Messerattacke: Justiz war gewarnt

Ein Libanese hat am Dienstagabend in Grabs den Freund seiner Ex-Partnerin lebensgefährlich verletzt. Seit der Trennung hatte er laut der Frau mehrmals schwerste Drohungen geäussert. Die Staatsanwaltschaft räumt Fehler ein.

Drucken
Teilen

GRABS. Ein 45jähriger Schweizer ist am Dienstagabend um 21 Uhr auf einer Sitzbank in Grabs von einem 34jährigen Libanesen mit einem Messer in den Bauch gestochen und lebensgefährlich verletzt worden. Das Opfer sass zusammen mit seiner Freundin, der 44jährigen Ex-Partnerin des Libanesen, auf einer Gartenbank vor dem Haus. Das Opfer wurde mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Spital verbracht, wie die Kantonspolizei mitteilt. Der Beschuldigte stellte sich rund eine Stunde später bei der Polizei. Er wurde festgenommen. Die Polizei geht von einem Beziehungsdelikt aus. Die Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren wegen des Verdachts der versuchten vorsätzlichen Tötung eröffnet.

Schwere Vorwürfe

Die Frau erhob gegenüber unserer Zeitung schwere Vorwürfe gegen die Justiz. Es sei unerklärlich, warum ihr Noch-Ehemann, der über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, nicht schon früher festgenommen worden sei, schrieb sie in einer Mitteilung. Ihr Ex-Partner sei schon vor der Trennung mehrfach straffällig geworden. Er habe unter anderem Geld gefälscht und mehrere Einbrüche verübt, zudem habe er sich der Hehlerei schuldig gemacht und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen. Auch geschlagen habe er sie während der vierjährigen Ehe.

«Während Monaten gedroht»

Die Frau schreibt weiter, sie habe sich im Juli nach vier Jahren Ehe von dem Mann getrennt und sei aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Seit September wohne sie bei ihrem 74jährigen Vater in Grabs. «Nach der Trennung hat mich mein Noch-Ehemann gestalkt, dauernd abgepasst, angerufen, Hausfriedensbruch begangen und vieles mehr.» Zudem habe er während Monaten gedroht, dass er ihren neuen Partner umbringen werde. Sie habe deshalb mehrfach Anzeige bei der Polizei eingereicht.

«Keine akute Gefährdung»

Auf Anfrage von «FM1 Today» erklärte Roman Dobler, Sprecher der St. Galler Staatsanwaltschaft, dass die Justiz Kenntnis von den Anzeigen der Frau gegen ihren Ex-Partner gehabt habe. «Aufgrund der konkreten Umstände, in denen die Drohungen geäussert wurden, sowie von weiteren äusseren Faktoren haben die Strafverfolgungsbehörden des Kantons St. Gallen keine akute Gefährdung gesehen, was sich im nachhinein als falsche Lagebeurteilung herausgestellt hat», sagte Dobler.

«Ohne Vorwarnung»

Die Frau schildert, dass sich der Libanese vor der Tat gemeldet habe: «Vorgestern hat mein Noch-Ehemann wieder einmal bei meinem Vater angerufen – mein Freund hat das Telefon abgenommen. Mein Noch-Ehemann hat gedroht, vorbeizukommen und ihn langsam in Stücke zu schneiden.» Sie habe die Drohung mit dem Handy aufgenommen und den Vorfall sofort der Polizei gemeldet. Man habe ihr empfohlen, einmal mehr Anzeige zu erstatten. «Tragischerweise ist mein Partner nicht mehr dazu gekommen.»

Am Dienstagabend um 21 Uhr dann habe der Libanese ihrem Partner draussen beim Rauchen aufgelauert und sei ohne Vorwarnung mit dem Messer auf ihn losgegangen. Seither ringe ihr Freund um sein Leben. (av/sko)