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MIGRATION: Ein Missstand vom Hörensagen

Die anonym in den Medien geäusserten Anschuldigungen gegen Befrager im Empfangszentrum Kreuzlingen werden als «unbelegt» eingestuft. Beim Bund wurden offiziell keine Vorwürfe erhoben.

«Du bist dumm», «Verarsch mich nicht», oder «Ich hab die Schnauze voll. Du lügst». So sollen Mitarbeiter des Empfangszentrums Kreuzlingen Asylsuchende bei Erstbefragungen angepackt haben. Das berichtete damals der «Tages-Anzeiger», die Quellen blieben anonym. Ein Jahr später beruft sich das Staatssekretariat für Migration (SEM) nach wie vor darauf, dass es sich dabei um «unbelegte Vorwürfe» gehandelt habe: «Die kolportierten Fälle, die im Artikel beschrieben werden, entstammen dem Hörensagen», sagt SEM-Sprecher Lukas Rieder. Die anonymen Vorwürfe seien nie so dem SEM gemeldet worden, dass dies den Vorschriften entsprochen hätte. Rieder: «Wenn solch schwere Vorwürfe erhoben werden, ist es unabdinglich, dass diese an den vorgesehenen und festgelegten Instanzen innerhalb des SEM gemeldet werden und zwar in nachvollziehbarer Form.» Im vergangenen Jahr gab es laut Rieder keine Meldungen mehr in dieser Art aus Kreuzlingen, auch nicht aus anderen Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ). Wurde seither etwas verändert, um etwaigen Mängeln bei der Befragung von Asylsuchenden zu begegnen? Rieder: «Selbstredend wurden die Vorwürfe intern besprochen und in den verantwortlichen Kadern diskutiert.» Weil es bei Vorwürfen blieb und an das SEM keine direkten Meldungen gab, wurden auch in Kreuzlingen auch keine Befrager entlassen oder abgemahnt. Für Rieder ist aber klar: «Das SEM toleriert keinerlei Verhalten seiner Mitarbeiter, das gegen die Rechtsordnung verstösst oder in irgendeiner Form den Respekt vor den Asylsuchenden in Frage stellt.»

Mit Schulungen auf Eskalation vorbreitet

Da es keine direkten Meldungen über fragliches Verhalten von SEM-Mitarbeitern bei Befragungen gab, aber auch keine Zwischenfälle, bei denen die Sicherheit der Mitarbeitenden des EVZ Kreuzlingen gefährdet gewesen wäre, steht das EVZ Kreuzlingen nun auch nicht unter spezieller Beobachtung durch das SEM. Das Staatssekretariat hält an der Prognose von 24500 Asylgesuchen fest. «Diese Zahl ist auch die Basis für die Planung», sagt Rieder. Das EVZ Kreuzlingen verfüge über genügend Befrager. Auch bei einem Anstieg von Asylanträgen werde man keine Abstriche in der Qualifikation der Mitarbeiter machen.

Die Kadenz der Befragungen kann in Spitzenzeiten der Asylanträge sehr hoch sein. Befragungen können über Stunden gehen und beinhalten teils schwer verdauliche Inhalte über Flucht- und Kriegserlebnisse der Befragten. Die Befrager werden dafür speziell geschult. Sollte es dabei zu einer Eskalation kommen, sollten die Befrager darauf vorbereitet sein. Seit 2015 würden regelmässige Weiterbildungen angeboten werden, sagt Rieder. Ebenfalls seien die Mitarbeiter auf den Kontakt mit Traumatisierten und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sensibilisiert.

Judith Meyer

ostschweiz@tagblatt.ch

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