«Menschen sind mehr als eine schlecht bezahlte Funktion in der Wirtschaft» – Komitee formiert sich gegen verlängerte Ladenöffnungszeiten in der Stadt St.Gallen

Der Stadtrat hat Reglemente geändert und es ermöglicht, dass in der Innenstadt Läden an Werktagen bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein können. Dagegen formiert sich nun Widerstand: An einer Medienkonferenz legen Gegner des Sonntagsverkaufs ihre Argumente dar und lancieren die Initiative «Kein Sonntagsverkauf in der Stadt St.Gallen».

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Die St.Galler Läden können bereits eine Stunde länger offen haben.

Die St.Galler Läden können bereits eine Stunde länger offen haben.

Bild: Benjamin Manser

(pd/chs) Ein breites Bündnis formiert sich gegen verlängerte Ladenöffnungszeiten in der Stadt St.Gallen und lanciert deshalb die Initiative «Kein Sonntagsverkauf in der Stadt St.Gallen». An einer Medienkonferenz stellten die Protagonisten ihre Argumente vor.

Stadtrat respektiert Volksentscheide nicht

Für Jenny Heeb, Vorstand und Stadtparlamentarierin SP, ist klar, dass die Ladenöffnungszeiten vom Volk entschieden werden sollen. Der Stadtrat respektiere die vergangenen Volksentscheide nicht. Diese hätten sich klar gegen liberalisierte Ladenöffnungszeiten ausgesprochen. Das Verkaufspersonal müsse besser geschützt werden: Im Detailhandel seien die Löhne tief und die Arbeitsbedingungen oft schwierig. Gesamt-Arbeits-Verträge seien wenig verbreitet. «Erst wenn sich die Arbeitsbedingungen des Personals verbessert haben, soll über neue Ladenöffnungszeiten diskutiert werden», sagt sie.

Zudem bestehe kaum ein Bedürfnis nach ausgebauten Ladenöffnungszeiten für das lokale Gewerbe. Längere Öffnungszeiten, welche durch das kantonale Gesetz geregelt sind, würden unter der Woche vorwiegend von den Grossverteilern genutzt. «Kleinere Läden schliessen vorzeitig und nutzen auch den Abendverkauf kaum.» Zudem seien die verlängerten Ladenöffnungszeiten willkürlich und würden keinem touristischen Bedürfnis entsprechen, wie es Art. 2 des Reglements über Ruhetage und Ladenöffnung verlange.

«Sonntag ist für die Familien und die Beziehungen lebensnotwendig»

Auch Peter Oberholzer, Gemeindeleiter Pfarrei Heiligkreuz und Mitglied der Sonntagsallianz, ist im Initiativkomitee vertreten und erklärt die Haltung aus Sicht der Kirche. «Der Sonntag schenkt uns regelmässig Zeit, damit wir miteinander zusammen sein können. Der Sonntag ist für die Familien und die Beziehungen lebensnotwendig», heisst es in der Medienmitteilung. Er sei aber auch für die Kultur, den Sport und das religiöse Leben unverzichtbar. «Wir Menschen sind mehr als was wir leisten, mehr als eine planbare, abrufbereite und oft schlecht bezahlte Funktion in der Wirtschaft. Wir haben eine Würde.» An einem Tag in der Woche sei der Kunde nicht König, da würde die Familie und die Beziehungen vorgehen. Der Stadtrat verletze die Würde der Verkäuferinnen massiv und er blende auch aus, dass das Stimmvolk den arbeitsfreien Sonntag in mehreren Abstimmungen geschützt habe.

Bringt nicht mehr Gewinn

Ladeninhaberin Nanna Rittgardt glaubt nicht, dass erweiterte Ladenöffnungszeiten und Sonntagsverkäufe mehr Sicherheit, geschweige denn mehr Gewinn bringen würden. Für sie als Besitzerin eines kleinen Ladens in der St.Galler Innenstadt sowie als Mutter von vier Kindern seien längere Öffnungszeiten gar nicht möglich. Wie in vielen anderen Geschäften in der Innenstadt, werde es ab 18 Uhr langsam stiller und die Menschen gehen nach Hause. «Selbst der Abendverkauf ist ganz langsam eingeschlafen und hat sich aus der Stadt still verabschiedet so wie viele Läden gleich mit», sagt die Geschäftsfrau. Viele Ladeninhaberinnen würden sich diese zusätzlichen Stunden nicht leisten können, weder finanziell, noch aus betrieblichen Gründen.

«Konsumenten wissen nicht mehr, wer nun bis wann offen hat»

Das Verlängern der Öffnungszeiten führe nicht unbedingt zu mehr Umsatz. Vielmehr würden sich die Kunden auf die längeren Öffnungszeiten verteilen, äussert sich Daniel Bertoldo, Präsident und Stadtparlamentarier EVP. «Als Folge besteht die Gefahr, dass die Verkaufsgeschäfte individuell ihre Öffnungszeiten festlegen und die Konsumenten nicht wissen, wer nun bis wann offen hat.» Der EVP sei wichtig, dass in unserer immer hektischer werdenden Gesellschaft der Sonntag speziell vom Gesetzgeber als Ruhetag geschützt werde. «Wenigstens am Sonntag soll nicht der Konsum im Vordergrund stehen, sondern vielmehr Erholung, Entschleunigung und vor allem Zeit für die Familie.»

Bessere Löhne und klare Regelungen der Arbeitszeiten

Auch Danijela Dragicevic, Sektionsleiterin Unia Säntis-Bodensee, kritisiert, dass das Ende des Arbeitstages für das Verkaufspersonal weiter nach hinten verschoben werde, «damit länger geshoppt werden kann.» Kleine Detailhändler hätten nicht die Personaldecke, um das bewerkstelligen zu können. Es werde immer mehr Arbeit gefordert und im Gegenzug gebe es weniger Erholungszeit. «Wer mehr fordert, muss auch Zugeständnisse machen. Es braucht bessere Löhne und klare Regelungen der Arbeitszeiten», sagt die Gewerkschaftsvertreterin. «Ein verbindlicher Mindestlohn in der Branche wäre ein erster, bitternötiger Schritt.» Alle würden einen guten Service wollen, aber dafür müssten die Anstellungsbedingungen auch entsprechend sein.

Grossverteiler bevorzugt

Auch wenn es sein möge, dass der Stadtrat in guter Absicht zur Unterstützung einiger Ladengeschäfte seine Kompetenz wahrgenommen habe, so lasse er mit diesem Vollzugsreglement jegliches soziales, gesellschaftliches und demokratisches Augenmass vermissen, äussert sich Christian Huber, Stadtparlamentarier und Vorstand Grüne in der Medienmitteilung. «Der Stadtrat unterstützt nicht diejenigen, die es eigentlich am meisten nötig haben, nämlich die kleinen, eigenständigen Ladenbesitzer, sondern bevorzugt die grossen Riesen, die es sich leisten können, mit ihren hohen Margen und tiefen Löhnen ihre Tore länger offen zu halten.»

«Es braucht Investitionen in das Kleingewerbe»

«Die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten bedeutet einen Verlust an Lebensqualität für alle Angestellten im Detailhandel, die bereits jetzt mit prekären Arbeitsbedingungen kämpfen», lässt sich auch Dietmar Helbig, Regionalsekretär Syndicom Ostschweiz, in der Medienmitteilung zitieren. Zur Zeit sehe der Gesamtarbeitsvertrag der Deutschschweizer Buchbranche beispielsweise vor, dass bei unregelmässiger Sonntagsarbeit ein Zuschlag von 50 Prozent bezahlt werden müsse. Bei regelmässiger Sonntagsarbeit hingegen entfalle dieser Zuschlag. Die Gewerkschaft syndicom stelle sich entschieden gegen eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Denn um dem Detailhandel eine Zukunft mit sozialer Verantwortung zu geben, brauche es eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Investitionen in das Kleingewerbe. «Solche Liberalisierungstendenzen stehen dem diametral entgegen.»