"Mieter haben gute Karten in der Hand"

ST.GALLEN. Der Referenzzinssatz sinkt auf 1,75 Prozent, in der Folge müssten die Mieten um 2,91 Prozent tiefer werden. Für den Mieterverband bedeutet das viel Arbeit. "Oft senken Vermieter den Mietpreis erst, wenn der Mieter vor die Schlichtungsstelle geht", sagt Hugo Wehrli, Geschäftsleiter des Mieterverbandes Ostschweiz.

Christa Kamm-Sager
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Mit der neuesten Entwicklung des Zinssatzes müssten Mieten in der Schweiz um knapp drei Prozent günstiger werden - werden sie das auch?
Hugo Wehrli:
In vielen Fällen ist das leider nicht so. Kleinere Vermieter und Genossenschaften geben ihren Zinsvorteil eher weiter. Viele Vermieter reagieren aber leider erst auf Anfrage der Mieter. Man muss als Mieter also oft selber aktiv werden. Es kursiert die Zahl von 14 Milliarden Franken: So eine riesige Summe zahlen Mieter zu viel pro Jahr - zugunsten der Vermieter.

Hugo Wehrli, Geschäftsführer Mieterverband Ostschweiz. (Bild: Samira Mehdiaraghi)

Hugo Wehrli, Geschäftsführer Mieterverband Ostschweiz. (Bild: Samira Mehdiaraghi)



Aber es gibt Vermieter, die ihren Zinsvorteil automatisch den Mietern weitergeben?
Wehrli:
Es gibt sie, aber nach unseren Erfahrungen machen sie weniger als die Hälfte aus.

Was macht man als Mieter, wenn der Mietzins jetzt unverändert hoch bleibt und nicht gesenkt wird?
Wehrli:
Wenn der Mietzins nicht gesenkt wird, hat der Mieter die Möglichkeit und das Recht, dem Vermieter einen Brief zu schreiben und darin die Mietzinssenkung einzufordern. Der Vermieter muss dann innerhalb von 30 Tagen reagieren. Macht er das nicht, kann sich der Mieter an die Schlichtungsstelle wenden. Wenn der Vermieter eine grössere Nettorendite als 2,25 Prozent (bei Neubauten Bruttorendite 3,75 Prozent) aufweist, bewegt er sich im missbräuchlichen Bereich.

Kommt es oft vor, dass Mieter sich an die Schlichtungsstelle wenden?
Wehrli:
Ja. Vielfach ist es so, dass Vermieter erst dann reagieren, wenn ein Mieter mit der Schlichtungsstelle Kontakt aufnimmt. Es gibt auch Vermieter, die den Mietern ein Standardschreiben verschicken und darin festhalten, dass sie wegen fehlender Rendite nicht imstande seien, den Mietzins zu senken. Das muss ein Vermieter aber beweisen können.

Kommt es auch zu Drohungen, wenn sich ein Mieter getraut, einen tieferen Mietzins einzufordern?
Wehrli:
Drohungen kommen immer wieder vor. Aber es sind rechtlich gesehen missbräuchliche Kündigungen, wenn ein Mieter die Wohnung verlassen muss, nur weil er sich für sein Recht gewehrt hat. Da haben Mieter gute Karten in der Hand. Das andere ist das gute Verhältnis, das hier manchmal nur schon dann gestört wird, wenn der Mieter dem Vermieter einen eingeschriebenen Brief schickt. Die Praxis zeigt, dass es schwierig ist, einen gerechten Mietzins einzufordern; dafür braucht es viel Fingerspitzengefühl, gerade bei persönlichen Mietverhältnissen. Es gibt auch heute noch Mieter, die mit einem Zinssatz von 3,5 Prozent wohnen.

Aber die Mieten in der Region St.Gallen sind immer noch vergleichsweise günstig.
Wehrli:
Das stimmt. Bei uns ist der Nachfragedruck noch nicht so gross. Aber man muss jetzt die Weichen stellen, wenn wir nicht auch in eine Wohnungsknappheit hineinlaufen möchten. In Zürich sind beispielsweise ein Viertel aller Wohnungen genossenschaftlich organisiert. Bei uns sind es nur fünf Prozent. Eine Stadt kann das durchaus etwas steuern und nur gewinnen dabei.

Bedeutet so eine Referenzzinssatzsenkung automatisch viel Arbeit für den Mieterverband?
Wehrli:
Ja, wir haben dann immer sehr viele Telefonanrufe. Es gibt viele, die Hilfe brauchen, um ihr Recht einzufordern. Und es ist auch unser Anliegen, die Mieter darin zu unterstützen, aktiv zu werden. In den nächsten Tagen werden wir Flyer mit Informationen zum Thema in 350'000 Haushaltungen der Deutschschweiz verteilen.

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