. Die meisten Beschuldigten schweigen, doch einer gab kürzlich zu, von einem gewissen Zeitpunkt an erkannt zu haben, dass die GFE vor allem ein riesiges Betrugssystem darstellt.»

Hinter der GFE-Group verbirgt sich ein Firmengeflecht, welches an eine Herisauer Adresse führt. Die Staatsanwaltschaften Nürnberg und St. Gallen haben vorsorglich dringliche Arreste erwirkt, um Vermögenswerte von 52,5 Millionen Euro zu sichern. Gabriels-Gorsolke: «Der damit nicht deckungsgleich geschätzte Schaden für die Anleger beläuft sich auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.» Allein bei der St. Galler Kantonalbank wurden mehrere Geschäfts- und Privatkonten sowie Bankfächer von GFE-Beteiligten gesperrt. Ebenso wurden Nobelkarossen der Marken Bentley und Maserati mit AR-Nummernschildern, Juwelen, Uhren und Bargeld in sechsstelliger Höhe beschlagnahmt.

Firmengeflecht in Herisau

Im Fokus der deutschen Ermittler stehen seit kurzem die Firmen FI-Holding, Suisse Vermögensverwaltung AG, Swisstop Invest, GFE-Energy AG, alle an der Bahnhofstrasse 21 in Herisau; sowie die Fun Tastix GmbH, Like Ice AG Heiden und die Fun Skate GmbH Rorschacherberg. In all diesen Firmen agierten die Hauptbeschuldigten, Herisau spielte im «Energie-Roulett-Spiel» eine zentrale Rolle. Ein Ermittler sagt: «Je länger wir recherchieren, umso mehr Geschädigte melden sich bei uns. Der Fall dürfte uns noch Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen.» Man habe erst kürzlich «auch GFE-Verbindungen nach England und den Kanarischen Inseln festgestellt», mit weiteren Firmen. Für die Oberstaatsanwältin ist «ein Ende der Ermittlungen nicht absehbar: Es kommen immer mehr neue Fakten, die gegen die Beschuldigten sprechen, zum Vorschein».

In Herisau, der Drehscheibe der dubiosen Geschäfte, ging vor zwei Wochen die GFE-Energy AG in Konkurs. Damit schrumpfen die Hoffnungen vieler Anleger, ihr Geld wieder zu bekommen.

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