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MENSCHENRECHTE: «Die Empörung gab mir Kraft»

Monika Hauser hat vor 25 Jahren die Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale gegründet. Heute spricht sie in St. Gallen, wo sie aufgewachsen ist. Die Gynäkologin über Kriegstraumata, Sexismus und warum Frauen an die Macht gehören.
Katharina Brenner
In Kabul haben Frauen in einem Fitnessstudio die Möglichkeit, frei Sport zu machen. (Bild: Elissa Bogos/medica mondiale)

In Kabul haben Frauen in einem Fitnessstudio die Möglichkeit, frei Sport zu machen. (Bild: Elissa Bogos/medica mondiale)

Interview: Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Monika Hauser, wann hat Ihr Interesse für Frauenrechte begonnen?

Meine Südtiroler Grossmutter und andere weibliche Verwandte haben mir von sexuellen Übergriffen durch Ehemänner, Onkel oder Dienstherren erzählt. In meinem Religionsheft aus der 4. Klasse steht schon ein feministisches Pamphlet.

Hatten Sie in Ihrem Umfeld in Goldach und St. Gallen Personen, die für Ihre heutige Arbeit prägend waren?

Nein, nicht für meine heutige Arbeit. Aber ich hatte zum Beispiel einen wunderbaren Lateinlehrer, den Professor Merz, der sehr unterstützend war und mein Selbstvertrauen gefördert hat.

Ihr Vortrag heute in St. Gallen trägt den Titel: «Frauenrechte sind Menschenrechte – und warum das immer noch nicht selbstverständlich ist». Warum ist das so?

Weil nach wie vor tagtäglich Frauen und Mädchen vergewaltigt, gefoltert und versklavt werden – in Kriegsgebieten wie Irak und Nachkriegsgebieten wie Kosovo. Durch Soldaten, Nachbarn, Ehemänner. Es fehlt der politische Wille, Frauenrechte und die entsprechenden Gesetze umzusetzen. Auch im Westen sehen wir viel sexualisierte Gewalt. Jede dritte bis vierte Frau in der Schweiz erlebt sexuelle Übergriffe: Sexismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz sind Realität.

Sexistische Sprüche sind aber etwas anderes als Vergewaltigungen.

Das ist etwas anderes, aber der Ursprung ist beides Mal eine patriarchale Gesellschaft, die Frauen entwürdigt.

Ist die Welt für Frauen nach der MeToo-Debatte eine bessere?

Auf jeden Fall eine bewusstere. Männer in bestimmten Positionen müssen sich jetzt viel mehr überlegen, was sie tun und welche Folgen das haben könnte. Aber die Fortschritte für Frauenrechte gehen nur langsam voran. Das ändert sich erst, wenn es ein breiteres Bewusstsein bei Männern und Frauen dafür gibt, dass wir alle für mehr Respekt untereinander verantwortlich sind.

Was muss politisch passieren?

Von Politikerinnen und Politikern erwarte ich klare Worte und Taten gegen Kriege und Waffenexporte, eine ernsthafte Bekämpfung von Fluchtursachen sowie mehr Engagement für zivile Krisenprävention. Weltweit ist Straflosigkeit eines der grössten Probleme und ein verheerendes Signal an Täter. Die Diskriminierung von Frauen und Mädchen, Gewalt in der Familie, Frauenhandel und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt müssen ein Ende haben. Bei Friedensprozessen müssen endlich Frauen adäquat beteiligt werden; nur sie vertreten die Interessen von Frauen.

Wäre die Welt friedlicher, wenn mehr Frauen an der Macht wären?

Friedensverhandlungen, an denen Frauen beteiligt sind, sind sehr viel erfolgreicher. Abgesehen davon sind Frauen die Hälfte der Menschheit. Es ist ihr Recht, beteiligt zu sein an der Macht.

Beispiele wie Margaret Thatcher oder Condoleezza Rice zeigen, dass Politik von Frauen nicht unbedingt friedvoller ist.

Ja, das stimmt. Weil sie sich in einem männlich dominierten Umfeld behaupten müssen, kann sogar das Gegenteil der Fall sein. Es braucht die kritische Masse von Frauen. Nicht nur in der Politik, auch in den Verwaltungsräten.

1993 haben Sie in der bosnischen Stadt Zenica ein Frauentherapie-Zentrum eröffnet. Warum?

Ich war wütend über die massenhaften Vergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan. Die Empörung gab mir die Kraft, mich auf den Weg zu machen. Als junge angehende Frauenärztin hatte ich in Südtirol und Essen mit Frauen nach Gewalterfahrungen gearbeitet. Deshalb wollte ich vor Ort helfen. Internationale Hilfsorganisationen planten kaum Angebote. Schnell fand ich hoch motivierte einheimische Fachfrauen. Zusammen mit 20 bosnischen Ärztinnen, Psychologinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen bauten wir 1993 in Zenica das erste Therapiezentrum auf.

Ende 1995 zogen Sie sich nach einem Zusammenbruch zurück. Waren Sie selbst traumatisiert?

Nach der anstrengenden Zeit in Zenica mitten im Krieg hatte ich einen Zusammenbruch – physisch wie seelisch ging nichts mehr. Da war eine Pause wichtig.

Wie haben Sie gelernt, Ihre Grenzen einzuschätzen?

Das war ein jahrelanger Prozess und wird es bleiben. Aber mittlerweile gibt es dafür professionelles Wissen. Wir haben bei Medica Mondiale ein Projekt für alle Mitarbeiterinnen: «Achtsame Organisationskultur». Wir wollen ein Bewusstsein für unsere Verletzlichkeit entwickeln. Die Arbeit mit gewaltvollen Inhalten hat traumatisierende Auswirkungen auf uns. Daher gilt es, gut für sich zu sorgen, zum Beispiel indem man professionelle Supervision in Anspruch nimmt.

Woraus schöpfen Sie Kraft?

Meine Verbundenheit mit Kolleginnen weltweit zu spüren und sie zu pflegen. Ich begegne früheren Klientinnen zum Beispiel in Bosnien, und es ist sehr berührend, zu sehen, dass sie nicht nur überlebt haben, sondern sich dem Leben wieder zuwenden. Sehr wichtig ist mein Mann, der mich seit 25 Jahren unterstützt, indem er Kind- und Haus-Management übernommen hat und mir ein politisches Gegenüber ist.

Sie sind nach wie vor auf dem Balkan aktiv. Welche Probleme haben Frauen dort heute?

In Bosnien und Herzegowina haben wir eine Studie durchgeführt und festgestellt, dass viele Frauen bis heute an den Folgen der Kriegsvergewaltigungen leiden. 85 Prozent der Teilnehmerinnen sind nach eigenen Angaben in ärztlicher Behandlung. Die Auswirkungen sexualisierter Kriegsgewalt begleiten die Betroffenen ein Leben lang. Dazu kommen wirtschaftliche Probleme und politische Instabilität. Eine echte Aufarbeitung der Folgen von Kriegstraumata hat nie begonnen. Auch die de-facto-Straflosigkeit fördert Schweigen und Gewalt.

Wie sieht die Hilfe von Medica Mondiale vor Ort aus?

Wir unterstützen mit rund 30 Partnerorganisationen Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt, zum Beispiel in Afghanistan, in Kosovo, Liberia und Ruanda. Lokale Mitarbeiterinnen beraten von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen, begleiten sie ins Spital, zur Polizei oder bei der Gerichtsverhandlung. Und sie bieten vor Ort Ausbildungskurse an. So bekommen Frauen die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen. Es gehört auch politische und gesellschaftliche Bewusstseinsarbeit dazu – nur so lassen sich Strukturen verändern.

Ihre Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen der Alternative Nobelpreis?

Das ist meine mir wichtigste Ehrung, ein deutliches politisches Signal der Jury für die Relevanz des Kampfes gegen sexualisierte Gewalt.

Das Bundesverdienstkreuz lehnten Sie 1996 ab. Warum?

Ich habe die Auszeichnung nicht angenommen, weil die deutsche Innenministerkonferenz damals beschlossen hatte, bosnische Flüchtlinge trotz der katastrophalen Zustände in Bosnien zurückzuführen. Von einer Regierung mit einer solchen inhumanen Politik wollte ich keine Ehrung annehmen.

Sie leben in Köln, sind weltweit unterwegs. Sind Sie Ihrer alten Heimat nach wie vor verbunden?

Ich freue mich, dass wir seit 2009 eine Stiftung in der Schweiz haben und Unterstützerinnen unsere Arbeit fördern. Das hat mich der Schweiz wieder näher gebracht.

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