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Serie

«Meine Mutter war die ungekrönte Messie-Queen»: Wie ein Thurgauer Fotograf im Chaos aufwuchs

Messies – Leben im Chaos (letzter Teil): Helio Hickl ist unter schwierigen Umständen aufgewachsen – in bitterer Armut und in einer Messie-Wohnung. Trotzdem hat er die Achtung vor seiner Mutter stets bewahrt.
Daniel Walt
«Sie sammelte jedes Fläschchen, jeden Fetzen, jede Schachtel»: Helio Hickl zeigt am Computer, wie es im Haushalt seiner Mutter aussah. (Bild: Reto Martin)

«Sie sammelte jedes Fläschchen, jeden Fetzen, jede Schachtel»: Helio Hickl zeigt am Computer, wie es im Haushalt seiner Mutter aussah. (Bild: Reto Martin)

Wenn der 71-jährige Helio Hickl aus Hefenhofen an seine Mutter zurückdenkt, kommt ihm vieles in den Sinn. «Gebildet war sie, vielseitig interessiert und humorvoll», hält er fest. Jedes Gespräch mit ihr habe Tiefgang gehabt. Und sie habe ihm insbesondere auch den Respekt vor der Natur und Tieren beigebracht.

Dass seine Mutter ein Messie war und er in schwierigen Verhältnissen aufwuchs, steht für den freischaffenden Fotografen und Journalisten aus dem Thurgau nicht im Zentrum seiner Erinnerungen. Geprägt hat ihn das Messie-Syndrom, an dem seine Mutter litt, trotzdem.

Von Abfall bis hin zu teuren Erbstücken

Vom Keller bis zum Dach war Helio Hickls Elternhaus gefüllt, als seine Mutter Ende 1993 starb. Wochen verbrachte der gebürtige Österreicher in der Folge damit, die Liegenschaft in Baden bei Wien zu räumen. Hickl blickt zurück:

«Das hatte etwas Erlösendes.»

Mit jeder Schicht Material, die er abtrug, grub er wortwörtlich tiefer in der Vergangenheit seiner Mutter, die über Jahrzehnte nichts mehr entsorgt hatte. «Sie sammelte jedes Fläschchen, jeden Fetzen, jede Schachtel. Sogar Schokoladenpapierchen stapelte sie wie Kunstwerke. Meine Mutter war die ungekrönte Messie-Queen», so Hickl.

Neben tonnenweise Abfall und Ramsch kam bei der Räumung des Hauses allerdings auch allerlei Wertvolles zum Vorschein: seltene Buchexemplare beispielsweise, oder ein teurer Tisch – Gegenstände, die seine Mutter von ihren Eltern geerbt hatte.

Dieses und die folgenden Bilder zeigen, wie es im Haus von Helio Hickls Mutter zuletzt aussah. (Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
(Bild: Helio Hickl)
Helio Hickl mit seiner Mutter in früheren Jahren. (Bild: pd)
Helio Hickls Mutter war im Wohlstand aufgewachsen – hier ein Bild aus ihrer Jugend. (Bild: pd)
Helio Hickls Mutter mit ihren beiden Kindern. (Bild: pd)
13 Bilder

Dinge über Jahrzehnte angehäuft: Der Messie-Haushalt von Helio Hickls Mutter

Vom Wohlstand zur bitteren Armut

Gertrude Strecker – so hiess Helio Hickls Mutter – wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. «Schöne Kleider, Theater- und Opernbesuche, Reisen – sie hatte in ihrer Kindheit alles, was man sich nur wünschen konnte», erzählt Helio Hickl.

Der Zweite Weltkrieg zerstörte dann alles: Ihr Mann fiel, und die junge Witwe flüchtete mit ihrer Tochter vor den heranrückenden Russen nach Innsbruck, wo Helio Hickl kurz darauf als uneheliches Kind zur Welt kam. Später kehrte Gertrude Strecker nach Baden bei Wien zurück, wo sie ihre beiden Kinder alleine grosszog.

«Wir lebten in bitterer Armut», sagt Hickl. Er erinnert sich beispielsweise daran, dass er als Kind in Lumpen herumlief, dass er nicht selten hungrig zu Bett gehen musste und dass er und seine Schwester sich vor Weihnachten jeweils mit einem einzigen Täfeli Schokolade begnügen mussten. «So etwas kann man sich heutzutage fast nicht mehr vorstellen.»

Von einem Leben im Wohlstand zum täglichen Überlebenskampf: In dieser massiven Verschlechterung der Lebensumstände durch den Krieg sieht Helio Hickl den Grund dafür, weshalb seine Mutter zum Messie wurde:

«Sie hatte bei jedem Säckchen, bei jedem Karton das Gefühl, das könne man doch nicht wegwerfen, vielleicht sei man irgendwann froh darum.»

«Alles bringt einen weiter»

Als kleines Kind empfand Helio Hickl die Umstände, in denen er aufwuchs, nicht als speziell. «Ich kannte ja nichts anders», hält er fest. Dass es bei ihnen daheim anders aussah als bei anderen Kindern, merkte er ein erstes Mal, als die Familie reiche Verwandte in Wien besuchte – «dort war alles schön und ordentlich».

Später dann wurden die Behörden auf die alleinerziehende Mutter mit den beiden Kindern aufmerksam, es gab öfters Kontrollbesuche. Mit 11 Jahren kam Helio Hickl schliesslich in ein Heim. Die Behörden hatten ein Einschreiten wegen der Unordnung im Haus und der mangelnden Ernährung des Buben als unumgänglich erachtet.

Im Rückblick geht Helio Hickl genauso gelassen und abgeklärt mit seiner schwierigen Kindheit um, wie er das in jenen Jahren selbst tat: Er spricht davon, dass dies sein Schicksal gewesen sei und dass es im Leben immer darum gehe, das Beste aus einer Situation zu machen. «Alles, was passiert, ist wichtig und bringt einen weiter.»

Hilfsversuche ohne Erfolg

Ein umfassender Austausch zwischen Helio Hickl und seiner Mutter über deren Messietum ergab sich weder in seiner Zeit im Heim noch in späteren Jahren. Was Hickl weiss, ist einzig, dass die Mutter Schamgefühle empfand: darüber, dass sie Gäste irgendwann nur noch im Garten empfangen konnte; und darüber, dass jemand nach ihrem Tod das Haus würde räumen müssen.

Versuche, seiner Mutter zu helfen, startete Hickl zwar vereinzelt. Er musste aber rasch merken, dass diese zum Scheitern verurteilt waren. Als er ihr einmal anbot, beim Räumen zu helfen, sagte sie laut Hickl:

«Jetzt will mir sogar mein eigener Sohn meine Sachen wegnehmen!»

So beschloss er irgendwann, seine Mutter auf ihre Art leben zu lassen.

Jeder Mensch hat Achtung verdient

In Helio Hickls Haus in Chatzerüti, einem Weiler in Hefenhofen, stapelt sich ebenfalls eine Menge Material: Bücher, Werkstoffe für Collagen, Kunstdrucke, Fotoalben sind beispielsweise darunter. Helio Hickl lacht:

«Meine Mutter und mich verbindet möglicherweise derselbe Impuls. Auch ich habe einen Trieb, Dinge zu sammeln und zu horten.»

Im Gegensatz zu Messies sei aber nichts Unnötiges darunter – «wobei: Was ist nötig, was unnötig? Das ist doch relativ!»

Eins jedenfalls steht fest: Ein Messie ist Helio Hickl nicht. Die ungezählten Bücher in seiner Bibliothek stehen fein säuberlich aufgereiht in Regalen, Hickls Fotoarchiv ist peinlich genau dokumentiert. Er sei sehr ordnungsliebend, sagt Hickl und fügt erklärend an: «Sternzeichen Jungfrau…» Er meint es nicht abwertend gegenüber seiner Mutter, die den grössten Teil ihres Lebens im Chaos verbracht hat. Was Helio Hickl nämlich immer bewahrt hat, ist die Achtung vor seiner Mutter – etwas, das er für alle Menschen einfordert, egal wie sie leben:

«Jeder Mensch ist ein Schatzkästchen – mit seiner Geschichte, seinen Träumen, seinen Fähigkeiten, aber eben auch seinen Abgründen.»

Serie: Messies – Leben im Chaos

Sie können sich nur schwer von etwas trennen, horten Tausende Dinge, leben in komplett überfüllten Wohnungen, oftmals isoliert von der Aussenwelt: Messies – der Begriff stammt vom englischen Wort «mess» (Unordnung) – gibt es auch in der Ostschweiz. Wie wird man zum Messie? Gibt es Chancen auf Heilung, wenn man am Messie-Syndrom leidet? Und wie gehen Hausbesitzer und Nachbarn damit um, wenn ein Messie in einer Liegenschaft lebt? In einer Serie sind wir diesen und weiteren Fragen rund ums Thema Messies nachgegangen.

Lesen Sie die übrigen Beiträge unserer Messie-Serie nach:

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